Im Mara­cana zu Rio läuft die vierte Minute der Nach­spiel­zeit, und Deutsch­land führt seit der Anfangs­vier­tel­stunde durch ein Tor von Mats Hum­mels. Frank­reich drückt eine Halb­zeit lang schon auf das deut­sche Tor. Immer wieder fliegen Bälle in den Straf­raum. Dann landet ein Ball bei Karim Ben­zema, der plötz­lich ganz dicht vor Manuel Neuer frei­steht. Der fran­zö­si­sche Stürmer fackelt nicht lange und zieht mit voller Wucht ab.

Doch so, wie der Ball auf das deut­sche Tor knallt, prallt er von da wieder zurück. Im ersten Moment sieht es so aus, als hätte Ben­zema den Quer­balken getroffen, weil der Ball don­nernd zurück ins Feld prallt. Erst die Zeit­lupe wird zeigen, dass Neuer blitz­artig seine rechte Hand hob und das Geschoss abge­wehrt hat. Die Fran­zosen sind per­plex, sie können nicht fassen, was da eben pas­siert ist. Dann pfeift der Schieds­richter ab.

Manuel Neuer – das Hin­dernis

Es ist der Moment, in dem Neuer den Traum der Deut­schen vom Titel fest­hält, wird es hin­terher heißen. Mit einem Arm, der sieben Wochen zuvor prak­tisch im Eimer war. Im deut­schen Pokal­fi­nale mit Bayern Mün­chen gegen Dort­mund war Neuer derart übel auf seine rechte Schulter gefallen, dass er zwei Wochen lang seinen rechten Arm nicht mal richtig heben konnte. Und jetzt hat dieser Arm eine wackelnde deut­sche Mann­schaft im Tur­nier gehalten. Der Aus­gang ist bekannt. Neun Tage später stemmt Neuer den Welt­pokal in den Himmel von Rio.

Diese Nie­der­lage liegt uns immer noch im Magen“, sagt der fran­zö­si­sche Mit­tel­feld­spieler Moussa Sis­soko zwei Jahre später. Wieder einmal trifft Frank­reich auf Manuel Neuer. Werden die Fran­zosen bei ihrem Tur­nier diesen Tor­wart über­winden können?

Die fran­zö­si­schen Zei­tungen haben näm­lich noch ein anderes Spiel her­vor­ge­kramt, jenes von den Play-offs zur U‑21-EM 2009. Deutsch­land wurde damals Euro­pa­meister in Schweden, mit Spie­lern, die die Welt­meis­ter­mann­schaft prägen wie Özil, Boateng, Hum­mels, Höwedes und eben Neuer. In der Qua­li­fi­ka­tion setzte sich die Mann­schaft gegen die Frank­reichs durch mit Spie­lern wie Lloris, Matuidi, Payet und Sis­soko. Das Hin­spiel in Mag­de­burg endete 1:1, das Rück­spiel gewannen die Deut­schen in Metz, das Tor in der 90. Minute schoss Höwedes.

Er hat uns quasi allein aus­ge­schaltet“

Gewonnen hatte das Spiel aber Neuer. Er hat uns quasi allein aus­ge­schaltet“, erin­nert sich Romain Danzé, damals dabei: Ich erin­nere mich an eine Eins-zu-eins-Situa­tion, wo ich mich gefragt habe: Wo soll ich hin­schießen?’ Ich hatte den Ein­druck, der kom­plette Tor­raum ist aus­ge­füllt. Ich habe geschossen und – Neuer getroffen.“

Jetzt, zwei Tage vor dem EM-Halb­fi­nale, sitzt Manuel Neuer ent­spannt auf einem Stuhl. Er erzählt, dass er das 5:2 des Gast­ge­bers über Island gesehen habe und sagt, dass die fran­zö­si­sche Offen­sive sich gerade so ein biss­chen ein­ge­schossen“ hat. Seine Hände liegen dabei gefaltet auf dem Tisch. Dann blickt er auf und sagt: Ich freue mich auf die Fran­zosen.“