Seite 2: „ER BENUTZT EIN GRANATAPFEL-SPÜLMITTEL UND EINEN SCHWAMM IN DER FORM EINES IGELS!“

Wie Spieler wirken, bestimmen auch Jour­na­listen. Des­halb trifft Lahm im Stück ständig auf Reporter, die das Bild von ihm formen. Überaus fan­ta­sie­lose Reporter. Mit einem streift er über den Mün­chener Nord­friedhof. Zwi­schen den Grä­bern ant­wortet er mit Null-Sätze auf Null-Fragen.
Herr Lahm, was ist ihr Lieb­lings-Jahr­zehnt?“
Ein­deutig die Zehner-Jahre. Und die Nuller­jahre.“

Lahms Zeit­rech­nung beschränkt sich auf seine Kar­riere, ein Fuß­bal­ler­leben ohne Kon­flikte und Skan­dale. Ein Leben, das behütet als Sohn eines Fern­mel­de­tech­ni­kers und einer Turn­leh­rerin begann und danach immer ein biss­chen besser wurde. Von seinem Jugend­verein, dem FT Gern, wech­selte er in die Jugend des FC Bayern, ließ sich später nach Stutt­gart aus­leihen. Als er zurück­kehrte wurde er Stamm­spieler, Natio­nal­spieler, Kapitän, Welt­meister. Und dann – bevor der Absturz, ein kaputtes Knie oder eine Insol­venz alles kaputt machen konnte – sagte Lahm: Es ist Schluss. Ich habe alles erreicht. Im Stück sagt er, wenn andere Kar­rieren einem Box­kampf glei­chen, gleicht seine einem Aqua­rium.

ER BENUTZT EIN GRA­NAT­APFEL-SPÜL­MITTEL UND EINEN SCHWAMM IN DER FORM EINES IGELS!“

In diesem Aqua­rium schwimmt er wie ein ahnungs­loser, aber glück­li­cher Gold­fisch die Sta­tionen seines Lebens ab. Vor dem Trai­nings­lager in Katar infor­miert er sich beim Aus­wär­tigen Amt über die Rei­se­be­din­gungen. Alles oki­doki. Weil ihm Worte wie Kor­rup­tion“ nicht begegnen, sucht er auch nicht nach Men­schen­rechts­ver­let­zungen“. Statt­dessen spielt er Fuß­ball, sagt Nichts in die Notiz­blöcke der Jour­na­listen und geht anschlie­ßend unter die Regen­wald­du­sche. 37 Grad, herr­lich kör­per­warm. Am nächsten Tag doziert Lahm den Neu­zu­gängen des FC Bayern, was ihn so reich, soft und glück­lich“ macht: Das Geheimnis, ein gutes Leben zu führen, liegt darin, sich von den aller­meisten Dingen fern­zu­halten.“

Philipp Lahm“ ist ein Ein-Mann-Stück. Nur einmal, kurz vor dem Ende, bricht Regis­seur Robert Ger­loff damit. Er lässt einen Autor auf­treten, der vom indo­ne­si­schen Kul­tus­mi­nister den Auf­trag bekommt, ein Stück über Philipp Lahm zu schreiben, der in Indo­ne­sien sehr beliebt ist. Der Autor ver­sucht, Lahms Leben in irgendein dra­ma­tur­gi­sches Kon­zept zwängen. Es geht nicht, es gibt kein Drama. Er schei­tert am Stoff dieses Lebens. PHILIPP LAHM GENIESST SEINE LANG­JÄH­RIGE BEZIE­HUNG IN VOLLEN ZÜGEN!“, brüllt er. ER WÄSCHT GERNE AB! ER BENUTZT EIN GRA­NAT­APFEL-SPÜL­MITTEL UND EINEN SCHWAMM IN DER FORM EINES IGELS!“ Der Autor ruft in Indo­ne­sien an um abzu­sagen. Zu spät, dort wollen sie jetzt sowieso lieber ein Stück über Andrea No Prilo No Party“-Pirlo schreiben lassen.

Jede Zeit hat die Helden, die sie ver­dient 

Eigent­lich sollte das Stück den Unter­titel tragen: Ana­tomie eines Jahr­tau­sends“. Das dritte Jahr­tau­send. Hyper­in­di­vi­dua­li­sie­rung. Ich und meine Welt. Das Neo-Bie­der­meier-Glück im Kleinen. Den Lahm auf der Bühne macht es glück­lich, sich eine Mehr­fach­steck­dose bei Kar­stadt zu kaufen. Warum auch nicht? Ein Thea­ter­stück hat diese Frei­heit der Fik­tion. Aber wenn es auch in der Wirk­lich­keit genauso wäre, wäre das so schlimm? Ein fort­schritt­li­cher Mann, der alles abge­legt hat, was Fans ver­langen, die sich nach echten Typen“ sehnen und Psy­cho­logen heute toxi­sche Männ­lich­keit nennen? Wer sich nach Rebellen sehnt, findet sie immer noch im Kino. Wer sich wegen dem eigenen Schwab­bel­bauch min­der­wertig fühlt, nennt Cris­tiano Ronaldo schwul. Aber wer sich iden­ti­fi­zieren will, mag Philipp Lahm, den modernen Mann.

Der Bühnen-Lahm macht sich diese Gedanken gar nicht. Am Ende des Stücks löst er ein­fach ein Ravens­burger Dino-Puzzle, isst Wein­trauben und beant­wortet im Bett noch eine Mail, bevor er die Augen schließt. Das Licht im Theater geht aus und der Zuschauer ver­steht: Jede Zeit hat die Helden, die sie ver­dient.