Bas­tian Schwein­s­teiger, Sie ent­stammen einer Jugend­mann­schaft beim FC Bayern, in der auch Spieler wie Andreas Ottl, Michael Ren­sing, Piotr Tro­chowski und Chris­tian Lell spielten. Waren Sie damals schon der Beste?

Der Zweit­beste.

Wer war besser?

In der Jugend war Piotr Tro­chowski sehr ange­sehen. Er kam von einem kleinen Verein in Ham­burg und hat immer bei den Älteren mit­ge­spielt. Er stand immer ein Stück höher als ich oder Michael Ren­sing.



Warum stehen Sie inzwi­schen am Kopf der Nah­rungs­kette?

Ich ver­suche immer, mein Bestes zu geben. Auch wenn es stär­kere Spieler gab, habe ich immer an mir gear­beitet. Wenn es mal nicht so gut lief, habe ich mich nicht unter­kriegen lassen. Ich habe ver­sucht, mich auf das Wesent­liche zu kon­zen­trieren. Und natür­lich kommt auch immer ein biss­chen Glück dazu.

Wel­ches Glück hatten Sie?

Dass ich im November 2002 gegen Lens in der Cham­pions League ein­ge­wech­selt wurde, folgte daraus, dass viele Stamm­spieler aus­ge­fallen waren. Her­mann Ger­land hätte auch einen anderen von den Ama­teuren aus­wählen können, aber er hat Philipp (Lahm; d.Red) und mich mit­ge­schickt. Ich habe in meiner Kar­riere ein ganz gutes Timing. Jeden­falls hat es in diesen 15 Minuten auf dem Platz ganz gut geklappt.

Hatten sie in den ver­gan­genen Jahren auch mal den Ein­druck, dass Ihnen das Glück abhanden kommt?

Letzte Saison habe ich mich das oft gefragt. In der Bun­des­liga habe ich neun Mal die Latte getroffen, aber kein Tor gemacht. Da fragte ich mich schon: Da stimmt doch was nicht?!“ Ande­rer­seits waren wir in der Cham­pions League fast vor dem Aus und sind in der Bun­des­liga nicht gut gestartet, den­noch haben wir fast alle Sai­son­ziele erreicht.

Man kann Glück auch erzwingen.

So bin ich erzogen. Dass es auch schwä­chere Phasen gibt, in denen es wichtig ist, nicht auf­zu­geben. Mit dem ent­spre­chenden Fleiß und dem Glauben an sich, wird man sein Ziel errei­chen. Das haben mir meine Eltern vor­ge­lebt.

Louis van Gaal hat durch Ihre Umbe­set­zung ins zen­trale Mit­tel­feld Ihrer Kar­riere einen ent­schei­denden Dreh gegeben. Wie müssen wir uns Ihre Zusam­men­ar­beit vor­stellen?


Er trägt den abso­luten Per­fek­tio­nismus in sich. Er gibt vor, wie die Mann­schafts­fotos gemacht werden, genauso wie er das Trai­nings­spiel unter­bricht, wenn ein Pass nicht genau gespielt wurde. Er erklärt uns haar­klein, wie der Pass in den Lauf und auf den rich­tigen Fuß gespielt wird. Diese Form von Per­fek­tion haben inzwi­schen viele Spieler ver­in­ner­licht. Wir wissen: Man muss bei jeder Aktion nach­denken.

Haben Sie eine Erklä­rung, warum frü­here Trainer Ihrem Team dies nicht ver­deut­li­chen konnten?

Viel­leicht hat das mit den Hol­län­dern zu tun. Als kleines Land sind sie gezwungen, aus begrenzten Mög­lich­keiten das Opti­male her­aus­zu­holen. Im Fuß­ball ist es den Hol­län­dern seit jeher gelungen, Per­fek­tio­nismus und schönes Spiel zu ver­binden. Ich glaube, diese Mischung tut uns beim FC Bayern richtig gut: diese schöne, per­fek­tio­nis­ti­sche Aus­rich­tung von Van Gaal und der auf Effek­ti­vität abge­stellte Fuß­ball­stil der Deut­schen ergänzen sich optimal.


Ottmar Hitz­feld, Felix Magath, Jürgen Klins­mann, Jogi Löw, Jupp Heynckes und nun Louis van Gaal. Können Sie zwi­schen Ihren Trai­nern Ähn­lich­keiten fest­stellen?


Jeder denkt anders über Fuß­ball. Aber wenn ich gezwungen wäre, Par­al­lelen her­zu­stellen, würde ich sagen, Jogi Löw und Louis van Gaal ähneln sich am ehesten. Beide lieben offen­siven Fuß­ball.

Wie würden Sie Ihr Ver­hältnis zu Van Gaal beschreiben?

Er ist sehr direkt und ehr­lich. Das war bei den vorigen Trai­nern nicht immer der Fall. Mit seiner Art muss man lernen klar­zu­kommen. Er ist der Diri­gent, der unein­ge­schränkte Boss. Ein sehr spe­zi­eller Typ mit einem sehr eigen­wil­ligen Cha­rakter. Mit seiner Art kann er einem im ersten Augen­blick fast ein biss­chen Angst ein­jagen.

Hatten Sie Angst vor ihm?

Angst habe ich nie, aber Respekt. Schließ­lich muss ich als Spieler lernen, einen Trainer zu ver­stehen. Felix Magath war für mich am Anfang auch nicht leicht zu durch­schauen.

Wie äußerte sich das?

Am ersten Tag kam ich zum Trai­ning, er schaute mich an und sagte:„Und, wer bist Du?“ Also musste ich mich mit Namen bei ihm vor­stellen. Anschlie­ßend war ich für eine Ope­ra­tion am Knie zehn Tage weg. Als ich wieder kam, guckte er mich an und fragte wieder: Wer bist Du?“

Schi­kane?

Er wollte mich aus der Reserve locken, das habe ich erst im Nach­hinein ver­standen. Aber in dem Moment habe ich nur gedacht: Bin ich hier im fal­schen Film?“

In Magaths erster Saison bei den Bayern mussten Sie die ersten Wochen bei den Ama­teuren spielen.

Ich war ver­letzt, des­wegen habe ich drei Spiele bei der zweiten Mann­schaft gemacht. Er wollte mit seiner Art eine Trotz­re­ak­tion bei mir her­vor­rufen, was offen­sicht­lich auch geklappt hat. Jeden­falls hatte ich im wei­teren Ver­lauf auch eine erfolg­reiche Zeit mit ihm.

Sie erwähnten eben, dass nicht alle Trainer so ent­waff­nend ehr­lich waren wie Louis van Gaal. Was meinten Sie damit?

Das meine ich jetzt nicht als Schleim­spur. Sie können jeden bei Bayern fragen, wie es ist, mit ihm zu arbeiten. Jeder sagt: Sehr, sehr gut.“ Er ist ein Trainer, der klare Vor­gaben äußert, an die er sich dann aber voll­ständig hält. Bei ihm pas­siert es nicht, dass sich irgend­welche Ter­mine ver­än­dern.

Hat Van Gaal sie ähn­lich gefoppt wie damals Magath?

Nein, aber er sagt mir schon klipp und klar die Mei­nung, wenn ich einen Fehler mache.

In wel­chen Situa­tionen?

Etwa als ich den Fehler beim 1:1 für Uru­guay im Spiel um den dritten Platz gemacht habe. Als ich den Ball verlor, ahnte ich bereits, dass ich, wenn ich nach Mün­chen ins Trai­ning zurück kehre, einen Spruch dazu hören werde. Schon nach dem Spiel habe ich zu Mario (Gomez, d.Red.) gesagt: Pass auf, da kommt hun­dert­pro­zentig vom Trainer noch etwas.“ Und ges­tern kam der Spruch.

Was hat er denn gesagt?

Wir gingen eine Spiel­si­tua­tion durch, es ging um Ball­an­nahme. Ich hatte gegen Uru­guay den Ball mit dem Blick nach vorne ange­nommen und dabei die Distanz zum Gegen­spieler etwas unter­schätzt. Van Gaal erklärte uns also, dass man die Distanz zum Gegen­spieler immer genau im Auge haben muss. Und plötz­lich sagt er mit Blick zu mir: Und nicht so, wie du gegen Uru­guay.“ So ist er. Sehr genau, er achtet auf alles.

Haben Sie bei ihm mehr Kredit als junge Spieler wie Thomas Müller oder Holger Bad­stuber.

Über­haupt nicht. Er för­dert jeden Spieler, aber geht mit mir genauso um, wie mit einem der erst neu hinzu gekommen ist.

Seit der WM 2006 haftet Ihnen dieses Schweini“-Image an. Sind Sie wirk­lich dieser lockere Typ, der Frust ein­fach weg­lä­cheln kann?


Selbst wenn ich ein Trai­nings­spiel ver­liere, bin ich wütend und ver­suche zu ver­meiden, mit Leuten zu spre­chen. Aber in Gesell­schaft bin ich ganz gut in der Lage, Frust weit­ge­hend zu über­spielen.

Wie dick sind Sie denn nun wirk­lich mit Lukas Podolski befreundet?

Gut. Als er nach Mün­chen wech­selte, haben wir uns schon vorher viele SMS geschickt. Viel­leicht hat er in Mün­chen nicht die rich­tige Wahl getroffen, als er sich seine Woh­nung suchte. Er lebte ziem­lich außer­halb am Wörthsee, auf diese Weise hat er die Münchner Men­ta­lität nie richtig kennen gelernt. Obwohl ich nach wie vor der Mei­nung bin, dass er als Spieler zum FC Bayern passt.

Kann man im Fuß­ball­ge­schäft gute Freunde haben?

Auf jeden Fall. Ich habe hier bei Bayern zwei, drei enge Freunde, mit denen ich auch privat sehr viel mache.

Wer ist das?

Mario Gomez, der wohnt im Gegen­satz zu Lukas damals auch in der Stadt, genauso wie Holger Bad­stuber. Hans Jörg Butt wohnt zwar etwas außer­halb, aber den schätze ich auch sehr.

Es heißt, Sie wollen ab sofort nur noch bei Ihrem voll­stän­digen Namen ange­spro­chen werden. Ist Schweini“ Ver­gan­gen­heit?

Mir hat der Spitz­name am Anfang meiner Kar­riere sehr geholfen und meine Bekannt­heit enorm gestei­gert. Aber jeder Mensch ent­wi­ckelt sich weiter. Ich bin inzwi­schen ein anderer. Ent­schei­dend ist doch, dass ich authen­tisch bleibe.

Das heißt in Ihrem Falle?

Viel­leicht ist es auf dem Platz nicht immer erkennbar, aber ich habe als Fuß­baller nach wie vor etwas Unbe­küm­mertes in mir. Der Unter­schied zu Mesut Özil, Marko Marin oder Thomas Müller – Spie­lern, denen man heute nach­sagt, sie seien unbe­küm­mert – ist ledig­lich, dass ich inzwi­schen erkenne, wann ich mit Erfah­rung agieren sollte.

Sehen Sie Anlagen bei den Genannten, die darauf hin­weisen, dass sie eines Tages besser sind als Sie?

Nein, kein deut­scher Spieler ist annä­hernd so gut wie ich. (lacht.) Im Ernst: Ich denke, wir unter­scheiden uns sehr stark von­ein­ander. Wichtig ist nur, dass ich sie durch meine Fähig­keiten unter­stützen kann. Ich weiß aus eigener Erfah­rung, dass sie viel­leicht bald in ein kleines Loch fallen. Dann werden sie zeigen müsse, wie schnell sie sich daraus wieder befreien können.

Wie können Sie dabei helfen?

Da suche gern mal ein Vier-Augen-Gespräch. Das hat nichts damit zu tun, dass ich mich als Vize-Kapitän in dieser Ver­ant­wor­tung sehe, son­dern ich bin über­zeugt, dass ich ihnen mit meiner Erfah­rung wei­ter­helfen kann.

Kein Spieler sym­bo­li­siert den FC Bayern aktuell mehr als Sie, keiner spielt länger dort. Trotzdem haben Sie mal zu Pro­to­koll gegeben: Ich bin nicht mit dem FC Bayern ver­hei­ratet.“


Weil sie ich gefragt wurde, ob ich mit dem Klub ver­hei­ratet sei. Da habe ich geant­wortet: Nein, bin ich nicht.“

Lässt sich die Ver­bun­den­heit zum Klub mit Ihrer Ver­bin­dung zur Natio­nalelf ver­glei­chen?


Naja, mit der Natio­nal­mann­schaft bin ich auf gewisse Weise ja ver­hei­ratet. Schließ­lich kann ich für kein anderes Land spielen. Aber natür­lich emp­finde ich eine sehr große Ver­bun­den­heit zum FC Bayern. Ich glaube, dass der Klub in Zukunft einer der fünf besten Ver­eine der Welt sein wird. Nicht nur sport­lich, auch finan­ziell. Man muss sich doch nur die wirt­schaft­li­chen Pro­bleme ansehen, die andere Top-Klubs der­zeit haben. Wir haben ein neues Sta­dion, eine sehr gute Mann­schaft und das Gesamt­paket wird in zwei, drei Jahren noch besser dastehen als jetzt.

Mit anderen Worten, Sie können sich vor­stellen, in diesem Klub alt zu werden?

Ich will auf jeden Fall noch die Aus­lands­er­fah­rung machen. Aber es gibt da die unter­schied­lichsten Modelle, zum Bei­spiel wie es Thierry Henry jetzt zum Ende seiner Kar­riere mit seinem Wechsel nach New York gemacht hat.

Wohin könnten Sie sich denn einen Wechsel vor­stellen?

Was mir immer sehr gut gefallen hat, ist die Stim­mung in Eng­land. Auch wenn die Heim­mann­schaft dort ver­liert, applau­dieren die Zuschauer, wenn sie sehen, dass das Team alles gegeben hat. Das würde ich mir in Deutsch­land auch wün­schen.

Sind die deut­schen Fans zu kri­tisch?

Schwer zu sagen, aber ich kann mich gut erin­nern, wie wir beim Heim­spiel gegen Girondis Bor­deaux nichts als Pfiffe kas­siert haben. Und was war acht Monate später? Da gab es Stan­ding Ova­tions. Natür­lich ist ein Team immer selbst schuld, wenn es ver­liert, aber dieses Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl von Mann­schaft und Anhän­gern ist in Eng­land ein­fach aus­ge­prägter.

Also doch dem­nächst ein Wechsel ins Aus­land?

Ich plane nichts. Ich habe noch einen Ver­trag bis 2012 beim FC Bayern und sehe die enorm posi­tive Ent­wick­lung des Klubs. Ich kann mich gut erin­nern, als wir 2007 Vierter in der Liga wurden und im UEFA-Cup spielen mussten. Das war nicht meine Welt. Aber was wir jetzt gerade machen, das ist FC-Bayern-like. Des­wegen kann es sein, dass ich noch sehr lange beim FC Bayern bleibe – und erst nach der Kar­riere meine Aus­lands­er­fah­rung mache.

Bas­tian Schwein­s­teiger, stimmt eigent­lich die Geschichte, dass Sie in Ihrem ersten Trai­ning bei den Profis vom FC Bayern Michael Bal­lack getun­nelt haben und er Sie dar­aufhin umge­hauen hat? Angeb­lich sollen Sie diese Frech­heit dann gleich noch einmal pro­biert haben.

Stimmt nicht ganz, es war nicht das erste Trai­ning. Zuge­geben, ich habe ihm einen Bein­schuss gegeben, wor­aufhin er gesagt hat, dass er mich umhauen würde, wenn ich das nochmal ver­suche. Ich habe mich auch gleich ent­schul­digt, weil ich der Über­zeu­gung war, ich hätte Roque Santa Cruz getun­nelt, der ein Freund von mir war. Aber da hatte ich mich wohl vertan.

Duzen Sie die Kanz­lerin?

Nein, soweit sind wir noch nicht. Ich sage Sie“ und Frau Merkel“. Aller­dings kam sie nach dem Spiel gegen Argen­ti­nien lus­ti­ger­weise ohne Ankün­di­gung in unsere Kabine. Wir standen alle oben ohne da, ich konnte gerade noch ein Hand­tuch umma­chen, plötz­lich stand sie da. Sie hat sich eine Bier­fla­sche genommen, ist zu mir gekommen, hat mit mir ange­stoßen und mich umarmt.

Und Sie sagt auch: Sie, Herr Schwein­s­teiger“?

Ja, aber viel­leicht ändert sich das ja bald.

—-
In 11FREUNDE #106: Der wahre Prinz“ – wie aus dem unbe­küm­merten Schweini“ der wich­tigste deut­sche Spieler wurde: Bas­tian Schwein­s­teiger. Jetzt am Kiosk.