11FREUNDE WIRD 20!

Kommt mit uns auf eine wilde Fahrt durch 20 Jahre Fuß­ball­kultur: Am 23. März erschien​„DAS GROSSE 11FREUNDE BUCH“ mit den besten Geschichten, den ein­drucks­vollsten Bil­dern und skur­rilsten Anek­doten aus zwei Jahr­zehnten 11FREUNDE. In unserem Jubi­lä­ums­band erwarten euch eine opu­lente Werk­schau mit unzäh­ligen unver­öf­fent­lichten Fotos, humor­vollen Essays, Inter­views und Back­s­­­tages-Sto­­­­ries aus der Redak­tion. Beson­deres Leckerli für unsere Dau­er­kar­ten­in­haber: Wenn ihr das Buch bei uns im 11FREUNDE SHOP bestellt, gibt’s ein 11FREUNDE Notiz­buch oben­drauf. Hier könnt ihr das Buch be­stellen. Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Heute: Ein Por­trät über einen Sta­tis­tik­sammler.

11 Freunde Das große 11 Freunde Buch Kopie

Die Geschichte des orga­ni­sierten Fuß­balls in Deutsch­land schlum­mert in einem Haus in Klein­rin­der­feld, wenige Kilo­meter süd­west­lich von Würz­burg.

Hier, in einem knapp zwanzig Qua­drat­meter großen Zimmer, reiht sich Akten­ordner an Akten­ordner, die Beschrif­tungen lauten: Ver­band Süd-Deut­scher-Fuß­ball-Ver­eine. Süd­deut­sche Meis­ter­schaft 1899 – 1910“. Oder: Bal­ti­scher Rasen- und Win­ter­sport­ver­band. Grün­dungen. Jubi­läen. Fusionen. Sport­platz Neu“. Ins­ge­samt sind es weit über 200 Ordner. In der Mitte des Zim­mers stehen zwei Tische mit Com­puter, Dru­cker, Scanner. Alte Zeit­schriften liegen herum.

Hier ist er also bewahrt, der Ursprung des deut­schen Liga­fuß­balls. Nicht in einem Archiv des DFB oder in der Sport­sek­tion der Deut­schen Natio­nal­bi­blio­thek, son­dern hier: in Klein­rin­der­feld, im Hob­by­raum von Udo Luy, einem 72 Jahre alten, ehe­ma­ligen Groß­han­dels­kauf­mann aus Nürn­berg, der ein biss­chen aus­sieht wie der frü­here Club-Prä­si­dent Michael Roth.

Was Luy in seinem klein­bür­ger­li­chen Refu­gium macht, ist genauso bescheiden wie grö­ßen­wahn­sinnig. Er recher­chiert Ergeb­nisse und Tabellen des amt­lich aus­ge­tra­genen Fuß­balls in Deutsch­land. Das klingt in Zeiten, in denen jede Gras­halm­krüm­mung sta­tis­tisch erfasst ist, erstmal unspek­ta­kulär. Doch Udo Luy ist einer, der Ord­nung mag. Und wer Ord­nung mag, beginnt mit der Recherche da, wo man nun mal beginnt: am Anfang.

Fuß­ball­ver­eine in Deutsch­land begannen um das Jahr 1900, sich in Ver­bänden zu orga­ni­sieren und Meis­ter­schaften aus­zu­tragen. Luy hat bisher elf Bände mit Kreuz- und End­ta­bellen sämt­li­cher Ligen im Eigen­verlag her­aus­ge­geben. Sie umfassen die Ergeb­nisse aller von den Regio­nal­ver­bänden aus­ge­tra­genen Spiele – vom jewei­ligen Grün­dungs­jahr bis 1914. Die Werke sind nichts für Ästheten, seine Tabellen erstellt er in Word und druckt sie anschlie­ßend aus. Doch Luy geht es nicht ums Aus­sehen. Er will kor­rekte Ergeb­nisse. Und er will sie mög­lichst alle. Die Anfangs­jahre zweier Ver­bände fehlen ihm noch: Berlin und West­deutsch­land. Dann ist er – nach knapp zwanzig Jahren Recherche – fertig. Zumin­dest vor­erst. Sein ursprüng­li­ches Ziel, alle offi­zi­ellen Liga­spiele und Tabellen bis 1933 zusam­men­zu­tragen, hat er zwar auf­ge­geben. Die Kriegs­jahre 1914 bis 1918 möchte ich aber noch machen“, sagt er.

In den Akten­ord­nern sam­melt Luy das, was er für seine Arbeit braucht, seine Muni­tion“ wie er sagt. Er hat alle Sport­zeit­schriften, die er aus jener Zeit zu fassen gekriegt hat, gescannt und kopiert. Vier, fünf Mal sei er in der Sport­hoch­schule Köln gewesen und habe deren Zeit­schrif­ten­ar­chiv quasi dupli­ziert. Wei­tere Muni­tion kommt von der Deut­schen Natio­nal­bi­blio­thek und der Uni­ver­sität Leipzig.

Die Sport­ma­ga­zine sind seine Basis. Hier findet Luy einen Groß­teil der Spiel­ergeb­nisse. Für den Rest durch­forstet er in Biblio­theken alte Tages­zei­tungen. Eine Sisy­phus­auf­gabe, denn es gab zu dieser Zeit popu­lä­rere Sport­arten. Hat sich ein Redak­teur nicht für Fuß­ball inter­es­siert, standen auch keine Ergeb­nisse drin“, sagt Luy. Er wird nebenbei zu einem erfah­renen Quel­len­kri­tiker. Ver­eins­fest­schriften könne man ver­gessen. Das Internet und Wiki­pedia sowieso. Es kommt durchaus vor, dass er ein Ergebnis trotz inten­siver Suche nicht aus­findig machen kann. Das ärgere ihn zwar, aber groß­artig nach hänge es ihm nicht. Man darf sich da nicht rein­stei­gern“, sagt Luy, der nach eigenen Angaben täg­lich bis zu zehn Stunden in seinem Pri­vat­ar­chiv ver­bringt.

Auch wenn das Internet bei den Recher­chen wenig hilf­reich ist, war es doch der Aus­löser für seine Sam­melwut. Als Kind bekam er von einem Freund den Kicker“-Almanach geschenkt. Darin unter anderem: his­to­ri­sche Ergeb­nisse von Bri­tannia Stettin und dem VfB 1900 Königs­berg. Warum stehen diese Ver­eine in Alma­na­chen, fragte er sich. Eine eigen­ar­tige Sym­biose aus Fuß­ball- und Geschichts­be­geis­te­rung ent­wi­ckelte sich, die aber bald wieder abkühlte.

Erst Anfang der 2000er-Jahre, als er einen Inter­net­an­schluss bekommt, flammt die Lei­den­schaft wieder auf. Auf einmal stehen ihm Sta­tis­tiken zur Ver­fü­gung, von denen er früher nicht mal geträumt hat. Nur das, wonach er eigent­lich sucht, findet Luy auch am PC nicht. Noch immer will er ja wissen, wie das damals war mit Stettin und Königs­berg und mit dem deut­schen Fuß­ball über­haupt. Also beginnt er, selbst ein­zu­tau­chen in die Archive.

Seine Spuren hat Udo Luy im deut­schen Fuß­ball längst hin­ter­lassen. Für den Carl Zeiss Jena gräbt er das ver­schollen geglaubte Ergebnis des ersten Spiels der Ver­eins­ge­schichte aus (2:4 gegen die zweite Mann­schaft des FC Weimar 03), einem ver­dutzten Archivar der TG Würz­burg beweist er, dass sie für vier Jahr eine Fuß­ball­ab­tei­lung hatten, und der ober­schle­si­sche Meister 1922 lautet dank ihm nun kor­rek­ter­weise Ver­ei­nigte Bres­lauer Sport­freunde – und nicht Vik­toria Forst.

Und was ist mit den ganzen Sta­tis­tiken von heute? Lassen Zwei­kampf­werte und gelau­fene Kilo­meter sein Herz schneller schlagen? Er winkt ab. Seine Kölner können 98 Pro­zent Ball­be­sitz haben, wenn sie 1:5 ver­lieren, bringe das auch nichts. Am Ende“, sagt Udo Luy, zählt das Ergebnis.“

Autor: Daniel Böldt