Seite 4: „Am liebsten will ich alles hinschmeißen"

Zum Jah­res­wechsel fliegen Petra und ich nach Ägypten. Zwei Tage vor Sil­vester werde ich 25. Wir stoßen mit Cock­tails an. Ich rede wenig, fühle mich alt und aus­ge­laugt. Hätte ich nur stu­diert, denke ich, so wie mein Vater es wollte. BWL, Mathe, irgendwas. Statt­dessen ver­geude ich meine besten Jahre und mache mich kaputt für diesen Scheiß­sport. Am liebsten will ich alles hin­schmeißen.

Beim Vol­ley­ball­spielen am Strand lerne ich einen deut­schen Aus­steiger kennen. Ein braun gebrannter Typ mit Jog­ging­hose und Ras­ta­lo­cken. Mit Fuß­ball hat er gar nichts am Hut. Plötz­lich fange ich an zu erzählen. Er hört sich alles an, die ganze Geschichte der letzten Monate. Er nickt und sagt ganz ruhig: Dann hör halt auf. Wenn es wirk­lich so schlimm ist, wie du sagst, dann mach doch irgendwas anderes.‘

Plötz­lich ist da ein Ausweg

Wie befreit komme ich zu Petra ins Hotel zurück. Plötz­lich ist da ein Ausweg, den ich vorher nie aner­kennen konnte. Ich erin­nere mich daran, warum ich mit dem Fuß­ball­spielen ange­fangen habe. Wie viel Freude mir dieser Sport immer bereitet hat. Dieses Spiel. Ich mache weiter.

Werder Bremen wird im letzten Spiel in unserem Sta­dion Meister. Nach der Partie bekommen sie die Schale über­reicht. Genau wie wir ein Jahr zuvor. Zehn Tage vorher hat Natio­nal­stürmer Rudi Völler mit Mar­seille im Finale in Mün­chen die erste Cham­pions League gewonnen. Bei mir hat sich Berti Vogts nie gemeldet.

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1993 ver­lässt Chris­toph Daum den VfB. Die Fans haben ihm ver­ziehen.

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Noch einmal muss ich daran denken, wie sicher ich meiner Sache war vor der dritten Partie gegen Leeds. Ich weiß, das wird mein Spiel … ‘ Wie naiv ich doch war. Als würde es ein­fach immer weiter nach oben gehen. Ganz von selbst. Nicht mal über die Meis­ter­schaft habe ich mich richtig gefreut. Natür­lich musste das schief gehen. Ich habe eine der wich­tigsten Tugenden des Fuß­bal­lers miss­achtet – die Demut vor dem Moment. Was würde ich jetzt dafür geben, noch einmal in die Nähe der Spitze zu kommen.

Leeds hängt uns nach. Chris­toph Daum kriegt uns nicht mehr mit seinen flam­menden Reden und Psy­chotricks. Ende 1993 ver­lässt er den VfB und geht in die Türkei. Unter seinen Nach­fol­gern rut­schen wir weiter ab. Die Cham­pions League aber wird größer und größer. Nach zwei Jahren ver­dop­pelt die UEFA das Teil­neh­mer­feld von acht auf 16 Teams, drei Jahre später wird es auf 24 erhöht. Auch die Zweiten der großen Ligen des Kon­ti­nents dürfen nun mit­ma­chen in der Liga der Cham­pions, bald auch die Dritt- und Viert­plat­zierten. Ein Eti­ket­ten­schwindel, der unkom­men­tiert bleibt, auch wegen der gigan­ti­schen Geld­flut.

Alle wollen ans große Geld

Alle wollen jetzt dabei sein, wenn das große Geld ver­teilt wird. Die Mil­li­ar­däre und die Möch­te­gerns. Die Großen und die Kleinen. Die Clubs gehen voll ins Risiko, machen Schulden, ver­planen zukünf­tige Ein­nahmen, um auf den Zug auf­zu­springen.

Für mich rückt die Cham­pions League erst einmal in weite Ferne. Mit dem VfB Stutt­gart tau­mele ich durchs Nie­mands­land der Bun­des­liga. Erst 1998, sechs Jahre nach dem Trauma von Leeds und fast ein wei­teres Kar­rie­re­ende später, wird der große Traum für mich end­lich doch noch Rea­lität werden.

Turbo: Mein Wett­lauf mit dem Fuß­ball­ge­schäft“ – ab dem 22. August bei Klett Cotta und Amazon erhält­lich.

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