Sir Alex Fer­guson ließ sein Kau­gummi durch den Mund rollen, er war­tete geduldig auf die erste Frage und fixierte dabei einen Punkt irgendwo hinter dem Ohr von Reporter Guy Mow­bray. Dann sprach er. Über den Kan­ter­sieg von Man­chester United („Eine groß­ar­tige Mann­schafts­leis­tung“), über den gede­mü­tigten Kol­legen Arsene Wenger („Er hat die letzten 15 Jahre einen phä­no­me­nalen Job gemacht“), über die Ver­let­zung von Jung­stürmer Danny Wel­beck („Ärger­lich für uns und ärger­lich für die eng­li­sche Natio­nal­mann­schaft“). Am Schluss ein kurzes Nicken, ein Hand­shake, weg war der Schotte. Knapp und sach­lich hatte er geant­wortet nach Spie­lende, busi­ness as usual, sollte man meinen. Wenn, ja, wenn da nicht dieser Boy­kott gewesen wäre. Ein Boy­kott, der aus dem drei­mi­nü­tigen O‑Ton nicht weniger als ein mediales Come­back machte. Denn das Inter­view, das Sir Alex Fer­guson am 28. August in der Sen­dung Match of the Day“, der eng­li­schen Sport­schau, gab, war sein erstes für die BBC seit sieben Jahren.

Rück­blick, Mai 2004. Die BBC3 pro­du­ziert Vater und Sohn“, eine Doku­men­ta­tion, die das Geschäfts­ge­bahren von L’at­ti­tude“ beleuchtet, der Spie­ler­be­ra­ter­firma von Fer­guson-Sohn Jason. Die Sen­dung legt nahe, Jason habe bei Trans­fers mit Hand­gel­dern nach­ge­holfen, habe die eigene Hand auf­ge­halten, sich den Ruhm des Vaters zu Nutze gemacht, gegen FIFA-Regeln ver­stoßen. Kon­kret geht es um die Wechsel von Tor­wart Mas­simo Taibi nach Reg­gina und Ver­tei­diger Jaap Stam zu Lazio Rom. Sechs United-Spieler werden damals von L’at­ti­tude“ betreut, wegen der schlechten Publi­city löst der Verein schnell die Bande zur Agentur. In einem State­ment lässt die Klub­füh­rung zwar ver­lauten, die Firma habe sich nichts zu Schulden kommen lassen. Bedin­gungslos hinter sie stellen will man sich aber auch nicht. Sir Alex Fer­guson tobt, sieht den Ruf seines Sohnes befleckt von der BBC.

Kampf der Titanen, Goliath gegen Goliath

Der Mann, den Steve McClaren in einem 11FREUNDE-Inter­view den God­f­a­ther des Ver­eins“ nennt, han­delt, wie ein God­f­a­ther eben han­delt in so einer Situa­tion: Er stellt die Fami­li­en­ehre über die Belange des Geschäfts und kün­digt einen Boy­kott des Sen­ders an. Die Vor­würfe am Zög­ling emp­findet der graue Patri­arch als Vor­würfe am Name Fer­guson, an der eigenen Person. Es ist ein Clash. Die rie­sige, his­to­ri­sche Rund­funk­an­stalt gegen den Über­trainer, eben­falls erfolg­reich seit Jahr­zehnten. Kampf der Titanen, Goliath gegen Goliath. Sie haben eine Geschichte über meinen Sohn gemacht, die voller Unsinn war. Es war eine fürch­ter­liche Attacke auf die Ehre meines Sohnes und er hätte nie diesen Anschul­di­gungen aus­ge­setzt sein dürfen“, wütet Fer­guson und macht eine öffent­liche Ent­schul­di­gung der BBC zur Bedin­gung. Aber ich glaube, die BBC ist eines dieser Unter­nehmen, das sich nicht ent­schul­digt und auch nie ent­schul­digen wird.“

Weil der Boy­kott jetzt vorbei ist, drängt vor allem diese eine, zen­trale Frage: Hat sich die BBC ent­schul­digt? Die offi­zi­elle Erklä­rung, gemeinsam ver­öf­fent­licht von der BBC und Man­chester United am vor­letzten Don­nerstag, hätte vager nicht sein können: Sir Alex und die BBC haben die Kon­flikte, die dem Trainer vorher ein Auf­treten in der BBC unmög­lich gemacht haben, bei­gelegt. Das Pro­blem wurde zur Zufrie­den­heit beider Par­teien gelöst. Beide Par­teien werden die Sache nicht weiter kom­men­tieren.“ Sätze, die nicht nur viel Deu­tungs­spiel­raum lassen, son­dern auch kurios anmuten. Hier wurde ein Medi­en­boy­kott bei­gelegt und dann mit dem Ver­weis erklärt, man werde sich nicht weiter zu der The­matik äußern – es werden also erneut Infor­ma­tionen zurück­halten. Das kann man egal finden. Eigent­lich ist es zynisch.

Reiner Tisch beim High Noon

Weil es an Auf­klä­rung fehlt, wird in der bri­ti­schen Presse seither wild spe­ku­liert. Bekannt ist, dass es vor kurzem ein finales Treffen gab. Sieben Monate hatte die Vor­be­rei­tung des High Noon gedauert, bei dem Mark Thompson, Gene­ral­di­rektor der BBC, Peter Salmon, Direktor der BBC Nord, und Sir Alex reinen Tisch machten. Eine Eini­gung von immenser Trag­weite. Nie wieder wird Mike Phelan, Fer­gu­sons hemds­ärm­liger Assis­tent, seinen Chef am Mikrofon ver­treten müssen.

Vorbei auch die Zeiten, da sich Fergie mit Gary Lineker kab­beln muss. Lineker, Mode­rator von Match of the Day“, hatte sich über Jahre hinweg immer wieder beim Publikum ent­schul­digt für die Bild­schirm­ab­sti­nenz des Schotten und dessen Ver­halten chil­dish“, kin­disch, genannt. Die Revanche des Methu­salem ließ nicht lange auf sich warten: Er nennt mich kin­disch. Nun, er sollte wissen, wovon er redet. Gary Lineker war zu aktiven Zeiten oft genug Gegen­stand der Medien und oft genug ist er ein­ge­schritten, wenn Zei­tungen eine Story über ihn machen wollten. Gary Lineker kennt es, kin­disch zu sein.“

1000 Pfund pro Inter­view

Es war ein tän­zelnder Schlag­ab­tausch, der den Kon­flikt seit jeher geprägt hatte. Fergie pol­terte, die BBC kon­terte; die BBC holte aus, Fergie parierte. Am Anfang der letzten Saison wurde gemäß des BBC-Rech­te­pa­kets sogar ein Stra­fen­ka­talog ein­ge­führt für Trainer, die sich dem Sender ver­wei­gern. Ziel: Sir Alex end­lich zur Auf­gabe zu bewegen, min­des­tens aber zu strafen für seine Stur­heit. Die BBC hatte sich beim Ver­band beschwert. Man finan­ziere die Liga schon seit Jahren mit etli­chen Mil­lionen, so der Vor­wurf. Ergo sei es ein Unding, nicht mit dem erfolg­reichsten Manager spre­chen zu können. Dem erfolg­reichsten Manager war die Klage herz­lich egal. Er zahlte sto­isch die Strafen, anfangs 1000 Pfund, später noch mehr.

Natür­lich, es gab auch Befür­worter der Inter­view­sperre. Die Fans des Glas­go­wers wollten das Schwei­ge­ge­lübde als Medi­en­kritik ver­standen wissen, als Auf­leh­nung, nicht nach der Peit­sche der Pro­gramm­bosse zu tanzen. Leider greift diese Sicht zu kurz. Sie ver­gisst näm­lich, dass Sir Alex ein Seri­en­täter ist. Erst im Mai dieses Jahres wurde bei einer Pres­se­kon­fe­renz gefilmt, wie er seinem Medi­en­di­rektor ins Ohr flüs­tert, Rob Harris aus dem Raum (Ban him!“) zu schi­cken. Der AP-Reporter hatte gefragt, wie wichtig Ryan Giggs für das Team sei – zu einer Zeit, da die außereh­er­li­chen Tech­tel­mechtel des Wali­sers an die Öffent­lich­keit drangen. 2007 spuckte Fer­guson gar ein böses fuck off“ aus, als Sky-Reporter Geoff Shreeves eine Schwalbe von Chris­tiano Ronaldo gesehen haben wollte. Und ein Jahr später, 2008, brach er ein Inter­view mit Paul Merson von Sky ab, weil dieser Wayne Rooneys Auf­tritt in einem Cham­pions-League-Spiel nicht ganz so toll fand. Ja, Sir Alex Fer­guson hat es sogar mal geschafft, MUTV zu igno­rieren. Der haus­ei­gene Sender hatte ange­regt, es im 4−4−2 zu pro­bieren statt immer nur mit 4−5−1.

Ein­sicht oder Ver­ge­bung?

Es bleibt das Bild eines Mannes, der mit Kritik nicht umgehen kann, mehr noch, der die Quelle der Kritik fortan schneidet, meidet, ihr übel mit­spielt. Nicht ohne Grund ärgerten sich die Medien, Voka­beln wie Pres­se­frei­heit und Mei­nungs­viel­falt stünden nicht in Fer­gu­sons Wör­ter­buch. Und dieser Mann soll sich jetzt plötz­lich ein­sichtig gezeigt haben? Soll alters­milde geworden sein, im 25. Jahr seiner Amts­zeit am Old Traf­ford? Nein, dafür spricht wirk­lich wenig. Von Sir Alex Fer­guson stammt das Bonmot: Wenn jemand mit mir dis­ku­tieren will, dann muss ich am Ende Recht bekommen.“ Wahr­schein­lich hat sich die BBC nach sie­ben­jäh­riger Dis­kus­sion ent­schul­digt. Fer­guson hat am Ende Recht bekommen.