Alex Meier, wie häufig werden Sie als heu­tiger Spieler mit der Euro­pacup-His­torie der Ein­tracht kon­fron­tiert?
Alex­ander Meier: Gar nicht so oft. Die Ver­ant­wort­li­chen wissen, dass die Mann­schaft in den ver­gan­genen Jahren nicht die Mög­lich­keiten hatte, um an dieses Niveau her­an­zu­rei­chen. Des­halb wurde hier kaum über glor­reiche Euro­pa­cup­zeiten gespro­chen. Aber man spürt natür­lich, dass das Umfeld ins­ge­heim schon manchmal von Europa träumt.

Ist die große Ver­gan­gen­heit des Clubs ein Thema in der Mann­schaft?
Meier: Ganz ehr­lich: Was früher war, spielt für mich keine große Rolle. Die Erfolge von Willi Neu­berger und Erwin Stein liegen länger zurück, als ich auf der Welt bin. Und ich bin der Älteste in unserer Mann­schaft.

Willi Neu­berger, Ihre frü­heste Erin­ne­rung an den Euro­pa­pokal mit Ein­tracht?
Willi Neu­berger: Das war lange vor meiner Zeit im Wald­sta­dion. Mit 14 saß ich bei meinen Eltern zu Hause vorm Fern­seher. Schwarz-Weiß und zehn Tore, viel mehr weiß ich nicht von dieser Partie.

Real Madrid besiegte im Lan­des­meis­ter­po­kal­fi­nale 1960 Ein­tracht Frank­furt 7:3 – und Erwin Stein erzielte zwei Tore. Was war denn Ihre erste Erin­ne­rung als aktiver Frak­furt-Spieler?
Neu­berger: Die Ein­tracht war im Herbst 1974 gegen Dynamo Kiew aus dem Pokal­sie­gercup aus­ge­schieden, da las ich im Kicker“, dass der Club drin­gend neue Spieler sucht. Also bewarb ich mich – und wurde auf Geheiß des dama­ligen Mana­gers und gegen den Willen des Trai­ners genommen.

Was läuft in der Vor­be­rei­tung auf ein Euro­pa­cup­spiel anders als sonst?
Stein: Als fest­stand, dass wir 1960 unsere Halb­fi­nal­spiele gegen die Glasgow Ran­gers bestreiten würden, orga­ni­sierte Trainer Paul Oßwald ein paar Bälle, wie sie damals in Schott­land ver­wendet wurden. Teuf­li­sche Teile waren das, relativ klein, wahn­sinnig hart auf­ge­pumpt und bei Regen­wetter so schwer, dass man bei jedem Kopf­ball eine Gehirn­er­schüt­te­rung bekam.
Meier: Die Unter­schiede bei den Bällen gibt es heute ja nicht mehr. Der Uefa-Ball ist nur unwe­sent­lich anders als der in der Bun­des­liga. Aber wir haben ein paar Netze mit Bällen von der Uefa bekommen und vor Euro­pa­cup­spielen trai­nieren wir damit.

Gab und gibt es für Sie im Aus­land spe­zi­elle Ver­hal­tens­re­geln vom Verein?
Erwin Stein: Nein. So etwas brauchten wir nicht. Wir waren doch Ein­tracht Frank­furt, einer der größten Ver­eine Deutsch­lands! Wir hatten immer das Image des guten Gastes und dieses Image wollten wir nicht beschä­digen.

Den­noch sagten Sie, Erwin Stein, es hätte Ihnen nach dem ver­lo­renen Finale 1960 große Mühe gemacht, dem Befehl von Trainer Paul Oßwald zu folgen und für die sieg­rei­chen Spa­nier ein Spa­lier zu bilden.
Stein: Weil wir das aus Deutsch­land nicht kannten. Oßwald hatte sich das in Groß­bri­tan­nien abge­guckt, dort war das Tra­di­tion.
Meier: Und wie habt ihr reagiert, als der Trainer euch zum Spa­lier auf­stellte?
Stein: Ich war stink­wü­tend. Die hatten uns gerade 3:7 ver­hauen und jetzt sollte ich den Spa­niern gra­tu­lieren? In dem Moment hätte ich die am liebsten alle erwürgt!

In welche Länder reisten Sie am liebsten?
Neu­berger: Mir waren die kurzen Wege am liebsten: Nie­der­lande, Frank­reich, Eng­land. Reisen hinter den Eisernen Vor­hang“ fand ich anstren­gend. Da gab es oft Stress bei der Ein- oder Aus­reise. Wenn es in den Ost­block ging, haben unsere Offi­zi­ellen stets darauf geachtet, dass genug Wimpel und Anste­cker im Rei­se­ge­päck waren. Damit ließ sich manch quä­lende Zoll­ab­fer­ti­gung abkürzen.

Welche Sta­dien waren die Sehn­suchts­orte Ihrer Genera­tion?
Neu­berger: Das Estadio Cal­derón von Atlé­tico Madrid fand ich beein­dru­ckend.
Stein: Ich werde nie ver­gessen, wie wir kurz vor einem Spiel gegen Feye­noord Rot­terdam aus einem Fens­ter­chen unserer Kabine ins Sta­di­on­in­nere schauten und ent­täuscht sahen, dass die Tri­bünen weit­ge­hend leer waren. Eine Vier­tel­stunde später liefen wir ein – und im Sta­dion war die Hölle los. Die hatten das schon damals so gut geplant, dass inner­halb von wenigen Minuten das Rund mit Zuschauern geflutet werden konnte.
Meier: Na ja, was soll ich sagen: Meine Hoff­nung wäre, dass der FC Bar­ce­lona in der Cham­pions League nach der Vor­runde aus­scheidet und es sich auf diese Weise fügt, dass wir auf unserem Weg ins Finale im Camp Nou spielen. (lacht)

Wie ver­än­dern sich die Trainer, wenn Ein­tracht im Euro­pacup antritt?
Meier: Armin Veh hat vor den Qua­li­fi­ka­ti­ons­spielen für die Europa League gesagt, dass wir uns dafür belohnen sollen, was wir uns in der Bun­des­liga erar­beitet haben. Das gab uns eine gewisse Frei­heit. Aber dass sich die Anspra­chen groß­artig ver­än­dert haben, kann ich nicht behaupten.
Neu­berger: War bei uns ähn­lich: Friedel Rausch hat viel­leicht ein biss­chen lauter als Diet­rich Weise gespro­chen, aber das Wich­tigste für beide war, dass wir das Erreichte nicht durch ein paar unkon­zen­trierte Auf­tritte leicht­fertig aus der Hand gaben.
Stein: Euro­pacup – das wurde aus meiner Sicht weniger durch die han­delnden Per­sonen als durch die beson­dere Atmo­sphäre im Sta­dion bestimmt. Ich denke da immer an die Abend­spiele unter der Woche, an Flut­licht und leichten Nie­sel­regen.
Meier: Ehr­lich? Für mich geht nichts über ein Match an einem Sams­tag­nach­mittag. 15.30 Uhr im Sommer. Da kommt kein Flut­licht­spiel der Welt ran.
Neu­berger: Weißt du, wie wir Spieler wie dich früher nannten?
Meier: Na?
Neu­berger: Schön­wet­ter­fuß­baller!

Worum beneiden Sie die beiden Vete­ranen, Alex Meier?
Stein: Bestimmt um unser Geld! (lacht)
Meier: Was habt ihr denn ver­dient?
Neu­berger: Für meinen Uefa-Cup-Sieg 1980 bekam ich 16.000 Mark Prämie.
Meier: Dafür konntet ihr im Prinzip machen, was ihr wolltet. Es gab keine Handys, kein Internet. Wenn ihr mal in die Disco gegangen seid, hat es keinen inter­es­siert. Über mich würde aktuell am nächsten Tag in etwa in der Zei­tung stehen: Ver­letzter Meier: Sauf­tour statt Reha!“

Willi Neu­berger, Sie wissen es als ein­ziger in der Runde: Wie feiert man als Ein­tracht-Spieler einen Euro­pa­po­kal­sieg?
Neu­berger: Nicht anders als einen Sieg gegen Bayern Mün­chen. Mit einem großen Essen im Hotel um die Ecke.

Mehr nicht?
Neu­berger: Na gut, ein bis zum Rand mit Äppelwoi oder Cham­pa­gner gefüllter Uefa-Cup macht so einen Abend schon außer­ge­wöhn­lich.
Stein: Der Alex kommt ja aus Ham­burg, des­wegen an dieser Stelle ein wich­tiger Hin­weis: Äppelwoi ent­faltet seinen Geschmack meist erst nach dem dritten Glas!
Meier: Aber ich trinke doch gar nicht!
Stein: Dann soll­test du nach dem Titel­ge­winn lieber die Finger vom Pokal lassen.

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Die unge­kürzte Fas­sung dieses Inter­view lest ihr in der aktu­ellen Aus­gabe von 11FREUNDE!