Die Maschine lief schon, als an Tiki-Taka noch gar nicht zu denken war. Lange bevor Spa­nien das Kurz­pass­spiel für sich ent­deckte, galt Süd­ame­rika als Hort des gepflegten Fuß­balls. Dort ver­blüffte in den vier­ziger Jahren die Mann­schaft von River Plate mit einer neuen Spiel­idee. Weil Trainer Renato Cesa­rini so viele gute, aber ähn­liche Angreifer hatte, löste er das Pro­blem auf die ihm ein­fachste Weise: Er stellte ein­fach alle zusammen auf. Die Mit­tel­stürm­er­po­si­tion schaffte Ceserani ab, genaue Zutei­lungen auch. Rivers fünf Angreifer sollten sich nur so bewegen, dass keiner den anderen behin­derte. Auf dem Platz wim­melte und wuselte es nun, kein Gegner hatte den stän­digen Posi­ti­ons­wech­seln von River etwas ent­ge­gen­zu­setzen.

In Argen­ti­nien wurde die Mann­schaft bald la maqina“ genannt, weil sie so zuver­lässig funk­tio­nierte wie eine Maschine. Die Idee war also nicht neu, mit der Spa­niens Trainer Vicente del Bosque vor dem Auf­takt­spiel gegen Ita­lien daherkam. Del Bosque ver­zich­tete auf einen echten Mit­tel­stürmer, statt Fer­nando Torres bot er Cesc Fab­regas auf, einen gelernten Mit­tel­feld­spieler. Fab­regas ret­tete Spa­nien mit seinem Tor zwar das 1:1, anschlie­ßend wurde trotzdem heftig über seine Nomi­nie­rung und del Bos­ques System dis­ku­tiert. Fans und Experten konnten den Ver­zicht auf einen Mit­tel­stürmer nicht ver­stehen.

Bosque erneut auf einen gelernten Angreifer ver­zichtet. Auch wenn sich gegen die robusten und kör­per­lich starken iri­schen Ver­tei­diger ein kräf­tiger Mit­tel­stürmer wie Fer­nando Llo­rente gut machen würde. Viel­leicht spielen wir mit Mit­tel­stürmer, viel­leicht ohne. Wir haben viele Optionen“, sagte del Bosque. Egal wie sich del Bosque auch ent­scheidet, von den Kom­men­taren einiger Kol­legen wird er sich jeden­falls nicht beein­flussen lassen. Auch nicht von denen Jose Mour­inhos. Der Trainer von Real Madrid fand das spa­ni­sche Spiel ohne zen­tralen Angreifer steril“. Weil der Ertrag ange­sichts des vielen Ball­be­sitzes recht dürftig aus­fiel.

Dabei hatte del Bosque ledig­lich nach einer neuen Vor­ge­hens­weise gegen einen Gegner gesucht, der den Spa­niern in der Ver­gan­gen­heit immer Pro­bleme bereitet hatte. Zuletzt im August 2011. Damals bestritt Spa­nien ein Freund­schafts­spiel in Ita­lien. Del Bosque bot zuerst mit Fer­nando Torres und später mit Fer­nando Llo­rente jeweils einen Mit­tel­stürmer auf. Gegen die defensiv ein­ge­stellten Ita­liener wirkte Spa­niens Spiel sta­tisch, mehr als ein Elf­me­tertor von Xabi Alonso sprang nicht heraus. Am Ende verlor man 1:2.

Weil del Bosque Ita­lien wieder ähn­lich defensiv erwar­tete, ent­schied er sich für Fab­regas, um dem Gegner keinen Fix­punkt im Angriff zu bieten, auf den er sich kon­zen­trieren kann. Fab­regas sollte sich meist im Mit­tel­feld auf­halten und hin und wieder nach vorne stoßen. In David Silva, Andres Iniesta und Xavi standen ihm Spieler zur Seite, die über eine ähn­lich schmale Statur ver­fügen, sich durch stän­dige Posi­ti­ons­wechsel aber kaum stellen lassen. Spieler, die sich am liebsten jen­seits des tra­di­tio­nellen Posi­tio­nen­den­kens bewegen. Silva etwa begann auf links, wech­selte auf rechts und tauchte irgend­wann in der Mitte auf. So wie vor dem Tor, als er Fab­regas den Ball herr­lich in den Lauf passte. Nach dem Spiel pus­tete Ita­liens Abwehr­chef Daniele de Rossi: Diese kleinen, ball­fer­tigen Spieler sind unheim­lich schwierig zu ver­tei­digen. Das for­dert ein hohes Maß an Schnel­lig­keit und Kon­zen­tra­tion.“

Die vielen Pass­sta­fetten werden durch stän­dige Bewe­gung erst effektiv. Man kann den Ball zir­ku­lieren lassen, gefähr­lich wird es aber nur, wenn die Spieler mit­zir­ku­lieren. Irgend­wann öffnet sich dann eine Lücke. Der Schlüssel ist, Geduld zu haben und den rich­tigen Moment zu erwi­schen, den ent­schei­denden Pass zu spielen“, sagte Sergio Bus­quets.

Spa­niens Spiel ori­en­tiert sich an dem des FC Bar­ce­lona, nicht zuletzt, weil sieben Spieler der Kata­lanen im Auf­gebot stehen. Aus Bar­ce­lona stammt auch die Idee, Fab­regas mal im Mit­tel­feld und mal im Angriff auf­tau­chen zu lassen. Beson­ders defen­sive Gegner wollte Josep Guar­diola, bis vor Kurzem noch Barças Trainer, damit aus der Reserve locken. Fab­regas sollte in stän­diger Bewe­gung Platz schaffen, damit ein anderer, meist Lionel Messi, irgend­wann freie Bahn zum Tor hatte. Guar­diola gilt als Ver­fechter des Spiels ohne echten Mit­tel­stürmer, er ist über­zeugt, dass die Zukunft des Fuß­balls so aus­sehen wird.

Nicht zuletzt, weil durch viele ball­si­chere Mit­tel­feld­spieler die Gefahr sinkt, vom Gegner über­rascht zu werden. Wie sollen die anderen kon­tern, wenn sie nicht an den Ball kommen? Gegen Ita­lien klappte das nicht immer. Trotzdem kann man Spa­niens stän­digen Ball­be­sitz auch als Taktik ver­stehen, die die Defen­sive stärkt. Catenaccio auf Spa­nisch. Catenaccio lautet die Bezeich­nung für Ita­liens Defen­siv­taktik frü­herer Tage. Die hatte auch etwas Maschi­nen­haftes. Nur ohne Tiki-Taka und Posi­ti­ons­wechsel.