Danny Rose (27) gilt als eisen­harter Fighter – erst recht, seit der Ver­tei­diger von Tot­tenham Hot­spur vor wenigen Tagen von seinem Kampf gegen die Depres­sionen berich­tete. Eng­lands Natio­nal­spieler gewann und zählt nun zu den großen Hoff­nungs­trä­gern für die Welt­meis­ter­schaft. An einer anderen Front jedoch hat Rose längst die weiße Fahne gehisst. Es geht um den Kampf gegen die düs­tersten Dämonen im inter­na­tio­nalen Fuß­ball: die Geister des Ras­sismus. Noch immer ist das grenz­de­bile Affen­ge­brüll all­ge­gen­wärtig, wenn dun­kel­häu­tige Spieler am Ball sind, nicht zuletzt in Ost­eu­ropa. Seinem eigenen Vater, so Rose zum Evening Stan­dard“, habe er aus diesem Grunde drin­gend abge­raten, zur WM nach Russ­land zu reisen.

Geld­strafe als Lach­nummer

Mein Papa war tief­traurig, als ich ihm das sagte. Das konnte ich an seiner Stimme hören“, verrät Rose. Er ent­geg­nete, er würde viel­leicht nie wieder die Chance bekommen, mich bei einer Welt­meis­ter­schafts-End­runde spielen zu sehen. Es war sehr auf­wüh­lend, ihn so zu hören. Doch es ist, wie es ist. Auf irgend­eine Weise hat Russ­land diese WM bekommen, und wir müssen nun damit umgehen.“ Klingt nach: Ohren zu und durch. An Kam­pa­gnen wie #NoToR­a­cism und #Equal­Game, von FIFA und UEFA fei­er­lich zur obersten Prio­rität erklärt, aber nie wirk­lich durch­ge­zogen, glaubt Danny Rose schon lange nicht mehr. Dazu ist er viel zu oft ent­täuscht worden.

Noch im März hatten rus­si­sche Fans in St. Peters­burg laut­starkes Urwald-Gebrüll gegen Frank­reichs Paul Pogba und Ous­mane Dem­bélé into­niert. Einige Wochen später gab die FIFA bekannt: Man habe Ermitt­lungen ein­ge­leitet. Wei­tere zwei Wochen darauf stand das Urteil fest: 30.000 Schweizer Franken Geld­strafe. Das sind läp­pi­sche 25.000 Euro. Oder 22.000 Bri­ti­sche Pfund. Absto­ßend“ und lächer­lich“ findet Rose diese Art der Recht­spre­chung: Ich möchte jetzt nicht groß­kop­fert klingen, aber wenn ich 22.000 Pfund zahlen müsste, es würde mich nicht jucken. 22.000 Pfund für eine Nation sind eine Lach­nummer.“ Zumal Eng­lands Ver­band (FA) fast zeit­gleich eine 18.000-Euro-Strafe (umge­rechnet 16.000 Pfund) bekam, weil einer seiner Spieler bei der letzt­jäh­rigen U20-WM einen Ener­gy­drink von einem Nicht-Tur­nier-Sponsor getrunken hatte.

Pfiffe und Steine

Danny Rose hat das ganze Affen­theater satt. Die debilen Uh-uh-uh“-Tiraden, die ihm und anderen von den Rängen ent­gegen hallen, sind die eine Sache. Aber die Ver­lo­gen­heit der inter­na­tio­nalen Ver­bände in ihrem ver­meint­li­chen Kampf für das Gute schmerzt ihn fast noch mehr. Im Oktober 2012, bei einem U21-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel in Ser­bien, war Rose selbst mit Affen­lauten und sogar mit Steinen trak­tiert worden. Schieds­richter und Sta­di­on­spre­cher hatten nicht wirk­lich inter­ve­niert, des­wegen kam es nach dem Schluss­pfiff zu wütenden Pro­testen sei­tens der Eng­länder. Rose sah die Rote Karte und ver­passte dadurch sogar den Auf­takt der fol­genden U21-Euro­pa­meis­ter­schaft. Was will man da noch sagen?“, fragt er ver­zwei­felt. Für Ser­bien, man ahnt es, blieb es bei einer fünf­stel­ligen Geld­buße – rund 75.000 Euro.

Schon damals wurde Rose, dem Eng­länder mit jamai­ka­ni­schen Wur­zeln, eines klar: Ich habe kei­nerlei Ver­trauen mehr in dieses Gerech­tig­keits­system. Ich lasse die Dinge ein­fach nicht mehr an mich ran. Ich bekam kei­nerlei Unter­stüt­zung nach Ser­bien. Es gab dar­über nie ein Gespräch mit irgend­einem außer­halb von Eng­land.“ Geschweige denn mit einem Ver­treter von FIFA oder UEFA.

Geschlos­sener Pro­test

Und nun gas­tieren Danny Rose, Paul Pogba, Jerome Boateng, Breel Embolo, Neymar und all die anderen dun­kel­häu­tigen Spieler in Russ­land – in jenem rie­sigen Reich, das für viele als Mut­ter­land des Ras­sismus gilt. Zumin­dest in Sachen Fuß­ball-Fan­kultur“. Ich mache mir keine Sorgen um mich selbst“, betont Rose. Aber ich habe meiner Familie gesagt, dass ich nicht will, dass sie dorthin reisen wegen des Ras­sismus und allem anderen, was dort pas­sieren könnte. Ich will mir keine Sorgen um die Sicher­heit meiner Ange­hö­rigen machen, wäh­rend ich selbst ver­suche, mich auf die Spiele vor­zu­be­reiten. Würde mir selbst irgendwas wider­fahren, würde mich das nicht so hart treffen wie wenn meine Familie auf irgend­eine Weise miss­han­delt würde.“

Doch auch Eng­lands Spieler, so lässt Rose durch­bli­cken, haben bestimmte Sze­na­rien bereits durch­ge­spro­chen. Wir hatten ein Team-Mee­ting und fragten uns: Was, falls es pas­siert? Was würden wir tun? Wir sagten, dass wir ein­ander den Rücken stärken müssten. Wir sagten: Was, wenn irgend­je­mand das nicht durch­steht. Ergreifen wir die Initia­tive?“ Auch wenn er es nicht offen aus­spricht: Danny Rose meint die Mög­lich­keit des ulti­ma­tiven Pro­testes – indem die Three Lions“ geschlossen die Arena ver­lassen, falls die Affen wieder zu brüllen beginnen.

Spiel­ab­bruch bei der nächsten Attacke?

Rose glaubt nicht, dass diese Reak­tion etwas brächte. Ich sagte: Was wollen wir hier? Ver­su­chen wir, Fuß­ball zu spielen oder ver­su­chen wir, die Welt zu ver­än­dern? Was immer wir unter­nehmen – es wird das, was in der Welt vor sich geht, nicht beein­flussen.“ Doch Rose räumt ein, dass er die Dinge nach all den Ent­täu­schungen mög­li­cher­weise zu fata­lis­tisch sieht: Ich bin etwas abge­stumpft und denke: Falls ich da draußen ras­sis­tisch atta­ckiert werde, werde ich eben atta­ckiert. Nichts ändert sich dadurch. Ich werde damit umgehen. So sollte es natür­lich nicht sein, aber so ist es.“

Und doch könnte es – im Falle eines Falles – ganz anders kommen. Denn Eng­lands Mann­schaft meint es offenbar Ernst mit Begriffen wie #Respect, #NoToR­a­cism und #Zsmmn. Auf die Frage, ob Eng­lands Spieler wirk­lich den Rasen ver­lassen würden, sagt Rose: Wir haben dar­über dis­ku­tiert. Aber bevor irgend­etwas wirk­lich ein­tritt, ist es immer schwierig vor­her­zu­sagen, was man tun würde.“ Ange­sichts der rela­tiven Gleich­gül­tig­keit von FIFA, UEFA & Co. möchte man anfügen: Haupt­sache, man tut irgendwas.