11FREUNDE WIRD 20!

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Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Heute: das Genie George Best.

11 Freunde Das große 11 Freunde Buch Kopie

Wenn es zu spät zur Umkehr ist, kann man sich nur noch zu Tode saufen oder ver­su­chen, dem Teufel große Werke zu errichten.“ (Iri­sches Spricht­wort)

Er hatte sich für die erste Alter­na­tive ent­schieden und es end­lich hinter sich gebracht.War auf die andere Seite über­ge­wech­selt und über­rascht haben dürfte es nie­manden. Man hatte es kommen sehen, seit wie vielen Jahren eigent­lich schon? Es war wohl mehr als seine Kar­riere, deren unrühm­li­ches Ende mehr als 20 Jahre zurück­liegt, ange­dauert hat. Was danach noch folgte, war eine ein­zige Freak­show. Obwohl es einen im Grunde einen Dreck angeht, wird man wütend. Wer auch nach der Leber­trans­plan­ta­tion wei­ter­säuft wie tau­send Russen, der hat selbst Schuld. Als ob es um Schuld ginge, oder darum, wer Mit­leid ver­dient.

Der viel­leicht nicht größte, mit gewisser Wahr­schein­lich­keit aber cha­ris­ma­tischste Fuß­baller aller Zeiten ist tot. Andere haben häu­figer Titel abge­räumt und mehr Tore geschossen, aber kaum einer reprä­sen­tierte seine Zeit so nach­haltig wie George Best. Und wenn die Zeit, für die er stand, immer stehen wird, nun einmal die­je­nige ist, die einen selbst geprägt hat, dann zählt eben nur sie. It’s as simple as that! Bestie, der Bel­fast Boy, Geordie (wie er in seiner Hei­mat­stadt immer nur hieß), der fünfte Beatle, zu dem man ihn zeit­weise ernannte, hat sich mit wenig Gran­dezza, aber bru­taler Kon­se­quenz unter die Erde gesoffen. He did it his way! Ein letztes Mal.

59 ist noch kein Ster­be­alter

Der runde Sech­zigste, an dem man ihn wohl noch einmal im großen Stil abge­feiert und ihm viel­leicht auch für viele seiner Ent­glei­sungen öffent­lich Abso­lu­tion erteilt hätte, der war ihm nicht mehr ver­gönnt. Nein, 59 ist noch kein Ster­be­alter, und klar, es ist unge­sund, per­ma­nent zu ver­drängen, dass man irgend­wann halt den Preis für seinen Lebens­wandel bezahlt, oder in Bests Fall wohl besser: die Zeche. Trotzdem konnte und wollte man sich einen geläu­terten und alters­milden Bestie, der als elder sta­tesman aus­ge­wo­gene State­ments von sich gibt, auch nicht unbe­dingt vor­stellen.

Außerdem: Bobby Moore, diesen wahren Aus­bund an Serio­sität und in jeder Bezie­hung das krasse Gegen­teil von Best, raffte the big C mit Anfang 50 dahin, und John Lennon wurde mit gerade mal 40 von einem Irren abge­knallt. Und Brendan Behan, das andere iri­sche Schand­maul das in seinem Beritt jeden anderen nach Belieben an die Wand gespielt hat, ertränkte seine gequälte Seele im Whiskey gerade zu der Zeit, als Best anfing groß her­aus­zu­kommen.

Die Frage Where did it all go wrong, Georgie?“ wurde oft genug gestellt. An lai­en­psy­cho­lo­gi­schen Fern­ana­lysen über die Ursa­chen seiner Sucht und seiner Selbst­zer­stö­rung herrscht seit Jahr­zehnten kein Mangel. Genau wie an Ver­su­chen, ihn als letzt­lich Geschei­terten oder Unvoll­endeten zu por­trä­tieren. Erin­nern wir uns lieber an den Fuß­baller George Best, denn als sol­cher war er viel­leicht doch der Größte.

Welche Posi­tion er spielte, war völlig egal

Ver­dammt schwierig, die Magie nach all der Zeit auf einen Nenner zu bringen.Vielleicht war es die enge Ball­füh­rung bei hohem Tempo; viel­leicht die kleinen pro­vo­zie­renden Sidesteps, mit denen er, bevor er sich einen oder meh­rere Kon­tra­henten zur Brust nahm, das geg­ne­ri­sche Publikum her­aus­for­derte; viel­leicht aber auch nur die läs­sige Art, wie er einen Moment lang dastand, unmit­telbar bevor er zu einer Aktion ansetzte, die man so noch nie gesehen hatte: mit lockeren Hüften und in den Knien wie­gend, nicht unähn­lich den Guns­lin­gern aus den ersten Ita­lo­wes­tern, die gerade her­aus­kamen.

Einer seiner furiosen Solo­läufe, bei dem er es mit wehender Mähne, irr­wit­zigem Gleich­ge­wichts­ge­fühl und abgrund­tiefer Ver­ach­tung für alle Blut­grät­schen, die ihn auf­halten wollten, am liebsten mit einem halben Dut­zend Gegen­spieler auf­nahm, das war so etwas wie Schien­bein­surfen und ist, zumin­dest aus bri­ti­scher Per­spek­tive, ein genuines Abbild der Six­ties, so wie der Auf­tritt der Yard­birds in Blow Up“, eine Modenshau mit Twiggy oder die Titel­se­quenz von The Pri­soner“.

Dabei ließ er aber so gut wie nie den nötigen Zug zum Tor ver­missen, was ihn von den Fum­mel­brü­dern süd­eu­ro­päi­scher Prä­gung unter­schied. Er war beid­füßig, sau­schnell und viel robuster, als sein schmaler und auf den ersten Blick so mickrig wir­kender Körper ver­muten ließ. Seine Trick­kiste war viel­leicht nicht ganz so prall gefüllt wie die von Gar­rincha, und weniger zir­kus­kom­pa­tibel wirkte er auch, dafür aber traf er viel öfter ins Tor.

Die Natur hatte ein Füll­horn ange­bo­renes Talent über ihm aus­ge­schüttet, dazu war er, was oft ver­gessen wird, gera­dezu zwang­haft trai­nings­be­sessen, womit er die Aus­wir­kungen der Sau­ferei erstaun­lich lange kom­pen­sieren konnte. Vom reinen Rüst­zeug her war er also nahezu kom­plett, was aber viele junge Spieler waren und sind, daher sind es wohl doch Auf­treten und Atti­tüde gewesen, die ihn zur Aus­nah­me­erschei­nung werden ließen, swagger und savvy eben.

Es hat mit der Arro­ganz der Jugend zu tun, und mit dem Bewusst­sein, Ver­treter einer neuen Zeit zu sein, die gerade anbrach. Welche Posi­tion er auf dem Papier spielte, war voll­kommen egal, und sein und unser Glück war, dass er mit Man­chester United in ein Team geraten war, in dem die tak­ti­sche Marsch­route des Mana­gers selten über ein Gen­tlemen, go out and enjoy yourself“ hin­aus­reichte und jeder Spieler der Offen­siv­ab­tei­lung seine Rolle frei­zügig und für jene Zeit höchst unge­wöhn­lich inter­pre­tierte. Alles hing von momen­taner Ein­ge­bung und Tages­form ab, machte aber das Man­chester United der Mid­six­ties zu einem Team, das einen ein­zig­ar­tigen, weil völlig unbe­re­chen­baren Fuß­ball spielte und ein Flair hatte wie kein Zweites von der Insel. Ganz anders als der weitaus effi­zi­en­tere, aber nicht gerade mit Genia­lität geadelte FC Liver­pool oder gar die Rüpel­bande aus Leeds.

He could take care of himself“

Doch nicht wenige Fans bewun­derten Best auch dafür, dass er eine unter­schwel­lige Gemein­heit und Gefähr­lich­keit aus­strahlte, eine rich­tige Drecksau sein konnte und nach Kräften zurück­trat. He could take care of himself“, wurde das immer euphe­mis­tisch umschrieben, und es war auch nötig in einer Zeit, in der die Regel­aus­le­gung eine andere war. So lange der Ball halb­wegs mit dabei war, musste man schon einen ein­wand­freien Mord­ver­such begehen, um vom Platz zu fliegen. Heute würde jeden­falls keiner der dama­ligen Ver­tei­di­ger­le­genden von Paul Reaney (der ein­zige Kon­tra­hent, gegen den Best stets Schien­bein­schoner trug ) bis Chopper“ Harris den Schluss­pfiff auf dem Platz erleben, und Nobby Stiles wohl auch nicht.

Bests in dieser Hin­sicht schau­rigster Moment ereig­nete sich im Dezember 1970, bei einer 1:4‑Heimpleite gegen City, die viel dazu bei­trug, die Macht­ver­hält­nisse in Man­chester umzu­kehren. Wie ein Tor­pedo, kein Kör­per­teil hatte mehr Boden­kon­takt, rauschte er von hinten in Glyn Pardoe, der längst abge­spielt hatte, hinein und zer­schmet­terte ihm Schien-und Waden­bein. Pardoe, ein Spieler vom Typ gute Seele der Mann­schaft“, schrammte nur knapp an einer Ampu­ta­tion vorbei. Auch diese Remi­nis­zenz gehört zum Gesamt­kunst­werk George Best.

Jeder hatte ein Best-Imitat

Sehr früh schon war es schwierig, zwi­schen dem Fuß­ball­spieler Best und der öffent­li­chen Figur zu unter­scheiden, was aber nichts machte, denn genau danach hatte man ja gelechzt, unbe­wusst natür­lich und auch nur, wenn man jung genug war. Ein Ball­treter, der, nebenbei oder eigent­lich, auch so etwas wie ein Pop­star ist, ein fehl­ge­lei­teter Rock‘n‘Roller, dem nur die Gitarre abhanden gekommen war, diese bis dahin nur ersehnte Kom­bi­na­tion war für eine bestimmte Genera­tion a dream come true, durchaus ein Äqui­va­lent zur wenige Jahre später gesuchten Kreuz­to­le­ranz zweier spit­zen­mä­ßigen LSD-Sorten.

WI Best Profil

Wie die aller­meisten Bands hatte er rund fünf Jahre, in denen er neu und wirk­lich auf­re­gend war. Wie er ab etwa 1965 auf­trat, sich stylte und klei­dete, das war eine Kampf­an­sage an die bestehenden Ver­hält­nisse und somit eine bewusste und mutige Ent­schei­dung. Und es wurde natür­lich bald überall nach­ge­ahmt. So ab 1970 hatte fast jede eng­li­sche Pro­fi­mann­schaft ihr Best-Imitat, langmäh­nige Dau­er­dribbler mit kna­ckigen Lebens­ab­schnitts­ge­fähr­tinnen und in der gutter press lust­voll aus­ge­schlach­teten Dis­zi­plin­pro­blemen.

An Best kam keiner heran

Einige wie Charlie George, Frank Wort­hington, Stan Bowles oder Rodney Marsh besaßen echten Unter­hal­tungs­wert, an Best heran kam jedoch keiner. Ab 1969 begann sein Stern zu sinken und bald befand sich auch sein Verein im freien Fall. Aber da war man schon unbe­scheiden geworden, wollte par­tout nicht ein­sehen, dass er für genug Wirbel gesorgt und dem bri­ti­schen Fuß­ball einen Inno­va­ti­ons­schub ver­passt hatte, der rück­bli­ckend betrachtet gera­dezu unge­heu­er­lich war.

Und irgend­wann brauchte man Idole wie ihn auch nicht mehr so drin­gend wie noch wenige Jahre zuvor. Eine auch nur ansatz­weise ver­gleich­bare Figur konnte aus dem Bereich Fuß­ball nicht mehr kommen. Wenn man mit den Stones und Steve McQueen auf­ge­wachsen ist, kann man U2 und Tom Cruise schließ­lich auch nicht ernst nehmen.

George Best, als 15-Jäh­riger in Bel­fast ent­deckt, war United vom raubau­zigen Scout Bob Bishop als Genie“ offe­riert worden, seine aller­erste Leis­tung war daher, dass er an dieser Erwar­tungs­hal­tung nicht schei­terte wie etliche andere Sturm­hoff­nungen, Alex Dawson oder Mark Pearson etwa. Im Gegen­teil, er über­traf sämt­liche in ihn gesetzten Hoff­nungen. Und für alles, was die spä­tere Legende Best aus­machte, wurde der Grund­stein in den ersten fünf Jahren seiner Kar­riere gelegt, als United tat­säch­lich den euro­päi­schen Gipfel erklomm.

…damals immer nur seinen Arsch gesehen

Am 14. Sep­tember 1963, dem Tag, an dem Best in der ersten Divi­sion debü­tierte, sprang She Loves You“ von den Beatles an die Spitze der eng­li­schen Charts, wodurch der Rummel um die Fab Four end­gültig Züge von Mas­sen­hys­terie annahm. Beim 1:0 gegen West Brom erzielte der 17-jäh­rige Wun­der­knabe natür­lich keine vier Treffer, wie der Spiegel“ in seinem fak­ten­feh­ler­ge­sät­tigten Nachruf behaup­tete (das Tor schoss Bes­ties gleich­alt­riger Kumpel David Sadler), spielte aber als Rechts­außen seinen Wider­sa­cher Graham Wil­liams in auf­rei­zender Manier schwindlig.

Noch Jahr­zehnte später trat Bests erstes Schlacht­opfer in TV-Sen­dungen auf: Zeigt mir end­lich mal ein Foto von dem Kerl, ich habe damals immer nur seinen Arsch gesehen.“ Die Regio­nal­presse horchte auf, aber Busby ließ es bei dem ersten Ein­druck bewenden und ver­steckte seinen Roh­dia­manten wieder in der Reserve. Best tauchte erst zum Jah­res­ende wieder regel­mäßig in der ersten Mann­schaft auf und schoss beim 5:1 gegen Burnley sein erstes Ligator.

Ins Taxi kotzen

Doch der Dämon Alkohol hatte da schon seine Krallen nach ihm aus­ge­streckt: Bei einem Jugend­tur­nier in Zürich wird er von Team­kol­legen nach Strich und Faden abge­füllt. Er kotzt ein Taxi voll und muss den Rest der Nacht die Wände des Hotel­zim­mers um sich rotieren lassen. Wie von allem bekommt Busby auch von diesem Fehl­tritt Wind, hält den Vor­fall aber für eine der unter jungen Bur­schen nun einmal übli­chen Initia­ti­ons­riten. Einer der abso­luten Leis­tungs­träger Uniteds in den frühen 60ern war Dennis Vio­lett, dessen 32 Liga­tore aus der Saison 59/60 noch immer Ver­eins­re­kord bedeuten. Er war ein schmäch­tiger, aber unglaub­lich wen­diger Halb­stürmer mit feiner Technik und einem Mords­bumms in beiden Beinen. Und einem Mords­durst.

Jeder wusste es, aber man tuschelte nur hinter vor­ge­hal­tener Hand dar­über: Vio­lett säuft und zwar weit über das unter bri­ti­schen Fuß­bal­lern übliche Maß hinaus. Hilfs­an­ge­bote von Ver­eins­seite: keine. Busby griff zu einer Stra­tegie der Kon­flikt­lö­sung, die er, wenn irgendwas nicht in sein bie­deres Welt­bild passte, gerne prak­ti­zierte. Das Thema wurde zum Tabu erklärt, man dul­dete Vio­lett so lange er als Tor­fa­brik funk­tio­nierte, dann schob Busby ihn still und heim­lich zu Stoke City in die 2. Liga ab. Best hatte später mehr Glück. Denn die Zahl der Men­schen aus dem Umfeld des Ver­eins, die sich nach Kräften bemüht haben, ihm zu helfen, die ist Legion. Viel­leicht sind aber doch nur die Gene Schuld: Bests Mutter Ann, die stets völlig absti­nent gelebt hatte, griff erst zur Fla­sche, nachdem sie im Alter von 43 ihr letztes Kind zur Welt gebracht hatte. Sie starb mit 54 als Säu­ferin.

Zag­hafte Annä­he­rung zwi­schen Fuß­ball und Pop

In Man­chester und Bel­fast hatte es Best bereits zu begrenztem Ruhm gebracht, jetzt galt es, Groß­bri­tan­nien zu erobern. Der Tag, an dem dies geschah, war der 30. Sep­tember 1964 und die Bühne dafür war intel­li­gent gewählt. Denn aus­schließ­lich London war es, wo die wirk­lich wich­tigen Schlag­zeilen pro­du­ziert wurden, und damals, als es im Fern­sehen nur sehr wenig Fuß­ball zu sehen gab, war der Ein­fluss der gedruckten Sport­be­richt­erstat­tung noch ungleich größer als heute. Da traf es sich gut, dass Man­U­nited, nach allen­falls mit­tel­präch­tigem Sai­son­start, beim unge­schla­genen Tabel­len­führer Chelsea antreten musste, schon damals der Lieb­lings­verein der Lon­doner Bohème und Society.

Vor 60.000 Zuschauern, die ange­sichts seiner schon auf­rei­zend arro­ganten Dribb­lings bald johlten wie beim Stier­kampf und ihn schließ­lich mit Stan­ding Ova­tions ver­ab­schie­deten, lie­ferte Best ein Spiel ab, dass mit Sicher­heit zu den fünf besten seiner Kar­riere zählt. Er treibt seinen direkten Gegen­spieler Ken Shel­lito in einen Wahn­sinn, von dem sich dieser nie­mals erholen sollte. Er umkurvte mühelos zwei, drei Gegner und setzte dann zu selt­samen Dop­pel­pässen an, indem er den nächsten Kon­tra­henten ein­fach in voller Absicht anschoss. Er erzielte auch ein eigent­lich unmög­li­ches Tor, in dem er sich in einen Rück­pass von Hinton zu Keeper Bonetti mogelte. Best bot all das und noch mehr, aber er machte es anders, selbst­ver­liebter, krea­tiver und dreister als die unzäh­ligen Fum­mel­kö­nige, die es immer schon gegeben hatte und die sich an einem guten Tag auch in einen Tran­ce­zu­stand spielen konnten, in dem sie nicht auf­zu­halten waren.

Best packt den Zeit­geist

Auf unbe­wusste Weise brachte er die jugend­liche Spiel- und Lebens­freude, die diese Ära in der Rück­schau so beson­ders machen, zum Aus­druck. Er packte den Zeit­geist, der gerade im Begriff war, London zur wich­tigsten Stadt der Welt zu machen, bei den Hör­nern und spielte ihm frech den Ball durch die Beine. Sein Auf­tritt, der die Selbst­si­cher­heit dessen, der ein­fach weiß, dass er über Klasse und Cha­risma ver­fügt, mit rot­ziger Auf­müp­fig­keit gegen tau­send bisher nicht hin­ter­fragte Kon­ven­tionen paarte, war der viel­leicht erste zag­hafte Ansatz, die Sub­kul­turen des Fuß­balls und des Pop zuein­ander finden zu lassen.

Und die hatten bis dahin kaum Berüh­rungs­punkte. Noch kurz vor der WM 1966 koket­tierten die Beatles damit, keinen ein­zigen Spieler des eng­li­schen Teams mit Namen zu kennen. A Star is born“, an diesem Herbsttag galt die aus­ge­lutschte Floskel wirk­lich. Die bright young things der Pop­welt nahmen Best mit offenen Armen auf. Und ihre Fans erst recht. Von nun an ging alles rasend schnell, blieb nichts mehr, wie es war. Und Matt Busby ahnte wohl, dass es schon bald Pro­bleme geben würde.

Die Hoch­zeit der Holy Tri­nity“

Best würde nie der allei­nige Star seiner Mann­schaft sein, was jetzt begann, war die Hoch­zeit der Holy Tri­nity“. Die älteren, tra­di­tio­nellen Fans bewun­derten Bobby Charlton, der als unreifer Junge nach Bel­grad flog und als Mann, der ein Team zu führen hatte, zurück­kehrte.

Er war unsagbar schüch­tern, aber seine Noblesse, die stille Demut, mit der er dem von Matt Busby vor­ge­ge­benen Ziel diente, die Würde, mit der er das Gelübde von Mün­chen mit jeder Faser seines Kör­pers lebte, ohne große Worte zu ver­lieren, hoben ihn auf einen Sockel, auf dem er bis heute steht. So jemand dul­dete natür­lich kei­nerlei Schlen­drian und auch Bests Nei­gung, auf dem Spiel­feld gern zu ver­gessen, dass Fuß­ball ein Mann­schafts­sport ist, blieb ihm suspekt.

Vor­pro­gram­miert war daher, dass die beiden regel­mäßig anein­an­der­ge­rieten. Charlton strafte durch demons­tra­tive Ver­ach­tung. Zwi­schen ihnen stand der Schotte Denis Law, der mal der einen, mal der anderen Partei zuge­neigt war. Der über­haupt ein biss­chen schi­zo­phren wirkte. Einer­seits ein rüh­render und völlig gesittet lebender Fami­li­en­mensch, der sich aber immer mal wieder in emo­tio­nale Aus­nah­me­zu­stände hin­ein­stei­gerte, um seinem irra­tio­nalen Hass auf Eng­land im All­ge­meinen und die eng­li­sche Natio­nal­mann­schaft im Beson­deren Zucker zu geben. Auf dem Spiel­feld meis­tens ein begnadet lauf­fauler Abstau­ber­könig, der aber bei beson­deren Anlässen auch Solo­läufe im Reper­toire hatte, die die von Best noch in den Schatten stellten.

Der bei seinem Kurz­auf­ent­halt in Ita­lien mög­li­cher­weise auch Schau­spiel­un­ter­richt genossen hatte, denn so gockel­haft über­heb­lich stol­zierte zu dieser Zeit kein zweiter Spieler über ein bri­ti­sches Fuß­ball­feld, was dem privat wohl­tuend selbst­iro­nisch auf­tre­tenden Mann krass wider­sprach. Aber zuerst und zuletzt war er the King“, schon weil er die meisten und wich­tigsten Tore schoss.

Der beste Platz ist immer neben der Damen­toi­lette

Ein wich­tiges Datum in der Fuß­ball­tri­vi­al­ge­schichte Man­ches­ters war der August 1965. Da ver­pflich­tete City näm­lich Mike Sum­merbee, in dem Best den idealen drin­king buddy“ fand. Man freun­dete sich schnell an und machte gemeinsam die Stadt unsi­cher. Alles noch völlig harmlos und aus heu­tiger Sicht rüh­rend naiv. Zunächst bevor­zugte man jene Cof­fee­bars, in denen Heer­scharen von Büro­mäus­chen ihre Mit­tags­pause ver­brachten. Best war da noch kein Anma­chertyp, hatte jedoch schnell heraus, dass er bei Frauen Mut­ter­in­stinkte weckte. Die Affären waren zahl­reich, aber noch frei von Kom­pli­ka­tionen, nicht zuletzt des­halb, weil zu dieser Zeit die Pille frei zugäng­lich wurde.

Bald darauf erwei­terten die beiden immer top­mo­dern geklei­deten und mit aus­ge­suchter Höf­lich­keit auf­tre­tenden Kicker ihr Jagd­re­vier um Man­ches­ters Nobel­disco Le Pho­no­graphe“, wo auch die ört­liche Halb­welt ver­kehrte. Sie trauten sich noch nicht, jemanden anzu­spre­chen, weil sie sich für ihre pro­vin­zi­ellen Dia­lekte schämen, pos­tieren sich aber stets stra­te­gisch günstig neben der Damen­toi­lette, wo die Mädels ja vor­bei­kommen mussten. Bests spä­teres Ver­hängnis, sich weit weniger für die Tee­nies, die sich an den Fens­tern von Uniteds Mann­schaftsbus die Näs­chen platt­drü­cken, zu inter­es­sieren, als für ältere Frauen, die oft mit Typen ver­hei­ratet waren, die ihm wirk­li­chen Ärger machen konnten, nahm hier seinen Anfang.

Die Geschäfts­welt

Und weil Man­chester ein großes Dorf war, wusste Busby immer bald alles. Die Stand­pauken, die er seinem Lieb­lings­schüler mit gütiger Strenge erteilte, wurden länger und inten­siver. Exakt 276 Tier­fi­guren befanden sich auf dem Tape­ten­muster der Rück­wand von Busbys Büro, weiß Richard Kurt (in Red Devils – A History of Man United’s Rogues and Devils“) zu berichten, denn Best hatte sie bei diesen, äußer­lich mit stoi­scher Gelas­sen­heit ertra­genen Appellen an seine Ver­nunft immer wieder stumm durch­ge­zählt. Nun eröff­neten Best und Sum­merbee gemeinsam ihre mythen­um­rankte Bou­tique Edwardia“ im süd­li­chen Vorort Sale.

Es dürfte wohl nur wenige andere Her­ren­aus­statter gegeben haben, deren Kund­schaft sich fast aus­schließ­lich aus über­wie­gend min­der­jäh­rigen Mäd­chen rekru­tierte. Wäh­rend Sum­merbee später ein echtes geschäft­li­ches Inter­esse an Mode ent­wi­ckelte und heute sein Geld mit der Her­stel­lung maß­ge­schnei­derter Hemden ver­dient, gestand Best frei­mütig, dass pul­ling birds sein Haupt­motiv für die finan­zi­elle Betei­li­gung gewesen sei. Folg­lich inves­tierte er später noch in wei­tere Kla­mot­ten­läden.

Par­al­lel­uni­versum von Sex, Pop und Fuß­ball

Für eines der beiden Lokal­derbys der Saison 1966/67 gab der Daily Express“ eine Farb­son­der­bei­lage heraus. Unter der Head­line March of the Mods“ posierten die beiden Jung­un­ter­nehmer vor dem Shop und strahlten coole Selbst­si­cher­heit aus. Sum­merbee sah in seinem dezent hell­blauen Outfit tat­säch­lich wie der per­fekte Mod aus und hätte auch neben Steve Mar­riott bestehen können. Best, der die deut­lich län­geren Haare hatte, trug ein ocker­gelbes Sakko, einen schwarzen Roll­kra­gen­pull­over, enge schwarze Hosen und schwarze Stie­fe­letten. Für einen deut­schen Betrachter waren das Bilder aus einem Par­al­lel­uni­versum, in dem Fuß­ball tat­säch­lich etwas mit Sex und Pop zu tun hatte.

Best wurde zu jener Zeit von United mit 125 Pfund in der Woche ent­lohnt, und durch Neben­ein­nahmen kam unge­fähr noch einmal die gleiche Summe herein. Auf Emp­feh­lung Denis Laws beschäf­tigte er mit Ken Stanley einen Agenten, der drei Sekre­tä­rinnen brauchte, um die ein­lau­fenden Ange­bote zu son­dieren. Jeder wollte sich mit Bests Namen schmü­cken, und in dessen Voka­bular war das Wort nein“ so gut wie nicht vor­handen.

Also ver­fassten Ghost­writer die ersten Kolumnen, in denen George sich kennt­nis­reich über Mode, Musik, Autos und gele­gent­lich auch Fuß­ball äußerte. In Anzeigen und später auch TV-Spots wurde für Rasier­wasser, Fuß­ball­schuhe der Marke Stylo, Kau­gummi, Regen­schirme und Unmengen von Kla­motten geworben. Er absol­vierte erste Auf­tritte auf dem Lauf­steg und machte dabei eine ebenso gute Figur wie beim Besuch in der Musik­show Ready, Steady, Go!“.

Um Busby, der es wie alle Manager seiner Genera­tion gerne sah, wenn Spieler mit spä­tes­tens 20 eine Sand­kas­ten­freundin ehe­lichten, zu besänf­tigen, titu­lierte er jedes zweite Girl, mit dem er sich drei Tage her­um­trieb, als Ver­lobte“. Nur wenn Stanley tod­si­chere Tipps für lang­fris­tige Geld­an­lagen unter­brei­tete, stellte Best die Ohren auf Durchzug, was er später bitter bereute und, infantil wie er nun einmal war, United, das ihn besser hätte absi­chern sollen, zum Vor­wurf machte.

Die oft demü­ti­gende und seinen Unter­gang mit Sicher­heit beschleu­ni­gende Tin­gelei der letzten 20 Jahre wäre zu ver­meiden gewesen, wenn er nur ein biss­chen besser vor­ge­sorgt hätte. Aber auch in jener Zeit, als er im Duo mit Rodney Marsh den Ele­fan­ten­friedhof des Public Spea­king Cir­cuit unsi­cher machte und sich bei Sky TV als Gast­kom­men­tator ver­dingte (und das waren noch die seriö­seren Jobs), bewahrte er sich zumin­dest so viel Klasse, nicht – wie etwa Jimmy Greaves – unter seinem Namen eines jener hyper­pein­li­chen Alkohol ist keine Lösung“-Bekenntnisbücher schreiben zu lassen.

1968: Drei schnee­weiße Jaguars

Aber in den Mid­six­ties kam die Kohle in rauen Mengen herein und wurde auch gleich wieder mit beiden Händen unter die Leute gebracht, was aber kaum ver­wun­derte, denn in Man­chester wurde ja schließ­lich der Kapi­ta­lismus erfunden. So folgten bei­spiels­weise auf den him­mel­blauen Sun­beam Alpine, der auf unzäh­ligen Fotos ver­ewigt ist, in rascher Folge immer schnel­lere und schnit­ti­gere Karossen. Allein im Jahr 1968 arbei­tete sich Best durch drei schnee­weiße Jaguars. Und Papa Dickie, der immer sein größter Fan bleiben wird, bekam einen Fish-and-Chip-Shop spen­diert, damit er aus der Kno­chen­mühle seines Werft­ar­bei­ter­jobs heraus kam. Kaum zu glauben, aber wahr: Best war ver­mö­gend und einer der popu­lärsten jungen Männer des Landes, hauste aber immer noch in einem Pen­si­ons­zimmer und musste sich für seine Sauf­touren und amou­rösen Eska­paden davon­stehlen wie ein Pen­näler auf Klas­sen­fahrt.

Für ihre One Night Stands mie­teten er und Sum­merbee, der von City ähn­lich karg unter­ge­bracht war, zwar ein Apart­ment an, den­noch blieb er der schrul­ligen Mrs. Ful­laway, bei der United seit Men­schen­ge­denken aus­wär­tige Nach­wuchs­spieler ein­quar­tierte, fast zehn Jahre lang treu. Erst 1970 ging er einem total durch­ge­knallten Star­ar­chi­tekten auf den Leim, der mit Bests Geld sein Traum­haus baute, für das futu­ris­ti­scher Alb­traum“ noch eine dezente Beschrei­bung war.

Innen war, wie in einer James-Bond-Par­odie, alles voll­au­to­ma­tisch, aber wenn man auf den Knopf drückte, durch den die Jalou­sien her­ab­sinken sollten, lief die ver­senk­bare Bade­wanne voll. Und da der ein­stö­ckige Kasten an allen Seiten hohe Pan­ora­ma­fenster hatte, blieb auch sein häus­li­ches Leben schön trans­pa­rent, denn im Vor­garten kam­pierten immer irgend­welche Mädels, die oben­drein die Gold­fi­sche aus dem von einem Land­schaft­gärtner ange­legten Teich klauten.

Ein Rebell war er dann doch nicht

Nein, ein Rebell, wie so oft vor­schnell behauptet, war Best dann wohl doch nicht, dazu hatte er es sich viel zu lange auf Kosten anderer viel zu gut gehen lassen. Aber er hat sich, ob aus purem Trotz oder weil er wie Peter Pan ein­fach nicht erwachsen werden konnte, nach dem Ende seiner aktiven Zeit gleich frei­willig in die Schmud­del­ecke getrollt und dabei kon­se­quent eine Ver­wei­ge­rungs­hal­tung durch­ge­halten, die ihn eben nicht so werden ließ, wie es von einem Spieler seiner Klasse und Bedeu­tung eigent­lich erwartet wurde, wie die Pelés, Pla­tinis, Cruyffs und Becken­bauers, die alle auf ihre Weise daran mit­ge­wirkt haben, dass der inter­na­tio­nale Spit­zen­fuß­ball kaum noch mehr ist als der belie­bige Zweig einer immer ent­seel­teren Enter­tain­ment­in­dus­trie, die sich wie ein Krebs­ge­schwür unauf­haltsam um die Welt frisst.

Ein paar Tage nach Bests Tod fand das als WM-Grup­pen­aus­lo­sung getarnte Zom­bie­treffen statt, bei dem einige Alt­stars (Pelé natür­lich vor­neweg), vor­ge­führt wie die Tanz­bären, mal wieder brav Pföt­chen geben und ihr Sprüch­lein auf­sagen durften. Da war es schon lust­voll, sich mal kurz vor­zu­stellen, welch herr­li­chen Eklat es gegeben hätte, wenn mitten in der pein­li­chen Show Bestie gut ange­bal­lert daher­ge­wankt gekommen wäre, um Hallo zu sagen und dem ewig grin­senden Model, das genau seiner Kra­gen­weite ent­spro­chen hätte, seine Auf­war­tung zu machen.