Im Heim­spiel der Breis­gauer gegen den FC Sevilla pas­sierte in der 60. Minute näm­lich fol­gendes: Assis­tent Eric Dan­s­ault konnte nicht mehr laufen. Er hatte sich an der Wade ver­letzt. Dan­s­ault gab Tony Chapron, dem Schieds­richter, per Funk ein Zei­chen und blieb stehen. Chapron eilte zu Dan­s­ault und so standen die beiden da, bald von Fuß­bal­lern mit fra­genden Bli­cken umstellt. Dan­s­ault hätte sich mit schmerz­ver­zerrten Gesicht auf den Boden schmeißen können, so macht man das ja eigent­lich auf dem Fuß­ball­platz. Aber er blieb ein­fach auf einem Bein stehen und lächelte tapfer. Dann pas­sierte einige Augen­blicke nichts und kabel1-Kom­men­tator Hansi Küpper brachte es auf den Punkt: Da sieht man wieder, warum Schieds­richter die ärmsten Hunde sind. Ver­letzt sich ein Spieler, sprintet gleich ein ganzer Tross zur Hilfe. Um den Schieds­richter küm­mert sich nie­mand.“

Die Zuschauer waren begeis­tert. Sie jubelten. Sie beklatschten den Unpar­tei­ischen.

Dann pas­sierte doch was: Frei­burgs Phy­sio­the­ra­peut Uwe Vetter hatte ein Ein­sehen, schnappte sich seinen Koffer und einen Helfer und eilte Dan­s­ault zur Hilfe. Spä­tes­tens da wurden sich die Frei­burger Fans bewusst, das auf dem Platz etwas Beson­deres geschah. Mit Fuß­ball­fans ist das ja so eine Sache. Sie können aggressiv, beschä­mend und ekel­haft sein, in den aller­meisten Fällen sind sie aber die besten Unter­halter im Leis­tungs­sport. Statt die Zwangs­pause mit ent­rüs­teten Schreien zu begleiten, fingen die Frei­burger an zu lachen, zu schreien und zu klat­schen. Bald klebten zwei Phy­sio­the­ra­peuten an des Lini­en­rich­ters Unter­schenkel, vier Sani­täter samt Trage war­teten auf wei­tere Instruk­tionen. Schließ­lich gab Tony Chapron ein Zei­chen: Sein Assis­tent konnte nicht mehr weiter assis­tieren. In sol­chen Fällen greift fol­gende Regel: Der vierte Offi­zi­elle tauscht seinen Platz mit dem ver­letzten Kol­legen. Das war in diesem Fall Fredij Har­chay. Der ent­le­digte sich seiner Ther­mo­jacke, griff sich eine Fahne und sprin­tete auf die andere Seite des Platzes. Die Zuschauer waren begeis­tert. Sie jubelten. Sie beklatschten den Unpar­tei­ischen. Hatte man so was schon mal gesehen bzw. gehört? Und Har­chay? Der hob in seinem Lauf die Hände und klatschte den Fans zurück wie ein Rou­ti­nier, der nach einem Jahr Ver­let­zungs­pause sein Come­back feiert.

Har­chay und Dan­s­ault wech­selten die Rollen. Aber damit war diese Geschichte noch längst nicht beendet. Dan­s­ault hum­pelte an der Kurve vorbei, holte sich die nächste Ladung warmen Applaus ab und ver­schwand dann in seiner Kabine um sich umzu­ziehen. Ver­ständ­lich bei Tem­pe­ra­turen von minus 4 Grad. Und weil es so kalt war und weil er sich nicht richtig warm gemacht hatte, hetzte Ersatz­mann Har­chay nun vor der Tri­büne auf und ab. Schnelle Sprints, die Knie bei jedem Schritt ange­zogen. Wer keine Ahnung von Fuß­ball hat: Mit diesem Lauf­stil ist Otto Waalkes berühmt geworden. Diese Auf­wärm­übung sieht schon bei Fuß­baller behäm­mert aus, bei Schieds­rich­tern hat es etwas clow­neskes. Die Zuschauer schüt­teten sich vor Lachen bei­nahe ihr Bier über die Hose.

Szenen wie aus der Kreis­liga

Wenig später kam Sevillas Trainer Unai Emery auf die Idee, einen seiner Spieler aus­zu­wech­seln. Die dafür nötige Anzeige mit der elek­tri­schen Tafel nimmt nor­ma­ler­weise der vierte Offi­zi­elle vor. Der war aller­dings noch immer in der Kabine. Also griff sich Emery selbst die Tafel und ver­suchte hilflos die rich­tigen Tasten zu bedienen. Was selbst­ver­ständ­lich nicht sofort gelang. Und selbst­ver­ständ­lich Frei­burg-Trainer Chris­tian Streich auf die Palme brachte. Herr­liche Szenen, die man sonst nur in der Kreis­liga beob­achten kann, wenn die Lini­en­richter von unter­setzten Betreuern“ gedou­belt werden.

Dann ging das Spiel seinen gewohnten Gang. Frei­burg verlor mit 0:2 und schied aus. Was sehr schade war. Aber immerhin hatten die Fans auf dem Heimweg eine Geschichte zu erzählen.