Seite 2: Das Gesamtkunstwerk Best

Die Natur hatte ein Füll­horn ange­bo­renes Talent über ihm aus­ge­schüttet, dazu war er, was oft ver­gessen wird, gera­dezu zwang­haft trai­nings­be­sessen, womit er die Aus­wir­kungen der Sau­ferei erstaun­lich lange kom­pen­sieren konnte. Vom reinen Rüst­zeug her war er also nahezu kom­plett, was aber viele junge Spieler waren und sind, daher sind es wohl doch Auf­treten und Atti­tüde gewesen, die ihn zur Aus­nah­me­erschei­nung werden ließen, swagger und savvy eben.

Es hat mit der Arro­ganz der Jugend zu tun, und mit dem Bewusst­sein, Ver­treter einer neuen Zeit zu sein, die gerade anbrach. Welche Posi­tion er auf dem Papier spielte, war voll­kommen egal, und sein und unser Glück war, dass er mit Man­chester United in ein Team geraten war, in dem die tak­ti­sche Marsch­route des Mana­gers selten über ein Gen­tlemen, go out and enjoy yourself“ hin­aus­reichte und jeder Spieler der Offen­siv­ab­tei­lung seine Rolle frei­zügig und für jene Zeit höchst unge­wöhn­lich inter­pre­tierte. Alles hing von momen­taner Ein­ge­bung und Tages­form ab, machte aber das Man­chester United der Mid­six­ties zu einem Team, das einen ein­zig­ar­tigen, weil völlig unbe­re­chen­baren Fuß­ball spielte und ein Flair hatte wie kein Zweites von der Insel. Ganz anders als der weitaus effi­zi­en­tere, aber nicht gerade mit Genia­lität geadelte FC Liver­pool oder gar die Rüpel­bande aus Leeds.

He could take care of himself“

Doch nicht wenige Fans bewun­derten Best auch dafür, dass er eine unter­schwel­lige Gemein­heit und Gefähr­lich­keit aus­strahlte, eine rich­tige Drecksau sein konnte und nach Kräften zurück­trat. He could take care of himself“, wurde das immer euphe­mis­tisch umschrieben, und es war auch nötig in einer Zeit, in der die Regel­aus­le­gung eine andere war. So lange der Ball halb­wegs mit dabei war, musste man schon einen ein­wand­freien Mord­ver­such begehen, um vom Platz zu fliegen. Heute würde jeden­falls keiner der dama­ligen Ver­tei­di­ger­le­genden von Paul Reaney (der ein­zige Kon­tra­hent, gegen den Best stets Schien­bein­schoner trug ) bis Chopper“ Harris den Schluss­pfiff auf dem Platz erleben, und Nobby Stiles wohl auch nicht.

Bests in dieser Hin­sicht schau­rigster Moment ereig­nete sich im Dezember 1970, bei einer 1:4‑Heimpleite gegen City, die viel dazu bei­trug, die Macht­ver­hält­nisse in Man­chester umzu­kehren. Wie ein Tor­pedo, kein Kör­per­teil hatte mehr Boden­kon­takt, rauschte er von hinten in Glyn Pardoe, der längst abge­spielt hatte, hinein und zer­schmet­terte ihm Schien-und Waden­bein. Pardoe, ein Spieler vom Typ gute Seele der Mann­schaft“, schrammte nur knapp an einer Ampu­ta­tion vorbei. Auch diese Remi­nis­zenz gehört zum Gesamt­kunst­werk George Best.

Jeder hatte ein Best-Imitat

Sehr früh schon war es schwierig, zwi­schen dem Fuß­ball­spieler Best und der öffent­li­chen Figur zu unter­scheiden, was aber nichts machte, denn genau danach hatte man ja gelechzt, unbe­wusst natür­lich und auch nur, wenn man jung genug war. Ein Ball­treter, der, nebenbei oder eigent­lich, auch so etwas wie ein Pop­star ist, ein fehl­ge­lei­teter Rock‘n‘Roller, dem nur die Gitarre abhanden gekommen war, diese bis dahin nur ersehnte Kom­bi­na­tion war für eine bestimmte Genera­tion a dream come true, durchaus ein Äqui­va­lent zur wenige Jahre später gesuchten Kreuz­to­le­ranz zweier spit­zen­mä­ßigen LSD-Sorten.

WI Best Profil

Wie die aller­meisten Bands hatte er rund fünf Jahre, in denen er neu und wirk­lich auf­re­gend war. Wie er ab etwa 1965 auf­trat, sich stylte und klei­dete, das war eine Kampf­an­sage an die bestehenden Ver­hält­nisse und somit eine bewusste und mutige Ent­schei­dung. Und es wurde natür­lich bald überall nach­ge­ahmt. So ab 1970 hatte fast jede eng­li­sche Pro­fi­mann­schaft ihr Best-Imitat, langmäh­nige Dau­er­dribbler mit kna­ckigen Lebens­ab­schnitts­ge­fähr­tinnen und in der gutter press lust­voll aus­ge­schlach­teten Dis­zi­plin­pro­blemen.

An Best kam keiner heran

Einige wie Charlie George, Frank Wort­hington, Stan Bowles oder Rodney Marsh besaßen echten Unter­hal­tungs­wert, an Best heran kam jedoch keiner. Ab 1969 begann sein Stern zu sinken und bald befand sich auch sein Verein im freien Fall. Aber da war man schon unbe­scheiden geworden, wollte par­tout nicht ein­sehen, dass er für genug Wirbel gesorgt und dem bri­ti­schen Fuß­ball einen Inno­va­ti­ons­schub ver­passt hatte, der rück­bli­ckend betrachtet gera­dezu unge­heu­er­lich war.

Und irgend­wann brauchte man Idole wie ihn auch nicht mehr so drin­gend wie noch wenige Jahre zuvor. Eine auch nur ansatz­weise ver­gleich­bare Figur konnte aus dem Bereich Fuß­ball nicht mehr kommen. Wenn man mit den Stones und Steve McQueen auf­ge­wachsen ist, kann man U2 und Tom Cruise schließ­lich auch nicht ernst nehmen.