Glück­wunsch, Herr Adrion. Ihr Pro­jekt Viva con Agua“ ver­folgt das Ziel, in Ent­wick­lungs­län­dern die Was­ser­ver­sor­gung zu ver­bes­sern. Lange Jahre spielten Sie zuvor beim FC St. Pauli. Waren Sie dort auch eher der Was­ser­träger?

Erstmal Danke. Was­ser­träger? Zum Ende meiner Kar­riere St. Pauli spielte ich zen­tral im Mit­tel­feld vor der Abwehr. Ich war schon eher der mann­schafts­dien­liche Spieler und nicht die Diva hinter den Spitzen. Später kamen dann die Ver­let­zungen. Und vor zwei Jahren musste ich meine aktive Lauf­bahn beenden.



Sie sind mit 28 Jahren im besten Fuß­ball-Alter. Juckt es nicht noch in den Beinen?

Mehr zum Spaß habe ich kürz­lich erst wieder ein paar Trai­nings­ein­heiten mit der zweiten Mann­schaft von St. Pauli gemacht. Da merkte ich schon, dass ich von diesem leis­tungs­ori­en­tierten Trai­ning weg bin. Zwei Jahre sind eine lange Zeit. Danach benö­tigt man unheim­lich viel Arbeit, um wieder zurück­zu­kommen.

Wie ver­lief ihre Kar­riere bis zur Ver­let­zung?

Ich habe mit zwölf Jahren beim VfB Stutt­gart schon sehr früh leis­tungs­ori­en­tiert gespielt. Mit 15 war ich Natio­nal­spieler. Später in der U 19 beim VfB ver­spürte ich aller­dings den Drang auf­zu­hören, erst nach einer kurzen Pause ließ ich mich über­reden wei­ter­zu­ma­chen. Ich war auch durchaus erfolg­reich, war Stamm­spieler bei VfB II, spielte mit Hleb und Amana­tidis zusammen, wir wurden Zweiter in der Regio­nal­liga Süd. Dann folgten drei Jahre Pro­fi­ver­trag beim VfB. Später bei St. Pauli bekam ich chro­ni­sche Achil­les­seh­nen­pro­bleme, mein Körper wollte ein­fach nicht mehr. Mit 25 war dann Schluss.

Und als das Kar­rie­re­ende abzu­sehen war, star­teten Sie ihr Pro­jekt Viva con Agua“?

Nicht ganz. Bereits als Aktiver kam ich auf die Idee. Anstoß war ein Trai­nings­lager auf Kuba mit dem FC St. Pauli. Und als ich zurückkam, da wuchs der Gedanke in mir. Ich dachte mir: Was kannst du auf­bauen mit Hilfe des Ver­eins, der Presse, mit den Netz­werken eines ganzen Stadt­teils im Rücken. Die Zei­chen standen günstig. Das erste Ziel war zunächst die Was­ser­ver­sor­gung auf Kuba zu ver­bes­sern. Dass das Ganze dann so eine Dynamik annehmen würde, war damals noch nicht abzu­sehen.

Wie war das genau vor Ort auf Kuba? Sind Sie abseits der Trai­nings­ein­heiten durch das Land gezogen und haben die Zustände erlebt?

Nein, so war es nicht. Es gab jetzt keine kon­krete Situa­tion, wo mir die Schuppen von den Augen gefallen wären. Da ich aber vorher schon einige Wochen auf Jamaika war, und nach kurzem Auf­ent­halt in Deutsch­land das Trai­nings­lager auf Kuba los­ging, wurde mir der Kon­trast sehr deut­lich vor Augen geführt. Was dann dazu geführt hat, etwas auf die Beine zu stellen. In dieser Zeit ent­stand die Idee, meinen Ver­trag bei St. Pauli zu ver­län­gern und nebenbei ein soziales Pro­jekt zu ent­wi­ckeln.

Warum haben Sie Ihr soziales Enga­ge­ment nicht mit Fuß­ball ver­bunden, etwa mit einer Fuß­ball­schule?

Das hat sich auf­grund der Recherche ergeben, durch die ich auf ein Was­ser­pro­jekt der Welt­hun­ger­hilfe gestoßen bin. Die hatten bereits ein Pro­jekt mit Kin­der­gärten auf Kuba gemacht und das war dann sozu­sagen mein Ein­stieg. Im Nach­hinein stellte sich schnell raus, dass Was­ser­pro­jekte relativ nach­haltig und kon­trol­lierbar ver­wirk­licht werden können. Später bin ich dann noch zweimal nach Kuba, um mich über die Fort­schritte dort selbst zu infor­mieren.

Solche Reisen kosten viel Zeit. Wie hat sich das mit Ihrem Leben als Profi ver­ein­bart?

Im zweiten Jahr bei St. Pauli war ich viel ver­letzt und konnte mich mehr um das Pro­jekt kümmern.Als der Erfolg sichtbar wurde, baute sich schnell ein inter­na­tio­nales Netz­werk von Leuten auf, die das Pro­jekt unter­stützten. Erst dann grün­deten wir den Verein Viva con Agua“, um die Was­ser­ver­sor­gung dort zu ver­bes­sern, wo es noch schlechter ist als auf Kuba. Der Abschied vom Pro­fi­da­sein fiel mir also nicht son­der­lich schwer.

Bekannt wurde Ihr Pro­jekt durch Fes­ti­vals mit der Aktion Gib Viva Con Agua dein Pfand zurück“. Wäre das Ein­sam­meln von Pfand­be­chern nicht auch ein Kon­zept für Bun­des­li­ga­sta­dien?

Auf jeden Fall! Auf St. Pauli gibt es aber noch kein Pfand­system. Wir haben ein Kon­zept geschrieben für das Sta­dion von Werder Bremen – Werder für Wasser“. Dar­aufhin hat Han­nover 96 in seiner Fan­kurve die Aktion gestartet: Gib uns dein Pfand für sau­beres Trink­wasser in Kenia.“

Freut Sie das, das andere Bun­des­li­gisten Ihre Idee auf­nehmen?

Ich sehe das neu­tral. Man muss mal sehen, wie lange die das machen. Han­nover macht das mit einer anderen Hilfs­or­ga­ni­sa­tion. Die Frage ist: Würde 96 auch mit Viva con Agua“ zusam­men­ar­beiten, obwohl dort eine Nähe zum FC St. Pauli besteht? Es ist noch nicht ganz klar, wie andere Fuß­ball­ver­eine auf diesen Hin­ter­grund der Ent­ste­hungs­ge­schichte reagieren.

Wie werden denn die Pro­jekte aus­ge­wählt, was pas­siert da kon­kret?

Zu Beginn lief vieles in Zusam­men­ar­beit mit der Welt­hun­ger­hilfe ab. Die kann durch ihr breites Netz­werk auch dau­er­haft sicher­stellen, dass unsere Pro­jekte nach­haltig und lang­fristig geför­dert werden und die Mittel nicht ein­fach in dunkle Kanäle ver­si­ckern. Natür­lich muss alles auch vor unserem kri­ti­schen Auge stand­halten. Sonst bräuchten wir es nicht zu tun.

Wo enga­giert sich der Verein beson­ders?

Es gibt bei­spiels­weise einige Pro­jekte in Äthio­pien, die uns sehr am Herzen liegen. Dort muss man teil­weise 80 Meter durch Granit bohren, um an Wasser zu kommen. Das tech­ni­sche Gerät und das Know-how dafür fehlt den Leuten vor Ort. Wir stellen die Rah­men­be­din­gungen, leiten die Bevöl­ke­rung an, zeigen ihnen wie die Anlagen funk­tio­nieren, damit sie selbst für die Instand­hal­tung sorgen können. Wir beraten uns natür­lich wei­terhin mit der Welt­hun­ger­hilfe, aber wir ent­scheiden wei­terhin selbst­ständig. Momentan haben wir uns mit Kenia, Burundi und Ruanda einen ost­afri­ka­ni­schen Schwer­punkt gesetzt.

Spielen Sie eigent­lich auch Fuß­ball mit den Men­schen vor Ort?

Gekickt wird immer. Bei unserer ersten Reise nach Äthio­pien hatten wir sogar ein Trai­ning mit der Natio­nal­mann­schaft. Eine außer­ge­wöhn­liche Erfah­rung war Togo, die sich ja auch für die WM 2006 qua­li­fi­zieren konnten. Eine Sen­sa­tion, wenn man bedenkt, dass es sich hier wirk­lich um ein ganz kleines Land West­afrikas han­delt. Dort kann man nicht baden, weil das Wasser zu ver­schmutzt ist. Man spielt Fuß­ball am Strand, auf große Tore und großem Feld, elf gegen elf über 90 Minuten ohne Pause. Nach fünf Minuten war ich bereits völlig am Ende. Da gibt es dann lokale Spieler, die halten das ohne Pro­bleme durch, machen noch Tricks und Allein­gänge auf diesem Boden. Das war schon Wahn­sinn. In Deutsch­land kann man ein sol­ches Kraft­trai­ning gar nicht machen.

Planen Sie auch Pro­jekte im Zuge der WM 2010 in Süd­afrika?

Es gibt ein kleines Pro­jekt in Süd­afrika mit ein paar Was­ser­ma­nage­ment-Stu­denten aus Lüne­burg, die dort selbst­ständig ein halbes Jahr vor Ort sind und mit denen wir auch zusam­men­ar­beiten. Ansonsten werden sich noch viele Orga­ni­sa­tionen auf Süd­afrika stürzen. Es gibt zwar ein paar Mög­lich­keiten, ein grö­ßeres Pro­jekt werden wir aber wohl nicht starten. Wir haben aber durchaus gute Kon­takte nach Süd­afrika in Kunst und Kultur. Eine lus­tige Anek­dote: Wir trafen eines Tages den Chef des größten süd­afri­ka­ni­schen Sport­sen­ders Super­sport“ in Johan­nes­burg. Der hat uns erzählt, er sei großer Fan vom FC St. Pauli. Keine Ahnung wie der dazu kommt.

Glauben Sie, dass die WM dem ganzen Kon­ti­nent helfen kann, sich weiter zu ent­wi­ckeln?

Sicher ist diese zusätz­liche Auf­merk­sam­keit gut. Nichts kann soviel Auf­merk­sam­keit auf Afrika lenken wie die Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft. Die Ver­gabe an Süd­afrika war das Beste, was den Leuten pas­sieren konnte. Und die freuen sich. Das ist doch das Wich­tigste. Die FIFA alleine wird Afrika aller­dings auch nicht aus der Krise führen. Man kann nur hoffen, dass wäh­rend des Tur­niers keine kata­stro­phalen Dinge pas­sieren.

Sie haben viele Länder und Regionen in Afrika gesehen, die von Dürre befallen sind. In Deutsch­land werden Rasen­plätze teil­weise vier‑, fünfmal am Tag bewäs­sert. Ist das nicht kon­tro­vers?

Schon, aber du kannst das Wasser, was wir hier im Über­fluss haben, nicht nach Afrika trans­por­tieren. Wir werden in Europa auch in abseh­barer Zeit noch keinen Was­ser­mangel haben. Auch in Afrika gibt es genü­gend Vor­kommen, aller­dings gibt es ekla­tante logis­ti­sche Pro­bleme in der Ver­sor­gung. Natür­lich ist es gut, Wasser zu sparen und an die Zukunft zu denken. Wir machen diese Pro­jekte ja nicht auf­grund sen­ti­men­taler Nächs­ten­liebe, son­dern weil wir denken, dass es in diesem Bereich ein­fach Nach­hol­be­darf gibt. Denn eine Grund­ver­sor­gung muss gewähr­leistet sein, damit sich ein Land über­haupt ent­wi­ckeln kann.

Glauben Sie, dass sich durch die Ver­lei­hung des Bun­des­ver­dienst­kreuzes auch neue Chancen für Viva con Agua“ ergeben?


Ich denke schon. Wie die dann aus­sehen, wird man sehen. Viel­leicht stößt man auch mal in Kreise vor, die Viva Con Agua“ nicht über Fes­ti­vals oder Fuß­ball kennen lernen konnten. Spon­soren oder Poli­tiker bei­spiels­weise. Die Wahr­neh­mung des Preises hilft natür­lich dabei, diesen Leuten klar zu machen, dass wir nicht irgend­wel­chen Quatsch ver­an­stalten. Ich werde aller­dings auch nicht mit dem Bun­des­ver­dienst­kreuz hau­sieren gehen. Ich stehe ja auch nur stell­ver­tre­tend für das ganze Pro­jekt. Der Rummel um meine Person war ja ganz lustig, aber irgend­wann ist auch wieder gut.

Hand aufs Herz. Wenn Sie nicht diese Ver­let­zungs­pro­bleme gehabt hätten, würden Sie das Bun­des­ver­dienst­kreuz gegen einen Pro­fi­ver­trag beim FC St. Pauli ein­tau­schen?

Nein, ich glaube nicht. Denn damit hängt ja auch eine per­sön­liche Ent­wick­lung zusammen. Es war eine Art Rei­fe­pro­zess, dass ich mir selbst die Frage stellte, wie meine Zukunft nach dem Fuß­ball aus­sieht. Was schließ­lich darin mün­dete, dass ich Viva con Agua“ gegründet habe. Bis­lang läuft es super. Wenn ich damit eines Tages nichts mehr erreiche, würde ich es beenden.

Und reich werden Sie davon ohnehin nicht…

Nein. Aber das ist etwas, was man sich im sozialen Bereich ohnehin abschminken muss. Wenn ich Mil­lionen ver­dienen wollte, hätte ich was anderes gemacht.