Das ist für mich schon jetzt der Unsinn des Jahres: Die eng­li­sche FA will eine Anlei­tung zum Grät­schen für ihre Spieler ver­öf­fent­li­chen, damit die Herren Fuß­baller in Zukunft ord­nungs­gemäß ins Tack­ling gehen. Ja, sind die denn noch ganz sauber? Männer in Anzügen, die das letzte Mal vor 40 Jahren auf dem Bolz­platz um die Ecke gegen den Ball getreten haben, wollen den Profis vor­schreiben, wie sie ihre Arbeit zu tun haben? Manchmal bin ich wirk­lich froh, dass meine Kar­riere bereits beendet ist.

Jetzt bin ich gespannt, ob auch unsere Funk­tio­näre auf die glor­reiche Idee kommen, so eine Anlei­tung für die Bun­des­liga anzu­fer­tigen. So wie ich unsere Füh­rungs­etage ein­schätze, ist der Gedanke daran gar nicht mal so absurd, wie man zunächst ver­muten könnte.

Ball gespielt, Gegen­spieler getroffen? Foul­spiel!

Dabei ist der Sport vor lauter Vor­schriften ja ohnehin schon kom­pli­ziert genug geworden. Jede Woche pfeifen die Schieds­richter Dinge, von denen zumin­dest ich gar nicht mehr weiß, warum die nun richtig oder falsch waren. Genauso ist es bei der guten alten Grät­sche. Wenn zum Bei­spiel ein Mats Hum­mels – für mich einer der drei besten Ver­tei­diger Europas – zu einer Grät­sche ansetzt, den Ball sauber trifft, aber anschlie­ßend noch seinen Gegen­spieler berührt, ist das nach heu­tigen Maß­stäben ein Foul. Warum nur?

Kein Wunder, dass unsere Abwehr­spieler häufig extrem vor­sichtig zu Werke gehen. Kaum treffen sie den Gegner, droht eine gelbe oder sogar eine rote Karte. Deut­sche Defen­siv­spe­zia­listen wie Winnie Hannes oder Karl-Heinz Förster, die heute von der Öffent­lich­keit zu Recht glo­ri­fi­ziert werden, würden 2012 mit ihrer Spiel­weise höchs­tens zehn Minuten ohne Platz­ver­weis aus­kommen. Und es ist ja nun mal nicht so, dass bei­spiels­weise meine Genera­tion heute nur noch auf Krü­cken laufen kann, weil früher so hart getreten wurde. Daran sollten Funk­tio­näre mal denken, wenn sie einer­seits die Ver­gan­gen­heit preisen und ande­rer­seits das Regel­werk der­maßen auf­wei­chen.

Schon klar, wir haben früher häufig hin­ge­langt, dass einem heute schon beim Zusehen weh tut. Ich erin­nere mich an ein gera­dezu epi­sches Duell gegen George Weah im Finale um den Euro­pa­pokal der Pokal­sieger 1992. Weah, der spä­tere Welt­fuß­baller, war damals noch Stürmer beim AS Monaco. Ein unglaub­li­cher Kraft­protz! Der hatte in den Ohr­läpp­chen mehr Mus­keln als ich in den Waden. Auf den trat ich ein, als gäbe es kein Morgen mehr. Hat Weah gar nicht gejuckt. Ich schwöre hiermit hoch und heilig, dass mir bei der dritten hef­tigen Grät­sche doch tat­säch­lich ein Stollen abbrach! So viel zu George Weah.

Und jetzt? Anlei­tung zur ord­nungs­ge­mäßen Kabi­nen­pre­digt?

Gegen diesen Aus­nah­me­stürmer hat mir die Grät­sche als Werk­zeug der Ein­schüch­te­rung nicht viel genutzt. Bei vielen anderen Gegen­spie­lern schon. Und ich erzähle hier keine Mär­chen aus 1001 Nacht. Die Grät­sche ist für jeden Abwehr­spieler auf der Welt ein not­wen­diges Hilfs­mittel. Wenn man nun spe­zi­elle Regeln auf­stellt, wie Ver­tei­diger gefäl­ligst zu grät­schen haben, dann ist das ein ele­men­tarer Ein­griff in das Spiel an sich.

Was kommt dann als Nächstes? Eine Anlei­tung für Stürmer zum Tore schießen? Zeigt unser DFB-Prä­si­dent den Mit­tel­feld­spie­lern, wie man den töd­li­chen Pass spielt? Wird es einen Leit­faden für Fuß­ball-Trainer geben, wie man die Kabi­nen­pre­digt in der Halb­zeit­pause struk­tu­riert? Ich geh dann mal auf die Wiese hinter dem Haus und rut­sche ein wenig über den Rasen. Um der guten alten Zeiten willen…