Klaus Allofs, wel­chen Stel­len­wert genießt der EM-Titel von 1980 in Ihrem Leben?
Es ist ein Titel, der größte, den ich in meiner aktiven Lauf­bahn errungen habe, und darauf bin ich stolz. Aber es ist auch nicht so, dass ich des­wegen in der Ver­gan­gen­heit lebe.

In der deut­schen Fuß­ball­ge­schichte wird viel über die 72er-Euro­pa­meister gespro­chen, Ihr Team von 1980 scheint steht etwas stief­müt­ter­lich da.
Das liegt vor allem an dem gran­diosen Fuß­ball, für den die Mann­schaft von 1972 bis heute steht, auf­ge­zogen von Günter Netzer, Wolf­gang Overath und Franz Becken­bauer. 1980 war die Begeis­te­rung um die Natio­nalelf ins­ge­samt nicht mehr so groß. Auch bei den Spie­lern nicht, manche mussten in diesen Jahren regel­recht über­zeugt werden, für den DFB zu spielen. Aber zum Tur­nier in Ita­lien kam eine sehr junge Mann­schaft zusammen, die in sehr kurzer Zeit eine außer­ge­wöhn­liche Kame­rad­schaft her­aus­bil­dete.

Dabei gab es selten einen Kader, der sich aus Spie­lern von derart vielen unter­schied­li­chen Klubs zusam­men­setzte.
Als wir unser Quar­tier in Rom bezogen, kannten sich die meisten noch gar nicht gut. Wir waren immer nur für ein, zwei Tage zu Län­der­spielen zusam­men­ge­kommen. Ich lag mit Uli Stie­like auf einem Zimmer, mit dem ich vorher kaum zu tun gehabt hatte, er spielte in Madrid. Ent­spre­chend schlep­pend ging das los, aber nach nur wenigen Tagen sah das ganz anders aus. Uli ist ja auch nicht dafür bekannt, dass er wahn­sinnig viel von sich erzählt. Aber schon bald waren wir recht ver­traut mit­ein­ander.

Sie haben auch bei der WM 1986 gespielt. Dort lief es anders?
Ganz sicher, bei der WM in Mexiko gab es dann eben die gewohnten Grüpp­chen, diese Art von Mit­ein­ander, wie wir es 1980 hatten, gab da nicht mehr so aus­ge­prägt.
Bei der Euro 1980 lag das Durch­schnitts­alter im Team bei 24,2 Jahren. Die meisten standen noch ganz am Anfang ihrer Natio­nal­mann­schafts­kar­riere. Die Rollen in der Gruppe waren also nicht so zuge­ordnet, jeder brauchte Zeit, um seinen Platz zu finden.

Aber es muss doch Anführer gegeben haben?
(über­legt) Kapitän war Enatz“ Dietz, was zeigt, dass in dieser Mann­schaft ein anderer Geist vor­herrschte. Dietz war ja nicht der klas­si­sche Füh­rungs­spieler, der nun ständig das große Wort führte, son­dern einer, dem der Zusam­men­halt im Team sehr wichtig war. Man­fred Kaltz besaß auch die inter­na­tio­nale Erfah­rung, die ihn zu einem Leit­wolf machte, aber er ließ es nicht so raus­hängen. Horst Hru­besch war sicher auch einer, der den Ton angab. Aber Sie merken, ich über­lege, weil die Hier­ar­chien in dieser Mann­schaft eher flach und schlicht nicht so aus­ge­prägt wie in spä­teren DFB-Kadern waren.

Auf dem Platz gab bei dieser EM zumin­dest spie­le­risch Bernd Schuster den Ton an.
Er war ein zurück­hal­tender Typ, der vor allem durch seinen Fuß­ball ein Füh­rungs­spieler war. Der hat privat nicht das große Wort geschwungen und sich immer in die Gruppe ein­ge­fügt. Ein echter Team­player.

Im Grup­pen­spiel gegen die Nie­der­lande erzielten Sie beim 3:2 alle drei Treffer und wurden so EM-Tor­schüt­zen­könig. Das Spiel ver­folgten im weiten Rund von Neapel gerade mal 25 000 Zuschauer.
Diese Euro war kein Ver­gleich zu den topor­ga­ni­sieren Events von heute. Die Zustände im Sta­dion von Neapel waren aben­teu­er­lich. Da waren Zäune, wo aus Sicher­heits­gründen eigent­lich keine hätten sein dürfen. Der Platz war in mise­ra­blem Zustand, stumpf und tro­cken. Wir kamen auf einer Treppe aus dem Boden aufs Feld. Aber beim Spiel hat uns das auch nicht weiter beein­träch­tigt, das war halt so. Im Düs­sel­dofer Rhein­sta­dion war damals auch nicht jede Partie aus­ver­kauft. Fuß­ball wurde schlicht nicht so prä­sen­tiert, wie wir es heute gewohnt sind. Auch im Fern­sehen nicht…

Was meinen Sie damit?
Ich schoß gegen Hol­land drei Tore und Rolf Kramer sprach den Kom­mentar für das ZDF. Glauben Sie, der hätte einmal im Spiel meinen Namen genannt? Heute würden Sie jeden Treffer aus 17 Per­spek­tiven sehen, da ließe sich gar nicht ver­meiden, dass der Name des Tor­schützen fällt.

Die Nie­der­länder sollen ziem­lich zur Sache gegangen sein.
Spiele gegen Hol­land waren immer sehr hart.

Waren Sie sich vor dem Tur­nier selbst­be­wusst, dass Sie Euro­pa­meister werden können?
Top-Favorit war Ita­lien. Natür­lich hatten wir als deut­sche Mann­schaft, die auch damals als Tur­nier­mann­schaft gefürchtet war, ein gutes Selbst­be­wusst­sein. Aber unsere Spiel­weise stand vor der End­runde in der Kritik, sodass wir kei­nes­wegs sicher waren, durch das Tur­nier zu mar­schieren.

Jupp Der­wall wird in der deut­schen Fuß­ball­ge­schichte eher als ein Trainer des Über­gangs gesehen. Wel­chen Anteil hatte er am EM-Titel?
Dass er eine gute Mann­schaft zusam­men­ge­stellt hat. Er war ein väter­li­cher Typ, der die Sache locker und kei­nes­falls auto­ritär angehen ließ. Dieser Füh­rungs­stil hat sich sehr positiv auf die Stim­mung und damit auf den Titel­ge­winn aus­ge­wirkt. Der­wall hat sicher keine revo­lu­tio­nären tak­ti­schen Ver­än­de­rungen vor­ge­nommen, aber er war zwei­fels­frei ein Fuß­ball­fach­mann und ein guter Trainer dieser Zeit.

Brauchte die Mann­schaft eine lange Leine?
Weiß ich nicht. Es war halt Der­walls Stil, ich glaube, er hätte gar nicht anders gekonnt. Bei jungen Mann­schaften ist dieses Prinzip nicht immer das rich­tige, aber bei dem 80er-Team ging das. Da war keiner dabei, der die gege­benen Frei­heiten über­stra­pa­zierte.

Wie liefen Ihre Abende im Mann­schafts­kreis ab?
Kurz vor dem Finale hatten wir einen legen­dären Mann­schafts­abend im Nobel­re­stau­rant Don Alfredo“. Auch sonst hatten wir eine schöne Zeit Wir konnten abends raus gehen, es gab keine Vor­schrift, im Hotel zu essen. So saßen wir in unter­schied­li­chen Kon­stel­la­tionen auch mal woan­ders. Es gab keine festen Pres­se­ter­mine, abge­sehen vom Trai­ning und den Spielen lebten wir wie Urlauber. Und es kam auch mal vor, dass wir abends mit einem Jour­na­listen am Pool ein Glas Gin Tonic tranken.

Nach dem Titel­ge­winn soll Ihr Zim­mer­nachbar Uli Stie­like laut Kicker“ bis in die frühen Mor­gen­stunden die TV-Melodie von Heidi“ gesungen haben. Und Sie stimmten ein?
Daran erin­nere ich mich nicht, aber Uli hatte zwei­fellos das gesamte Reper­toire von Schla­gern und die Lieder aus der Mund­orgel“ drauf, da war er absolut text­si­cher. So gesehen ist die Melodie von Heidi“ eher Zufall, aber dass er irgendwas gesungen hat, ist ziem­lich sicher. Wenn gesungen wurde, war Uli immer vorne dabei.

Neben Ihrer Titel­prämie bekamen die Spie­ler­frauen jeweils einen 2500-Mark-Gut­schein für einen Juwe­lier. Wissen Sie noch, was Sie Ihrer Gattin besorgt haben?
Ich war damals noch gar nicht ver­hei­ratet und kann mich gar nicht mehr daran erin­nern. Hof­fent­lich habe ich den ein­ge­löst, sonst liegt der Gut­schein am Ende noch irgendwo bei mir rum…