Seite 2: Wie kaputt ist eigentlich dieser Verein?

Bloß: Was ist so schwer daran, seinen Arbeit­neh­mern zu ver­mit­teln, dass sie sich nicht die Hand geben sollen? Selbst wenn sie gemeinsam trai­nieren und sich auf dem Platz zwangs­läufig auch mal berühren, selbst wenn der Ver­zicht auf den Hand­schlag in diesem beson­deren Fall noch etwas gewöh­nungs­be­dürf­tiger ist als bei anderen Berufs­gruppen? Wie soll jemand, der dieses Video gesehen hat, glauben, dass sich die Spieler an andere Vor­gaben des DFL-Hygie­nekon­zepts halten? Wie soll man nicht zu dem Schluss kommen, dass sich viele Pro­fi­fuß­baller tat­säch­lich vom nor­malen Leben ent­kop­pelt haben und gar nicht merken, wie welt­fremd sie han­deln? Und: Wenn die Chefs ein welt­weit aus­ge­strahltes Video benö­tigen, um zu bemerken, dass die Spieler Ihnen und ihren Vor­gaben auf der Nase her­um­tanzen, wie gesund kann dieser Verein dann eigent­lich sein?

Kein Wunder, dass Hertha und der Pro­fi­blase im Nach­gang Spott und Anti­pa­thie ent­ge­gen­schlugen. Und dass viele Kom­men­ta­toren in ihrer Rage nicht mehr auf Details und Nuancen ach­teten. Im Video wird über feh­ler­hafte Gehalts­über­wei­sungen gespro­chen, offen­sicht­lich, auch das gibt Hertha später im State­ment zu, wurde man­chen Spie­lern aus Ver­sehen zu wenig Geld bezahlt. Das Team hatte sich mit dem Verein zuvor auf einen Gehalts­ver­zicht geei­nigt, nun war man­chen Spie­lern über den abge­machten Betrag hinaus noch mehr Geld abge­zogen worden. Da die Dis­kus­sion in einem Mix aus Fran­zö­sisch und Eng­lisch statt­findet und im Hin­ter­grund laute Musik läuft, sind die Sätze nicht gänz­lich beim ersten Hören zu ver­stehen. Trotzdem stand das Urteil vieler Zuschauer sofort fest: Die Spieler sind nicht nur hirnlos, son­dern auch geld­geil! Zwar sagt Kalou sogar direkt in die Kamera, dass er bezahlt werden würde, obwohl der­zeit keine Spiele statt­finden, aber was soll’s? Es passt ja wun­derbar ins Bild.

Aus­ge­rechnet Kalou

Dabei passt das, was ges­tern pas­siert ist, eigent­lich gar nicht zu Salomon Kalou. Er hat sich in den ver­gan­genen Wochen in diversen Inter­views durchaus reflek­tiert mit dem Virus aus­ein­an­der­ge­setzt, unter Ber­liner Jour­na­listen und Hertha-Fans genießt er einen tadel­losen Ruf. Aber dass aus­ge­rechnet der Spieler, der sich auf dem Platz meist am cle­versten zu ver­halten wusste und seine im Alter schwin­dende Schnel­lig­keit mit Hilfe von List und Spiel­in­tel­li­genz aus­zu­glei­chen wusste, über eine eigene Tor­heit stol­pert, ist irgendwie auch bezeich­nend für dieses auf so vielen Ebenen ver­korkste Jahr. Und zeigt gut, was selbst sonst smarte Fuß­baller so treiben, wenn die Kameras nicht auf sie gerichtet sind und sich die Türen für Unbe­fugte schließen. 

Man muss sicher kein Mit­leid mit Kalou haben. Aber man sollte auch nicht ver­gessen, dass er ledig­lich gezeigt hat, wie an einem deut­schen Bun­des­li­ga­standort mit dem Hygie­nekon­zept der DFL umge­gangen wird. Und dass er an dem pein­li­chen Auf­tritt nicht die allei­nige Schuld trägt, son­dern das Pro­blem min­des­tens den ganzen Verein betrifft. Was die offi­zi­elle Stel­lung­nahme um so unan­ge­nehmer macht. Oder wie Hertha-Kapitän Vedad Ibi­sevic es mit Bezug auf Her­thas Füh­rungs­etage in der Kabine tref­fend for­mu­liert: Are they fucking with us?“