Im ver­gan­genen Sommer erlebten die Bürger von Münster-Sarms­heim, was bei Mainz liegt, eine Zäsur. Die letzte Haus­arzt­praxis des 3.000-Einwohner-Ortes schloss end­gültig. Der Arzt wollte ein­fach nicht mehr. Seine Ent­schei­dung wurde zum Son­der­thema der Gemein­de­rats­sit­zung, der Haus­arzt­mangel zum bun­des­weiten Pro­blem erklärt. Der Fall wurde sogar zum Thema in der Ärz­te­zei­tung. Dort klagte nie­mand gerin­geres als Dr. Markus Merk die Politik an: Unser Bun­des­ge­sund­heits­mi­nister muss sich Gedanken machen, wenn her­vor­ra­gende Ärzte zum DFB gehen.“

Der Mann, dem die Praxis gehörte, und der sich schweren Her­zens ent­schieden hatte, die Schlüssel zum letzten und ein für alle Mal umzu­drehen, heißt Dr. Jochen Drees. Stamm­verein SV Münster-Sarms­heim, Stu­dium in Mainz, All­ge­mein­me­di­ziner und Schieds­richter von 110 Bun­des­li­ga­spielen. Seit dieser Saison ist Dr. Jochen Drees aber auch haupt­amt­li­cher Leiter des Video-Assi­stant-Refe­rees. Wes­halb die Praxis schließen musste.

Mehr Infor­ma­tion

Drees nimmt seine Sache ernst. Der DFB glaubt, in ihm den abso­luten Fach­mann gefunden zu haben. Die pro­ble­ma­ti­sche VAR-The­matik sollte von Drees betreut werden, nachdem der in der vor­an­ge­gan­genen Saison im VAR-Room des DFB eine gute Figur gemacht hatte. Und Drees zeigte auch sofort an, wohin es mit ihm als neuen Leiter gehen solle: Wir müssen mehr infor­mieren und erklären.“

Eine gute Idee, die sich dieser Tage zu einem Boo­me­rang für das deut­sche Schieds­rich­ter­wesen ent­wi­ckelt hat.

Fehler trotz VAR

Am Mitt­woch­abend ent­schied Schieds­richter Daniel Sie­bert im DFB-Pokal­halb­fi­nale, Bayern Mün­chen einen Elf­meter zuzu­spre­chen. Einer, der den Aus­gang des Spiels ent­scheiden sollte. Einer, das konnten die meisten TV-Zuschauer sofort erkennen, der als eher frag­würdig bis völlig indis­ku­tabel ein­ge­schätzt werden sollte. Sie­bert gab ihn trotzdem. Sie­bert gab ihn trotz VAR, er sicherte sich nicht einmal ab.

Und natür­lich geschah das, was immer geschieht, wenn Groß­ereignis plus Fehler plus Internet auf­ein­an­der­treffen: Die Masse tobte. Die nicht ver­stehen konnte, dass dieses Halb­fi­nale so ent­schieden werden sollte. Dass Werder Bremen auf diese Weise aus dem Pokal flog. Dass die Bayern mal wieder den Papst in ihrer Tasche hatten. Und vor allem: Dass Sie­bert trotz VAR falsch gelegen hatte.

Also hielt sich Drees an seine eigene Leit­linie. Und gab am nächsten Tag dem Süd­west­deut­schen Rund­funk und anschlie­ßend auch der ver­bands­ei­genen Home­page ein Inter­view. Er infor­mierte und erklärte. Die Quint­essenz: Es hätte nach der Ent­schei­dung unbe­dingt zu einem On-Field-Review kommen“ müssen. Drees erklärte, dass die Kom­mu­ni­ka­tion zwi­schen Sie­bert und VAR nicht optimal ver­laufen sei. Beide Seiten wären von unter­schied­li­chen Details der Szene aus­ge­gangen. Hätten also zwei ganz andere Dinge bewertet. Kurzum: Sie redeten anein­ander vorbei.

Es ist nicht das erste Mal, dass Drees aus der Distanz kri­ti­sche Situa­tionen rich­tig­stellt. Infor­miert und erklärt. Er tat das, als sich der erfah­rene Wolf­gang Stark als VAR am zweiten Spieltag in der Partie zwi­schen Schalke und Wolfs­burg zweimal irrte. Er kri­ti­sierte auch die feh­ler­hafte Kom­mu­ni­ka­tion zwi­schen Robert Hart­mann und VAR Patrick Itt­rich, als sie Mainz 05 gegen Han­nover einen Elf­meter zuspra­chen. Auch das war regel­tech­nisch falsch“.

Drees kri­ti­siert offen

Es waren Fälle, viel­leicht wegen der betei­ligten Ver­eine oder der feh­lenden Bedeu­tung der Spiele, die recht schnell wieder ins Reich des Ver­ges­sens gerieten. Diesmal ist das nicht der Fall. Werder Bremen wurde um die Mög­lich­keit gebracht, das Pokal­fi­nale zu errei­chen. Den ersten Titel seit zehn Jahren zu gewinnen.

Und wieder sagte Drees: Aus schieds­rich­ter­fach­li­cher Sicht halten wir die Straf­stoß­ent­schei­dung für nicht kor­rekt.“ Das ist richtig. Denn es war ein Fehler. Drees duckt sich nicht weg, er sagt, was ist. Das ist gemessen an der sons­tigen DFB-Kom­mu­ni­ka­tion eine Wohltat. In den ver­gan­genen Jahren wurden Fehler von Schieds­rich­tern nicht eigen­ständig und öffent­lich ange­spro­chen. Jetzt schon. Allein, es führt in diesem Fall zu nichts. Denn auch wenn sich Drees im Anschluss bemühte, die indi­vi­du­elle Schuld von Sie­bert und VAR Robert Kampka zu rela­ti­vieren, gelang ihm das nicht. Die Schuld, das war Drees klar, lag irgendwo zwi­schen Mensch und Maschine. Der DFB lernt weiter am VAR.

Die Masse, die nach Abpfiff noch getobt hatte, inter­es­sierte das nicht. Drees räumt Fehler ein“, DFB: Elf­meter war Fehl­ent­schei­dung“, Schieds­richter-Boss kri­ti­siert Elf­meter-Ent­schei­dung“. Die tech­ni­sche Erklä­rung von Drees, so deu­teten Medien, Inter­net­nutzer und Leser, sei ein Ein­ge­ständnis. Bremen hätte wei­ter­kommen müssen, min­des­tens. Und die Schuld lag bei Sie­bert und Kampka.

Platz­ver­weis

Kampka wird am Wochen­ende, wenn Bremen auf Düs­sel­dorf trifft, nicht wie geplant als Vierter Offi­zi­eller am Sei­ten­rand stehen. Platz­ver­weis für Kampka“, titelte die Frank­furter All­ge­meine Zei­tung. Der DFB zog nach den Aus­sagen von Drees die Kon­se­quenzen und Kampka von diesem Spiel ab.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass das große Erklären und Infor­mieren zwar ein guter Gedanke ist. In der Rea­lität, in der ach so schnell­le­bigen Zeit und all der Auf­re­gung, aber fehl­schlägt. Statt intern etwas auf­zu­ar­beiten, stehen zwei Schieds­richter öffent­lich am Pranger. Einer darf vor­erst Spiele von Werder Bremen nicht leiten. Immerhin: Noch muss keiner zum Arzt.