Er sieht aus wie Arrigo Sacchi, er spricht wie Arrigo Sacchi, er denkt wie Arrigo Sacchi: absolut pro­gressiv. Kein Wunder, Mau­rizio Viscidi war der beflis­senste Schüler des großen Mister“, der mit Milan zweimal den Hen­kel­pott gewann und nebenbei einen ganzen Sport revo­lu­tio­nierte. Sac­chis inno­va­tiver Mix aus fle­xi­bler Raum­de­ckung, mutigem Nach­vorne-Ver­tei­digen (Pres­sing) und ein­stu­dierten Angriffs­spiel­zügen auf ima­gi­nären Schienen gilt bis heute als Mei­len­stein in der Ent­wick­lung des Fuß­balls vom ein­fa­chen Spiel zum hoch­kom­plexen Stra­te­gie­wett­be­werb. Dabei, und das war das Schönste daran, mutete Sac­chis Fuß­ball stets kin­der­leicht an.

Mau­rizio Viscidi also ist das neue Super­hirn des ita­lie­ni­schen Fuß­balls. Was vor gut einem Jahr­zehnt kaum abzu­sehen war: Von 2007 bis 2010 hockte der bis dato mäßig erfolg­reiche Zweit- und Dritt­li­ga­trainer zu Hause neben dem Telefon und war­tete auf den erlö­senden Anruf irgend­eines Klub­chefs. Doch kein Verein wollte die Dienste des eins­tigen Ama­teur­ki­ckers, dem der wenig schmei­chel­hafte Ruf eines Theo­re­ti­kers anhaf­tete – nicht ganz zu Unrecht übri­gens: Ich habe wäh­rend der Arbeits­lo­sig­keit ange­fangen, Bücher zu lesen und zu schreiben“, erzählte der Inter­view-scheue Viscidi kurz vor dem Corona-Lock­down dem Online­ma­gazin ulti​mouomo​.com.

Marsch­route? Intel­li­genter Fuß­ball!

Im Spät­sommer 2010 kam end­lich der erlö­sende Anruf. Im Dis­play stand: Arrigo“. Arrigo Sacchi war soeben zum Nach­wuchs­ko­or­di­nator des natio­nalen Ver­bandes ernannt worden. Aus den Trüm­mern von Johan­nes­burg“, wo Titel­ver­tei­diger Ita­lien bei der WM 2010 als Grup­pen­letzter vor­zeitig aus­ge­schieden war, sollte der Mister“ ein neues Haus bauen. Sacchi spürte: Er würde viel Zeit benö­tigen – und die Hilfe von Mau­rizio Viscidi. Der lauschte wäh­rend der gemein­samen Jahre beim ita­lie­ni­schen Ver­band nicht bloß Sac­chis Vor­trägen. Er hin­ter­fragte dessen Gedanken, dis­ku­tierte sie mit dem Meister und ent­wi­ckelte sie fort. 2014 ging Sacchi, doch Viscidi blieb beim Ver­band – und wurde 2016 selbst zum Nach­wuchs­ko­or­di­nator ernannt.

Seither hat der begna­dete Fuß­ball-Phi­lo­soph die Arbeit bei den ita­lie­ni­schen Nach­wuchs-Natio­nal­mann­schaften von der U15 bis zur U21 ent­schei­dend geprägt. Mau­rizio Viscidi befeh­ligt ein Heer von über 50 Trai­nern und Scouts für sieben Teams. Seine Marsch­route für alle lautet: Calcio cogni­tivo“, frei über­setzt: intel­li­genter Fuß­ball. Dahinter steckt ein hoch­kom­plexes Kon­zept, das alte ita­lie­ni­sche Erfolgs­re­zepte mit völlig neuen Denk­mus­tern kom­bi­niert. Calcio cogni­tivo“ ist eine Kom­bi­na­tion aus Ball­be­sitz- und Umschalt-Fuß­ball, kurzum: Ita­liens Teams sollen beides beherr­schen und je nach Situa­tion prak­ti­zieren. Dazu braucht es tech­nisch her­aus­ra­gende, hoch ath­le­ti­sche Spieler mit weit über­durch­schnitt­li­cher Spiel­in­tel­li­genz.

Die sport­liche Wei­ter­ent­wick­lung der Junioren-Aus­wahlen ist dabei nur Viscidis vor­der­grün­dige Auf­gabe. Seine eigent­liche Mis­sion ist die Wie­der­be­le­bung der zwi­schen­zeit­lich tot­ge­glaubten A‑Nationalmannschaft. Mau­rizio Viscidi soll sich nicht nur darum küm­mern, dass die Squadra Azzurra“ regel­mäßig mit fri­schem Blut ver­sorgt wird. Er denkt auch täg­lich dar­über nach, wie der Nach­schub an Talent immer besser wird. Und das funk­tio­niert offenbar so gut, dass viele Beob­achter den nächsten EM- oder WM-Titel für Ita­lien nur als eine Frage der Zeit erachten.