Fuß­ball-Deutsch­land erlebt einen strah­lenden November. Jogis Team erspielt sich Sieg um Sieg und berauscht sich und seine Fans. Vor dem Spiel gegen die Ukraine herrscht Gelas­sen­heit. Ein Sieg gegen den kom­menden EM-Gast­geber gilt vielen als selbst­ver­ständ­lich auf dem Weg zum Titel im nächsten Sommer.

Genau zehn Jahre ist es her, da war der deut­sche November noch grau und stür­misch. Der Bun­des­trainer hieß Team­ma­nager, Löw hieß Völler und die Ukraine war kein chan­cen­loser Test­spiel­gegner, son­dern der End­gegner in der Rele­ga­tion zur WM 2002. Erst­malig musste die deut­sche Fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft in zwei Alles-oder-nichts-Spielen um die Qua­li­fi­ka­tion für ein großes Tur­nier bangen.

Die DFB-Elf war noch nie in der WM-Qua­li­fiak­tion geschei­tert

Es lag etwas Bedroh­li­ches in der Luft, wenn vom Aus­tra­gungsort des Hin­spiels die Rede war: Kiew. Hier sollte sich also nicht nur die Zukunft des deut­schen Fuß­balls ent­scheiden, son­dern auch seine Repu­ta­tion auf dem Spiel stehen. Die große Fuß­ball-Nation, gerade erst als Gast­geber der darauf fol­genden Welt­meis­ter­schaft gekürt, lief Gefahr, erst­mals in der Qua­li­fi­ka­tion für eine WM zu schei­tern.

Von einer Über­zeu­gung, in den Spielen gegen die Ukraine bestehen zu können, war wenig zu spüren. Nicht nur Franz Becken­bauer sah das Team mei­len­weit“ von der Welt­klasse ent­fernt. Seine rea­lis­ti­sche Ein­schät­zung: Wir sind guter Durch­schnitt, mehr nicht.“ Ein Schei­tern gegen die Ukraine sei zwar unvor­stellbar“, aber rea­lis­tisch“. In den Köpfen fest­ge­setzt hatten sich vor allem die Miss­erfolge der jüngsten Ver­gan­gen­heit.

Das ZDF verlor gegen Eng­land eine Mil­lion Zuschauer

Zwei Monate zuvor, Anfang Sep­tember 2001, gab es das Debakel gegen Grup­pen­gegner Eng­land. In Mün­chen ließ sich die Mann­schaft vor­führen, verlor 1:5. Im letzten Grup­pen­spiel rum­pelte sich Völ­lers Elf zu einem 0:0 gegen Finn­land und ver­passte damit die direkte WM-Qua­li­fi­ka­tion. Stürmer Oliver Bier­hoff ern­tete schon nach zehn Spiel­mi­nuten schal­lende Bier­hoff raus“-Rufe, noch ehe er die ent­schei­denden Chancen vergab. In der Halb­zeit­pause verlor das über­tra­gende ZDF eine knappe Mil­lion Zuschauer, so unan­sehn­lich war das Gekicke.

Nun also Rele­ga­tion gegen die Ukraine. Die Erin­ne­rung daran, wie das ukrai­ni­sche Stür­merduo Andrij Schewt­schenko und Sergej Rebrow im Trikot von Dynamo Kiew zwei Jahre zuvor die Abwehr von Bayern Mün­chen durch­ein­ander gewir­belt hatte, war noch deut­lich prä­sent. Inzwi­schen stürmten die beiden für den AC Mai­land und Tot­tenham Hot­spur. Einig waren sich die Experten, dass auf die deut­sche Abwehr um Marko Rehmer, Jens Nowotny, Thomas Linke und Bernd Schneider eine schwere Auf­gabe zukommen würde.

Kahn: Es war unglaub­lich!“

Wie also sollte die Mann­schaft in Kiew bestehen? Das Ham­burger Abend­blatt hoffte auf die Reak­ti­vie­rung alt­be­kannter Tugenden: Es kommt zu einem echten Finale, einem End­spiel, in dem es keinen großen Favo­riten gibt – traurig genug für das eins­tige Fuß­ball-Schwer­ge­wicht. Inzwi­schen jubeln wir schon, wenn teu­to­ni­sche Tugenden wie Kampf und Ein­satz zu erkennen sind.“

Und genau so kam es: Die deut­sche Mann­schaft erkämpfte sich im Hin­spiel ein 1:1. Oliver Kahn, der mit einem groß­ar­tigen Reflex gegen den allein auf ihn zulau­fenden Schewt­schenko das Unent­schieden ret­tete, stellte danach fest: Was Ein­satz, Kampf und Bereit­schaft anging, war es unglaub­lich. Ich habe selten in den letzten Jahren ein Spiel erlebt, in dem es so viele Zwei­kämpfe gegeben hat.“ Die Aus­gangs­po­si­tion für das Rück­spiel in Dort­mund war hoff­nungs­voll, stand aber auf wacke­ligen Beinen.

Die Deppen von ges­tern sind heute die Helden“

Die Angst vor der Schmach einer Nie­der­lage beflü­gelte Fans und Spieler. Im West­fa­len­sta­dion erlebte die Mann­schaft eine Begeis­te­rung, wie man sie erst 2006 zur WM im eigenen Land wieder erfuhr. Gera­dezu beflü­gelt ent­schied die deut­sche Mann­schaft das Spiel inner­halb der ersten 15 Minuten für sich.

Am Ende stand es 4:1 und die Angst vor dem Unter­gang war von einem auf den anderen Augen­blick ver­gessen. Motto: Die Deppen von ges­tern sind heute die Helden“ (taz). Der graue deut­sche November strahle plötz­lich in den hellsten Farben und die Mis­sion WM-Finale 2002 konnte beginnen.