Seite 3: “Wie jemand, der gerade eine kostbare Vase zertrümmert hat"

In der zweiten Hälfte belauern wir uns wie zwei alte Boxer. Keiner will einen Fehler machen. Alle wissen: Wer das nächste Tor schießt, wird gewinnen.

Eck­ball für uns, eine Vier­tel­stunde vor Schluss. Ich sichere hinten ab wie bei allen unseren Ecken. Guido Buch­wald und Slo­bodan Dubajic traben zum Kopf­ball nach vorne. Leeds wech­selt, Eric Can­tona muss vom Feld. Der Mann ohne Schmerzen ist müde. Ich sehe, wie ein Betreuer die Nummer 12 hoch­hält. Der neue Spieler sagt mir nichts. Ein blasser Typ mit einem Bürs­ten­schnitt und einem komi­schen Lauf­stil.

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Eric Can­tona am Ball. Für ihn wird später Carl Shutt ein­ge­wech­selt, Schütze des ent­schei­denden Tores.

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Micha!‘, höre ich Dieter Hoeneß von außen brüllen. Das Kopf­bal­l­un­ge­heuer in ihm tobt. Der frü­here Natio­nal­stürmer scheint kurz davor, sich selber ein­zu­wech­seln. Daum sitzt neben ihm, starrt hierhin und dorthin.

Die Ecke kommt herein. Geht weit über alle Köpfe. Ein Schuss von Jolly wird abge­blockt und plumpst Dorigo vor die Füße. Der guckt kurz hoch und drischt den Ball in meine Rich­tung. Der neue Stürmer kommt ange­rast und kriegt einen Fuß dran, aber ich habe drei, vier Meter Vor­sprung. Ich will den Ball mit einem kurzen Kon­takt an ihm vor­bei­legen, aber er blockt ihn, ist schon an mir vorbei, im vollen Sprint. Er hat nur noch Eike vor sich und Gün­ther Schäfer, der aus der Mitte ange­rannt kommt. Ich laufe mit, rechne mit dem Schlimmsten und hoffe noch auf Ret­tung, ich sehe die dunkle 12 auf dem gelben Trikot tanzen, eine Kör­per­täu­schung, ein Schuss, an Schä­fers Grät­sche vorbei und durch die Beine von Eike ins Netz.

Es ist vorbei, und ich habe es ver­bockt

Ich laufe dem toten Ball hin­terher, nutzlos, unter Schock, die Hände am Kopf, wie jemand, der gerade eine kost­bare Vase zer­trüm­mert hat.

Wie in Trance spiele ich die Partie zu Ende. Golke schießt noch an den Pfosten. Aber ich weiß, dass es vorbei ist. Ich weiß es seit dem Moment, als ich den Ball ver­loren habe. Ich wusste, er wird treffen, es ist vorbei, und ich habe es ver­bockt.

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Leeds jubelt. Fritz Walter und der VfB Stutt­gart nicht.

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Im Flug­zeug nach Stutt­gart herrscht Toten­stille. Petra und ich gehen mit den Letzten an Bord. Als wir uns den Gang ent­lang­schlän­geln, starre ich auf den Boden. Ich will keinem in die Augen sehen. Es kommt mir vor, als würden mich alle anglotzen. End­lich sind wir bei unserer Reihe. Petra hält meine Hand. Wir spre­chen kein Wort. Immer wieder sehe ich den Ball vor mir liegen. Denke: Hau ihn ein­fach weg. Mache wieder das Fal­sche.

Tief in der Nacht landen wir in Stutt­gart. Keiner wartet auf uns. Ich sollte keine Zei­tungen lesen und lese sie doch. Die Schlag­zeilen sind ver­nich­tend: Vom Helden zum Ver­lierer … Buck ver­hilft Leeds in die nächste Runde … Nach dem Bock: Daum droht Buck … Ich solle mich jetzt bloß nicht hän­gen­lassen, lese ich im kicker. Sonst werde mir der Trainer in den Hin­tern treten.

Der deut­sche Meister wird zur Lach­nummer

Den Jour­na­listen habe ich die übli­chen Phrasen in die Blöcke gespro­chen: Werde aus dem Fehler lernen. Leben geht weiter. Bin so moti­viert wie nie. Und so weiter. Aber ich glaube selber nicht an meine Sprüche. Mein Kopf ist voll dunkler Gedanken.

Der omi­nöse vierte Aus­länder von Leeds ver­folgt uns. Der deut­sche Meister wird zur Lach­nummer. Die Stim­mung im Team ist schlecht. Wir ver­lieren mehr als wir gewinnen. Daum setzt mich auf die Bank. Viel­leicht war alles doch nur ein großes Miss­ver­ständnis?