Seite 4: Immer neben der Damentoilette

Vor­pro­gram­miert war daher, dass die beiden regel­mäßig anein­an­der­ge­rieten. Charlton strafte durch demons­tra­tive Ver­ach­tung. Zwi­schen ihnen stand der Schotte Denis Law, der mal der einen, mal der anderen Partei zuge­neigt war. Der über­haupt ein biss­chen schi­zo­phren wirkte. Einer­seits ein rüh­render und völlig gesittet lebender Fami­li­en­mensch, der sich aber immer mal wieder in emo­tio­nale Aus­nah­me­zu­stände hin­ein­stei­gerte, um seinem irra­tio­nalen Hass auf Eng­land im All­ge­meinen und die eng­li­sche Natio­nal­mann­schaft im Beson­deren Zucker zu geben. Auf dem Spiel­feld meis­tens ein begnadet lauf­fauler Abstau­ber­könig, der aber bei beson­deren Anlässen auch Solo­läufe im Reper­toire hatte, die die von Best noch in den Schatten stellten.

Der bei seinem Kurz­auf­ent­halt in Ita­lien mög­li­cher­weise auch Schau­spiel­un­ter­richt genossen hatte, denn so gockel­haft über­heb­lich stol­zierte zu dieser Zeit kein zweiter Spieler über ein bri­ti­sches Fuß­ball­feld, was dem privat wohl­tuend selbst­iro­nisch auf­tre­tenden Mann krass wider­sprach. Aber zuerst und zuletzt war er the King“, schon weil er die meisten und wich­tigsten Tore schoss.

Der beste Platz ist immer neben der Damen­toi­lette

Ein wich­tiges Datum in der Fuß­ball­tri­vi­al­ge­schichte Man­ches­ters war der August 1965. Da ver­pflich­tete City näm­lich Mike Sum­merbee, in dem Best den idealen drin­king buddy“ fand. Man freun­dete sich schnell an und machte gemeinsam die Stadt unsi­cher. Alles noch völlig harmlos und aus heu­tiger Sicht rüh­rend naiv. Zunächst bevor­zugte man jene Cof­fee­bars, in denen Heer­scharen von Büro­mäus­chen ihre Mit­tags­pause ver­brachten. Best war da noch kein Anma­chertyp, hatte jedoch schnell heraus, dass er bei Frauen Mut­ter­in­stinkte weckte. Die Affären waren zahl­reich, aber noch frei von Kom­pli­ka­tionen, nicht zuletzt des­halb, weil zu dieser Zeit die Pille frei zugäng­lich wurde.

Bald darauf erwei­terten die beiden immer top­mo­dern geklei­deten und mit aus­ge­suchter Höf­lich­keit auf­tre­tenden Kicker ihr Jagd­re­vier um Man­ches­ters Nobel­disco Le Pho­no­graphe“, wo auch die ört­liche Halb­welt ver­kehrte. Sie trauten sich noch nicht, jemanden anzu­spre­chen, weil sie sich für ihre pro­vin­zi­ellen Dia­lekte schämen, pos­tieren sich aber stets stra­te­gisch günstig neben der Damen­toi­lette, wo die Mädels ja vor­bei­kommen mussten. Bests spä­teres Ver­hängnis, sich weit weniger für die Tee­nies, die sich an den Fens­tern von Uniteds Mann­schaftsbus die Näs­chen platt­drü­cken, zu inter­es­sieren, als für ältere Frauen, die oft mit Typen ver­hei­ratet waren, die ihm wirk­li­chen Ärger machen konnten, nahm hier seinen Anfang.

Die Geschäfts­welt

Und weil Man­chester ein großes Dorf war, wusste Busby immer bald alles. Die Stand­pauken, die er seinem Lieb­lings­schüler mit gütiger Strenge erteilte, wurden länger und inten­siver. Exakt 276 Tier­fi­guren befanden sich auf dem Tape­ten­muster der Rück­wand von Busbys Büro, weiß Richard Kurt (in Red Devils – A History of Man United’s Rogues and Devils“) zu berichten, denn Best hatte sie bei diesen, äußer­lich mit stoi­scher Gelas­sen­heit ertra­genen Appellen an seine Ver­nunft immer wieder stumm durch­ge­zählt. Nun eröff­neten Best und Sum­merbee gemeinsam ihre mythen­um­rankte Bou­tique Edwardia“ im süd­li­chen Vorort Sale.

Es dürfte wohl nur wenige andere Her­ren­aus­statter gegeben haben, deren Kund­schaft sich fast aus­schließ­lich aus über­wie­gend min­der­jäh­rigen Mäd­chen rekru­tierte. Wäh­rend Sum­merbee später ein echtes geschäft­li­ches Inter­esse an Mode ent­wi­ckelte und heute sein Geld mit der Her­stel­lung maß­ge­schnei­derter Hemden ver­dient, gestand Best frei­mütig, dass pul­ling birds sein Haupt­motiv für die finan­zi­elle Betei­li­gung gewesen sei. Folg­lich inves­tierte er später noch in wei­tere Kla­mot­ten­läden.

Par­al­lel­uni­versum von Sex, Pop und Fuß­ball

Für eines der beiden Lokal­derbys der Saison 1966/67 gab der Daily Express“ eine Farb­son­der­bei­lage heraus. Unter der Head­line March of the Mods“ posierten die beiden Jung­un­ter­nehmer vor dem Shop und strahlten coole Selbst­si­cher­heit aus. Sum­merbee sah in seinem dezent hell­blauen Outfit tat­säch­lich wie der per­fekte Mod aus und hätte auch neben Steve Mar­riott bestehen können. Best, der die deut­lich län­geren Haare hatte, trug ein ocker­gelbes Sakko, einen schwarzen Roll­kra­gen­pull­over, enge schwarze Hosen und schwarze Stie­fe­letten. Für einen deut­schen Betrachter waren das Bilder aus einem Par­al­lel­uni­versum, in dem Fuß­ball tat­säch­lich etwas mit Sex und Pop zu tun hatte.

Best wurde zu jener Zeit von United mit 125 Pfund in der Woche ent­lohnt, und durch Neben­ein­nahmen kam unge­fähr noch einmal die gleiche Summe herein. Auf Emp­feh­lung Denis Laws beschäf­tigte er mit Ken Stanley einen Agenten, der drei Sekre­tä­rinnen brauchte, um die ein­lau­fenden Ange­bote zu son­dieren. Jeder wollte sich mit Bests Namen schmü­cken, und in dessen Voka­bular war das Wort nein“ so gut wie nicht vor­handen.

Also ver­fassten Ghost­writer die ersten Kolumnen, in denen George sich kennt­nis­reich über Mode, Musik, Autos und gele­gent­lich auch Fuß­ball äußerte. In Anzeigen und später auch TV-Spots wurde für Rasier­wasser, Fuß­ball­schuhe der Marke Stylo, Kau­gummi, Regen­schirme und Unmengen von Kla­motten geworben. Er absol­vierte erste Auf­tritte auf dem Lauf­steg und machte dabei eine ebenso gute Figur wie beim Besuch in der Musik­show Ready, Steady, Go!“.