Seite 2: Wie die Fanszenen die Vereine am Leben halten

Chemie Leipzig kann auf treue Fans und auf den Zusam­men­halt bauen. Um die bis Sai­son­ende feh­lenden 80.000 Euro aus­zu­glei­chen, rief der Verein zu einer Spen­den­ak­tion auf. Anhänger können für 28 bis 450 Euro ver­schie­dene Pakete kaufen. Diese bestehen aus Mer­chan­dise, Ein­tritts­karten, Gut­scheinen, Auto­gramm­karten und mehr. Die Aktion unter dem Motto Das kann doch einen Leutz­scher nicht erschüt­tern“ erreichte das gesteckte Ziel schnell. Binnen weniger Tage kamen weit über 80.000 Euro zusammen. Jacobi und Chemie seien über­wäl­tigt von der Unter­stüt­zung und den Zusam­men­halt“ im Verein. Hier merkt man, dass es um weit mehr geht als nur Geld. Die grün-weiße Familie hält zusammen.“

Vor allem in Kri­sen­zeiten ist der Zusam­men­halt zwi­schen Anhän­gern und Verein enorm wichtig. Ohne die Unter­stüt­zung aus den Fan­szenen würden schon jetzt einige Ama­teur­klubs in große, vor allem finan­zi­elle, Schwie­rig­keiten geraten. Das wissen auch die Ver­ant­wort­li­chen zweier Ober­li­gisten. Die Zeiten von Pro­fi­fuß­ball sind in Koblenz zwar schon länger Geschichte, trotzdem besu­chen im Schnitt 1.000 Fans die Spiele der TuS im Sta­dion Ober­werth. Wir haben im Liga­ver­gleich ver­hält­nis­mäßig viele Zuschauer. Die Ein­nahmen an den Heim­spielen sind für uns ele­mentar wichtig“, berichtet TuS-Prä­si­dent Chris­tian Krey. Geld, das nun fehlt. Als Folge der ange­spannten und unge­wissen Situa­tion musste der Verein Kurz­ar­bei­ter­geld bean­tragen. Wie lang­fristig das Über­leben gesi­chert werden kann, ist eine der bestim­menden Fragen dieser Tage. Wir haben als Verein eine soziale Ver­ant­wor­tung unseren Mit­ar­bei­tern gegen­über und ver­su­chen natür­lich so lange wie mög­lich die Gehälter voll zu bezahlen.“ Dafür baut der Verein auch auf die eigenen Fans – und das mit Erfolg. Ver­gan­gene Woche star­teten die Ver­ant­wort­liche die Aktion Schutz­schängel“, um die hohen Ein­nah­me­aus­fälle zu kom­pen­sieren. Mit einer Spende von 19,11 Euro, in Anleh­nung an das Grün­dungs­jahr der TuS, wird der eigene Name auf einem Son­der­trikot ver­ewigt. Die Aktion lief nur vier Tage und trotzdem haben sich mehr viele Unter­stützer gefunden“, berichtet Krey. Eine Tolle Summe“ sei so zusam­men­ge­kommen, die der Verein am Wochen­ende bekannt geben will. Wir möchten mit sol­chen Aktionen auch das Gemein­schafts­ge­fühl stärken. Da der per­sön­liche Kon­takt nun weg fällt, orga­ni­sieren wir das Ver­eins­leben nun eben vir­tuell.“

Sozialer Aus­tausch leidet

Auf ein Gemein­schafts­ge­fühl der beson­deren Art, kann auch der Ber­liner Ober­li­gist Tennis Borussia bauen. Die TeBe-Anhänger hatten schon in der Ver­gan­gen­heit bewiesen, wie wichtig eine aktive Fan­szene für einen Verein sein kann. Bis zum Sai­son­be­ginn pro­tes­tierten sie gegen den unbe­liebten frü­heren Vor­stand Jens Red­lich. Mit der Caravan of Love“ zeigte sich ihr Ein­fluss: Weil Red­lich den Verein mit umstrit­tenen Mit­teln führte, boy­kot­tierten zahl­reiche Anhänger die Spiele und sup­por­teten statt­dessen Wochen­ende für Wochen­ende deutsch­land­weit andere Ver­eine. Der Pro­test wirkte, Red­lich ist heute Geschichte und die Fans sind wieder zurück im Char­lot­ten­burger Momm­sen­sta­dion. Die aktu­elle Situa­tion ist natür­lich bitter. Wir sind gefühlt eben erst wieder ins Sta­dion zurück­ge­kehrt und jetzt schon wieder weg“, beschreibt TeBe-Pres­se­spre­cher Tobias Schulze die Situa­tion. Finan­zi­elle Pro­bleme kommen auch auf die Ber­liner Ver­ant­wort­li­chen zu: Wir haben vor der Saison nicht gerade wenig Geld in den Kader gesteckt. Jetzt fehlen die Ein­nahmen aus den Heim­spielen, die wir zum Über­leben brau­chen. Bei durch­schnitt­lich 700 Zuschauern kommt da einiges zusammen.“ Um die Ver­luste auf­zu­fangen, star­tete der Verein nach der ersten abge­sagten Partie einen Spen­den­aufruf. Jeder Fan sollte das Spenden, was er im Sta­dion aus­ge­geben hätte. Ein vier­stel­liger Betrag ist so erreicht worden. Nicht nur der der Verein direkt soll davon pro­fi­tieren. Auch die Gast­stätte am Momm­sen­sta­dion soll unter­stützt werden. Einen Teil haben wir unserem Wirt zuge­sagt, der auch unter den Folgen der Krise leidet“, sagt Schulze. Nicht nur finan­ziell belaste die Krise Verein und Fans. TeBe ist ein sozialer Treff­punkt für viele aus der ganzen Stadt. Der fällt natür­lich jetzt auch weg“, beschreibt Schulze die Situa­tion, in der sich fast alle Ama­teur­ver­eine befinden.

DFB sieht die Lan­des­ver­bände und den Staat in der Pflicht

Zur­zeit wird auch beim DFB dis­ku­tiert, wie den Ama­teur­ver­einen geholfen werden kann. Für Sport­ökonom Chris­toph Breuer ist klar, dass viele Maß­nahmen par­allel laufen müssen: Zum einen spielt die Soli­da­rität eine große Rolle. Auch die großen Ver­eine müssen an die Basis denken und die Ama­teur­klubs unter­stützen.“ Auch die Klubs selbst, können etwas tun: Man sollte prüfen, inwie­weit die Ver­eine nicht erst einmal selbst in der Lage sind, die Krise zu über­stehen. In vielen Ama­teur­ver­einen ent­spricht der Monats­bei­trag der Preis eines BigMac. Somit bestehen bei einigen Ver­einen durchaus noch Spiel­räume die Ein­nahmen zu erhöhen. Die Ver­eine, die aber viel in den Jugend­be­reich oder in die eigene Infra­struktur inves­tiert haben, diese Ver­eine sind aber bei Bedarf gezielt zu unter­stützen.“ Doch nur auf staat­liche Hilfe zu hoffen, sei zu ris­kant. Wir sind in einer Zeit, in der jeder nach Hilfe schreit. Wann und wie viel Geld fließen wird, ist noch nicht abzu­sehen.“ Trotzdem müsse man Sport­ver­eine im Inter­esse des lokalen Gemein­wohls auf­recht­erhalten, so Breuer.

Sei­tens des DFB ist zu hören, man wolle die Ama­teur­ver­eine unter­stützen. Ste­phan Osna­brügge, der Schatz­meister des DFB, machte Ende ver­gan­gener Woche aber auch klar, dass eine direkte finan­zi­elle Unter­stüt­zung durch den Ver­band an die Ver­eine nicht rea­li­sierbar ist. Würde man jedem der 25.000 Ver­eine 3000 Euro Unter­stüt­zung geben, wären die Rück­lagen des DFB auf­ge­braucht“, pro­gnos­ti­ziert Osna­brügge. Rück­lagen, die auch für den Ver­band selbst wichtig seien: 75 Pro­zent benö­tige der DFB zum eigenen Über­leben. Würden direkte Zuschüsse an Ver­eine gezahlt, könnte der DFB außerdem seine Gemein­nüt­zig­keit ver­lieren. Solche Zuschüsse sind uns steu­er­recht­lich nicht erlaubt, weil die Mittel des DFB gemein­nützig gebunden sind und aus­schließ­lich für gemein­nüt­zige Zwecke ver­wendet werden dürfen. Die Ver­ant­wort­li­chen im DFB können und werden nicht ris­kieren, die Gemein­nüt­zig­keit des Ver­bandes zu ver­lieren.“

Da direkte Zah­lungen aus­ge­schlossen sind, sollen die Regional- und Lan­des­ver­bände die Ver­eine über Ver­bands­maß­nahmen auf der Auf­ga­ben­seite ent­lasten und ihnen so helfen“, sagt Osna­brügge. Bei­spiels­weise könnten Bei­träge der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung gekürzt werden. Dar­über hinaus ermu­tigt der DFB die Ver­eine, die Arbeit­nehmer beschäf­tigen, Kurz­ar­beit zu bean­tragen. Eine Maß­nahme, die viele Ver­eine bereits umge­setzt haben. Den kleinen Ama­teur­klubs ohne fest­an­ge­stellte Mit­ar­beiter hilft dieser Rat­schlag jedoch nicht. Und wenn der Ver­band nicht mehr helfen kann, soll der Staat diese Rolle über­nehmen: Dar­über hinaus ist es die Auf­gabe des Staates, finan­zi­elle Hilfen zu gewähren und der gesamten Wirt­schaft, auch dem Sport zu helfen.“

Neu­aus­rich­tung des Fuß­balls?

Hilfe, die aller­dings im aktuell frühen Sta­dium der Krise nicht allzu schnell zu erwarten ist. Bis der Spiel­be­trieb wieder auf­ge­nommen wird oder finan­zi­elle Unter­stüt­zung an der Basis ankommt, werden Wohl oder Übel noch einige Wochen ver­gehen. Bis dahin müssen sich die Ver­eine und die Betrof­fenen, ob Spieler, Fans oder Ver­eins­wirte, auf die Soli­da­rität unter­ein­ander ver­lassen. TeBe-Funk­tionär Tobias Schulze hofft, dass auch posi­tive Aspekte aus dieser Krise mit­ge­nommen werden: Viel­leicht begreifen jetzt einige, dass wir den Fuß­ball so nicht weiter betreiben können. Selbst der Ama­teur­fuß­ball ist eine teure Ange­le­gen­heit geworden. Ich sehe es als Chance, end­lich mit Ver­nunft an die Sache zu gehen. Dafür muss der Wahn­sinn ganz oben aber auch kon­trol­liert werden.“