Ger­hard Klep­pinger, Sie zählten in der Saison 1978/1979 zu den Fei­er­abend­fuß­bal­lern“ vom SV Darm­stadt 98. Wäh­rend in der Bun­des­liga längst das Voll­pro­fitum Einzug erhielt, gingen Sie und Ihre Team­kol­legen einem Beruf nach. Wie darf man sich das vor­stellen?
Wir sind alle tags­über arbeiten gegangen und nach­mit­tags, gegen 15.30 Uhr, begann unser Trai­ning.

Wel­chen Beruf haben Sie aus­geübt?
Ich war bei einer Ver­si­che­rung ange­stellt. Mor­gens um halb sechs bin ich mit dem Bus nach Darm­stadt zur Arbeit gefahren, damit ich am Ende halb­wegs auf meine Stunden gekommen bin. Dazu muss ich auch ein­deutig sagen, dass ich viel Glück mit meinem dama­ligen Aus­bilder hatte. Er war alter 98er und hat hier und da auch mal ein Auge zuge­drückt und mir Stunden gut­ge­schrieben. Ohne die Unter­stüt­zung vom Chef wäre das damals gar nicht mög­lich gewesen.

Und der Rest des Teams? Gab es auch Spieler die kör­per­lich schwer arbeiten mussten?
Ich kann mich noch daran erin­nern, dass der heute leider ver­stor­bene Edwin Wes­ten­berger als Metzger gear­beitet hat. Man kann sich vor­stellen, dass ihm am Nach­mittag die Kno­chen weh taten. Ansonsten hatten wir noch etliche Lehrer im Team. Damals hatte man als Lehrer ja noch gegen die Mit­tags­zeit Fei­er­abend, sodass die Jungs keine großen Pro­bleme hatten.

Würden Sie sagen, dass das Darm­städter Modell ein Nach­teil für Sie gewesen ist?
Ein Nach­teil war das schon. Wir hatten zum Bei­spiel deut­lich weniger Trai­ning als andere Mann­schaften. Unser Trainer hat in eine Trai­nings­ein­heit alles rein­pa­cken müssen, was eine Pro­fi­mann­schaft auf zwei oder noch mehr Ein­heiten ver­teilt hätte. Im Grunde genommen hatten wir nur viermal Trai­ning in der Woche.

Sie konnten bei­spiels­weise nur ins Trai­nings­lager fahren, wenn die gesamte Mann­schaft für den ent­spre­chenden Zeit­raum Urlaub bekam.
Es gab ja keine andere Mög­lich­keit. Um alle an Bord zu haben, mussten auch alle von ihrem Chef frei bekommen. Die Absprache war bei uns somit sicher­lich schwie­riger als bei anderen Ver­einen. Wir konnten für unser Trai­nings­lager nicht ein­fach einen Termin fest­legen, son­dern mussten die Ter­mine aller berück­sich­tigen.

Gab es auch Momente, in denen ein Spieler dem Trainer aus beruf­li­chen Gründen absagen musste? Nach dem Motto: Trainer, ich pack’s heute nicht zum Trai­ning, weil ich länger arbeiten muss“?
Nein, so etwas gab es bei uns nicht. Im Trai­ning waren wir in der Regel voll­zählig. Diese Dop­pel­be­las­tung war für uns ja nichts Neues, da wir auch schon in der zweiten Liga nebenher gear­beitet haben und trotzdem auf­ge­stiegen sind.

Aus wel­chem Grund gab es zur Darm­städter Bun­des­li­ga­zeit kein Voll­pro­fitum?
In Darm­stadt wollte man nur wegen der Bun­des­liga nicht plötz­lich alles umschmeißen. Außerdem hatten wir einige ältere Spieler im Team, die ihren Job für die Bun­des­liga gar nicht auf­geben wollten. Nach dem Abstieg gab es aber auch in Darm­stadt ein Umdenken und es wurden nur noch Voll­profis beschäf­tigt.

In der Öffent­lich­keit waren Sie als die Fei­er­abend­fuß­baller vom Böl­len­falltor“ bekannt. Haben Ihre Gegner sie auch so wahr­ge­nommen?
Nein, so darf man sich das nicht vor­stellen. Wir haben eine gute Runde gespielt und hätten die Klasse durchaus halten können. Letzt­end­lich haben wir etwas Pech gehabt, da sich im Laufe der Saison wich­tige Säulen der Mann­schaft, wie Walter Becht­hold, Manni Drexler oder Peter Ces­to­naro, ver­letzt haben. Ohne diese Ver­let­zungen hätten wir die Klasse, auch mit diesem Modell, zumin­dest für ein Jahr halten können.