Am Ende dieser langen Reise steht Henrik Larsson in einer Scheune und guckt böse. Neben ihm sta­peln sich Müll­säcke, Kehr­re­chen und nasse Trai­nings­leib­chen. Die Kamera klackt, Blitze erhellen den Raum. Larsson ver­schränkt die Arme, zieht die Augen­brauen zusammen, seufzt genervt. Knapp drei Jahre hat es gedauert, bis der nicht unbe­dingt als Medi­en­freund gel­tende Mega­star a.D. end­lich an diesem Ort steht. Unzäh­lige Emails, zahl­lose Anrufe, fal­sche Fährten, form­lose Absagen, pein­liche Schwe­disch-Über­set­zungen, stüm­per­haftes Eng­lisch, Schweiß und Phasen der Ent­täu­schung inklu­sive. Alles für ein Inter­view, das in diesem Augen­blick in einer Scheune in der schwe­di­schen Klein­stadt Fal­ken­berg wie ein Desaster zu wirken scheint.

Rei­chen dir 15 Minuten?“

Denn mitt­ler­weile ist Larsson Trainer beim Erst­liga-Auf­steiger Fal­ken­bergs FF, befindet sich mitten in der Vor­be­rei­tung auf die neue Saison. Und wäh­rend seine Mann­schaft im Gemein­schafts­raum bei einer Partie Eis­ho­ckey vor der Play­sta­tion lüm­melt, muss Larsson zum Foto­shoo­ting im Gerä­te­raum des Platz­wartes posieren. Darauf hat er Bock wie auf Zahnweh, das spürt man in jeder Sekunde. Als der Foto­graf seine Sachen packt, schlüpft Larsson wieder in seinen Trai­nings­anzug und raunt: Rei­chen dir 15 Minuten für das Inter­view?“ Ein, zwei, drei Sekunden später, just in dem Moment, in dem mein Herz auf dem Beton­boden zu zer­schellen droht, blitzt ein Lächeln auf, dann klatscht seine Hand auf meine Schul­tern. Nur ein Scherz“, lacht Larsson, geht in das Büro des Ver­eins­bosses und besorgt erst einmal Kaffee und Kekse.

Dann blät­tert er ein wenig in der aktu­ellen 11FREUNDE, liest in nahezu feh­ler­freiem Deutsch aus dem Inter­view mit Hen­rikh Mkhi­ta­ryan, schwelgt in Erin­ne­rungen an den Sommer 2006, in dem er mit der schwe­di­schen Natio­nal­mann­schaft gegen das von Jürgen Klins­mann glücks­be­soffen gemachte Deutsch­land im Ach­tel­fi­nale aus dem Tur­nier geke­gelt wurde. Ich hatte mir Deutsch­land immer ganz anders vor­ge­stellt. Irgendwie strenger“, sagt er. Und es passt per­fekt, denn eigent­lich hatte man sich diesen Henrik Larsson auch irgendwie strenger vor­ge­stellt. Jener Fuß­baller, der mit dem immer glei­chen wie leeren Gesichts­aus­druck die Fuß­ball­welt eroberte. Doch im Gespräch gesteht er, dass diese Fas­sade nur ein wirk­samer Schutz­me­cha­nismus vor kei­fenden Gegen­spie­lern war. Er spricht von wehenden Dre­ad­locks, kna­ckenden Waden­beinen und Mor­phi­um­räu­schen im Flug­zeug. Erzählt von der Gän­se­haut beim Ein­laufen in den Celtic Park, von einem Mit­spieler mit dem Namen Ronald­inho, der einst vor ihm stand – schüch­tern wie ein kleiner Schul­junge. Spricht von boh­renden Zwei­feln, dem Selbst­be­wusst­sein Martin Dah­lins und der Par­ty­nacht seines Lebens. Er ist ruhig, bedächtig, bestimmt wie ein Diplomat auf einer Steh­party.

Und doch lupft er auch immer wieder den Mantel über der antrai­nierten Pro­fi­fuß­bal­leraura und lässt ganz tief in sein Inneres bli­cken. Was bedeutet Freund­schaft? Wel­chen Wert hat der Fan für einen Profi? Und was bleibt, wenn man in der Kabine vom Tod des eigenen Bru­ders erfährt?

Er lacht, stellt Gegen­fragen, zeigt den Kau­tabak auf seinem Zahn­fleisch und ganz am Ende schweigt er nur noch. Weil es in man­chen Momenten des Lebens eben nichts mehr zu sagen gibt.

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Das große Kar­rie­reinter­view mit Henrik Larsson findet sich in der aktu­ellen 11FREUNDE #152