Martin Braithwaite lächelte etwas ungläubig in die Kamera. Gerade hatte er bei einer offi­zi­ellen Prä­sen­ta­tion im Februar 2020 seinen Ver­trag beim FC Bar­ce­lona unter­schrieben und Eric Abidal die Hand geschüt­telt. Eigent­lich hatte nichts darauf hin­ge­deutet, dass er in seiner Kar­riere noch zu einem euro­päi­schen Tob­klub wech­seln und an der Seite von Lionel Messi stürmen würde. Damit es über­haupt soweit kommen konnte, benö­tigte es eine Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung der spa­ni­schen Liga. Ousman Dem­bélé hatte sich kurz zuvor schwer ver­letzt und würde mona­te­lang aus­fallen. Und so war der Weg plötz­lich frei für einen Transfer vom abstiegs­be­drohten Club Depor­tivo Leganés zum kata­la­ni­schen Welt­klub. Etwa 17 Monate später steht Braithwaite mit der däni­schen Natio­nal­mann­schaft im Halb­fi­nale der Euro­pa­meis­ter­schaft. Ein unge­ahnter Höhen­flug? Nun, wer wissen will, wer Martin Braithwaite ist, darf ihn nicht nur als Sportler betrachten, denn der 30-jäh­rige Däne ist in erster Linie ein erfolg­rei­cher Geschäfts­mann, der sich auch um die Belange der Black Com­mu­nity küm­mert.

Zeit­gleich mit seinem Wechsel zum FC Bar­ce­lona sorgte Braithwaite auf der anderen Seite des Atlan­tiks mit einem beson­deren Immo­bi­li­en­pro­jekt für Schlag­zeilen. Mit seinem Onkel Philip Michael hatte er bereits 2017 das ame­ri­ka­ni­sche Fin­Tech NYCE Com­pa­nies mit Sitz in New York gegründet. Mit­hilfe dieses Unter­neh­mens schufen Braithwaite und Michael dann eine Invest­ment­mög­lich­keit für Men­schen, die sich oft­mals keine eigenen Immo­bi­lien leisten können – in den USA zählen dazu über­pro­por­tional People of Color, die durch Gen­tri­fi­zie­rungs­pro­zesse zuneh­mend aus ihren Stadt­vier­teln ver­trieben werden. Sie sollen so die Mög­lich­keit bekommen, mit klei­neren Invest­ments ihr Ver­mögen nach­haltig zu ver­grö­ßern. Ein Bei­spiel dafür ist ein Pro­jekt in Phil­adel­phia, wo in der Nähe der Temple Uni­ver­sity ein Stu­den­ten­wohn­heim ent­standen ist, das über ein Crowd­fun­ding System durch die NYCE Com­pa­nies finan­ziert wurde.

Ein­flüsse aus der ame­ri­ka­ni­schen Kultur

Geboren und auf­ge­wachsen ist Braithwaite an der däni­schen Nord­see­küste in der kleinen Hafen­stadt Ebs­jerg, doch bereits als Jugend­li­cher ver­brachte er viel Zeit in New York. Seine däni­sche Mutter, Heidi Chris­tensen, hatte dort wäh­rend ihres Auf­ent­halts als Au Pair seinen Vater Keith Braithwaite ken­nen­ge­lernt, einem Ein­wan­derer aus Guyana. Dass Martin Braithwaite einmal ein Unter­nehmer mit Sitz in Brooklyn haben würde, darauf hätte man, im Gegen­satz zu seiner Kar­riere als Fuß­baller, durchaus wetten können. Das liegt vor allem an seiner Familie, durch die der Däne früh mit der ame­ri­ka­ni­schen Kultur in Berüh­rung kam. Ich hatte immer diesen ame­ri­ka­ni­schen Ein­fluss und ich glaube, dass ich des­wegen eine eher ame­ri­ka­ni­sche Denk­weise habe: Groß träumen, tolle Dinge tun, Ziele auf­schreiben“, fasste Braithwaite seine fami­liären Ein­flüsse in einem Inter­view mit dem Phil­adel­phia Inquirer kürz­lich zusammen. So habe Braithwaite auch früh davon geträumt, einmal Fuß­ball­profi zu werden. Doch im Alter von fünf Jahren wurde bei ihm eine ortho­pä­di­sche Kin­der­krank­heit namens Morbus Per­thes dia­gnos­ti­ziert. Er saß damals zwei Jahre im Roll­stuhl. Aber er über­stand den Rück­schlag und schaffte über seinen Hei­mat­klub Esbjerg fB schließ­lich den Sprung in die Ligue 1 zum FC Tou­louse. Und so wurde er schließ­lich beides: Fuß­ball­profi und Geschäfts­mann.

Aber das ulti­ma­tive Ziel, aus geschäft­li­cher Sicht, ist es, abseits des Platzes mehr Geld zu ver­dienen als auf dem Platz.“

Martin Braithwaite

So ist Martin Braithwaite immer auf der Suche nach dem nächsten guten Invest­ment. Er besitzt selbst ver­schie­dene Immo­bi­lien in den USA und hat zusammen mit seiner Frau eine eigenes Mode­label gegründet. Damit ver­sucht er der großen Gefahr zu ent­gehen, die so vielen ehe­mals gut­ver­die­nende Ex-Sportler droht: Eine Insol­venz nach Kar­rie­re­ende. Dem Portal Bla​ckEn​ter​pise​.com ver­riet er: Ich bin mir bewusst, dass es im Fuß­ball ein begrenztes Zeit­fenster zum Geld­ver­dienen gibt. In sport­li­cher Hin­sicht ist es mein Ziel, meine Mann­schaft besser zu machen und jede Woche zu gewinnen. Aber das ulti­ma­tive Ziel, aus geschäft­li­cher Sicht, ist es, abseits des Platzes mehr Geld zu ver­dienen als auf dem Platz. Man hat ja schon gesehen, was mit Spie­lern pas­sieren kann, wenn sie ihre Kar­riere beenden – das ist kein schöner Anblick.“ Geld spielt in Braithwaites Leben eine große Rolle. Im Gegen­satz zu vielen anderen Fuß­bal­lern scheut er sich aber nicht davor, in der Öffent­lich­keit dar­über zu spre­chen. In Europa ist das eher unüb­lich. Doch Braithwaite denkt in dieser Hin­sicht eben eher ame­ri­ka­nisch.

Wenn Babys laufen lernen, ver­ur­teilen sie sich nicht selbst

Gleich­zeitig ist er sich aber auch der sozialen Unter­schiede zwi­schen den USA und Europa bewusst – was ihn letzt­lich auch zum Immo­bi­li­en­pro­jekt mit seinem Onkel Philip Michael antrieb: In Däne­mark haben wir ein wun­der­bares System, um Men­schen zu schützen. In den USA ist das nicht wirk­lich so. Wenn ich in den USA auf­ge­wachsen wäre, wären die Dinge viel­leicht anders gelaufen. Des­halb möchte ich etwas zurück­geben an die Leute, die weniger Glück hatten als ich.“ Gerade die Black Com­mu­nity und Mill­en­nials (Die Genera­tion, die zwi­schen den frühen 1980er und späten 1990er Jahren geboren wurde) stehen in den Ver­ei­nigten Staaten oft­mals finan­ziell vor einer unge­wissen Zukunft. Durch die hohen Stu­di­en­ge­bühren beginnen sie ihr Erwerbs­leben auch als Aka­de­miker häufig hoch ver­schuldet. Da sowohl Michael als auch Braithwaite beiden Gruppen ange­hören, ist es ihnen nach eigener Aus­sage ein Anliegen, gerade hier tätig zu werden. Braithwaite ist nicht der erste Sportler, der in den USA ver­sucht, auf diese Art und Weise (öko­no­mi­sche) Nach­teile für People of Color zu bekämpfen. So enga­gierte sich bereits Jaylon Smith, ein Foot­ball-Spieler der Dallas Cow­boys, mit einer ähn­li­chen Aktion.

Als Fuß­baller kann der Stürmer des FC Bar­ce­lona heute Abend gegen Eng­land einen Mei­len­stein in seiner Kar­riere errei­chen. Als Geschäfts­mann ist Martin Braithwaite schon am Ziel seiner Träume. Was treibt ihn also noch an? Möchte er ein­fach noch rei­cher werden? Dem Guar­dian erklärte er seine Lebens­ein­stel­lung einmal so: Wenn du in einer Blase her­um­läufst und nicht ver­suchst, her­aus­zu­kommen, bist du auf der sicheren Seite, aber wirst auch nie etwas lernen. Ich habe keine Angst, Fehler zu machen oder mich zu bla­mieren. Wenn Babys laufen lernen, ver­ur­teilen sie sich nicht selbst, wenn sie fallen. Mach weiter, lerne weiter.“