In der 44. Minute hätte sich in Manaus alles drehen können. Die Por­tu­giesen führten mit 1:0. Tim Howard, der Keeper der Ame­ri­kaner, lenkte einen Schuss der Por­tu­giesen an den linken Pfosten, der Ball prallte ab, genau auf Por­tu­gals Eder. Die rechte Hälfte des Tores war frei, Howard rap­pelte sich hoch und bewegte sich dorthin.

Der Reflex gegen Por­tugal

Doch Eder schoss hoch, gegen Howards Lauf­rich­tung. Der Tor­wart trip­pelte, stieß sich mit dem rechten Bein ab und riss in Sekun­den­schnelle den linken Arm hoch. Mit letzter Kraft, den Körper schon im Fallen, wischte Howard den Ball übers Tor. Sen­sa­tio­nell, über­na­tür­lich“, riefen die Kom­men­ta­toren. Ein 0:2 – und die USA wären wohl nicht mehr zurück­ge­kommen. Tim Howard hielt Klins­manns US-Team im Spiel – mit einem unglaub­li­chen Reflex.

Ich habe mit 18 oder 19 Jahren ver­standen, dass ich bestimmte Bewe­gungen schneller drauf habe als andere und dass diese Reflexe mit meiner Erkran­kung zusam­men­hängen“, sagte Howard vor gut einem Jahr im Inter­view mit dem Spiegel“. Der Tor­wart leidet am Tourette-Syn­drom, einer Ver­hal­tens- und Emo­ti­ons­stö­rung. Es komme vor, dass sein Arm oder ein Auge wäh­rend des Spiels heftig zucken. Medi­ziner nennen dies einen Tic“. Doch: Sobald es vor dem Tor ernst wird, habe ich keine Zuckungen, da gehor­chen meine Mus­keln.“

Der Trainer schätzt seine umgäng­liche Art

In den Ver­ei­nigten Staaten ist der Umgang mit Howards Tourette-Syn­drom ent­spannt, sagt er. Die Mit­spieler machen ihre Späße, doch der Tor­wart nimmt es mit Humor und kon­tert mit Bemer­kungen über deren Macken. Nicht selten reagieren die ame­ri­ka­ni­schen Fans auf die unglaub­li­chen Paraden ihres Schluss­mannes mit dem dop­pel­deu­tigen Ruf in Rich­tung der Gegner: We’ve got Tim Howard. And he says: ›Fuck you‹.“

Das Flu­chen und der Gebrauch von Schimpf­wör­tern gehören zwar zu den land­läufig bekann­testen Merk­malen der Krank­heit, doch Howard hat damit keine Pro­bleme. Im Gegen­teil: Mit­spieler und Trainer schätzen seine ruhige, umgäng­liche Art.

Die New York Times“ nannte ihn den Anker im Team“ und Jürgen Klins­mann sprach gera­dezu hym­nisch von Howard: Er ist einer der besten fünf Tor­hüter der Welt.“

Der deut­sche Trainer bewies auch beim US-Team seinen recht kom­pro­miss­losen Umgang mit arri­vierten Kräften und strich Super­star Landon Donovan aus dem Kader. Howard hin­gegen blieb von Anfang an die einzig unan­tast­bare Figur in Klins­manns Plan­spielen.

Howard spielte auch mit gebro­chenen Kno­chen

Denn wäh­rend Donovan man­gelnder Eifer ange­lastet wird, ist Howard der unbe­dingte Willen eines Bert Traut­mann zu eigen. 2007 spielte er in einem Freund­schafts­spiel trotz eines gebro­chenen Fin­gers und 2013 in einem Pokal­spiel trotz zweier gebro­chener Kno­chen bis zum Schluss­pfiff durch.

Einer wie er kann Nach­fragen zu einer mög­li­chen Absprache zwi­schen Deutsch­land und den USA im letzten Grup­pen­spiel nicht ver­stehen. Das ist eine Menge Mist“, sagte Howard. Unge­halten war er nicht, son­dern lächelte dabei.