Seite 2: Briegel und die Bengalos

Schon im Jahr 1967 segelten bei einem Euro­pa­po­kal­spiel zwi­schen Bayern Mün­chen und dem por­tu­gie­si­schen Verein Vitoria Setubal meh­rere Nebel­töpfe auf den Rasen und erzwangen eine Spiel­un­ter­bre­chung. Man ist geneigt, dies den Gästen aus Süd­eu­ropa anzu­lasten, doch ers­tens dürften sich damals nur wenige Por­tu­giesen auf die weite Reise gemacht haben, zwei­tens zün­delten auch die Deut­schen schon immer gerne: 1960, beim Euro­pacup-Halb­fi­nale gegen die Glasgow Ran­gers, bat der Sta­di­on­spre­cher im Frank­furter Wald­sta­dion die Ein­tracht-Anhänger, keine Raketen mehr abzu­schießen, weil es schon zu klei­neren Wald­bränden gekommen sei. Ein Augen­zeuge ver­glich das Sta­dion mit dem Krater eines Vul­kans“ und erwähnte Rauch­schwaden, Leucht­ku­geln“ und sogar ben­ga­li­sches Feuer“. Das aber könnte eine wei­tere sprach­liche Unge­nau­ig­keit sein, denn die kamen erst viel später in deut­sche Sta­dien.

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Den Beginn dessen, was man heute unter Pyro“ ver­steht, also ben­ga­li­sche Feuer und Ver­wandtes sowie far­bigen Rauch, lässt sich für Deutsch­land ver­mut­lich auf den Tag genau datieren, näm­lich auf den 2. August 1985. An jenem Frei­tag­abend wurde auf dem Bet­zen­berg in Kai­sers­lau­tern das ver­spä­tete Ablö­se­spiel für Hans-Peter Briegel aus­ge­tragen, der ein Jahr davor zu Hellas Verona gewech­selt war. Bei diesem Spiel ging es zum ersten Mal rund mit dem ganzen Kram“, erin­nert sich der Fuß­ball­his­to­riker und Memo­ra­bilia-Experte Hagen Leo­pold, der schon in den sieb­ziger Jahren eine FCK-Dau­er­karte besaß. Zum Teil hatten die Ita­liener das Zeug mit­ge­bracht.“

Italien in der Pfalz

Aber nur zum Teil, denn bereits im Laufe der vor­her­ge­henden Saison waren immer wieder Lau­terer Fan­klubs über den Brenner gefahren, um den Pfälzer Bub“ Briegel in Verona zu sehen, wo Hob­by­feu­er­werker bereits zu jener Zeit Hoch­kon­junktur hatten. Die FCK-Fans haben das gesehen, fanden es geil und haben geschaut, wie sie die Sachen mit nach Hause bringen können“, sagt Leo­pold. Zu den Sachen“ gehörte auch eine neue Genera­tion von Rauch­gra­naten, näm­lich solche, die far­bigen Qualm pro­du­zieren. Mit denen sorgten die Ita­liener nicht ein­fach für Kra­wall, son­dern nutzten sie, um zum Bei­spiel die Ver­eins­farben cho­reo­gra­fiert in den Himmel zu schi­cken.

Übri­gens impor­tierten die Pfälzer Anhänger nicht nur pyro­tech­ni­sche Ele­mente aus Ita­lien: Beim erwähnten Spiel gegen Verona sah man auch zum ersten Mal in einem deut­schen Sta­dion eine gigan­ti­sche Block­fahne, die von den Fans in Zusam­men­ar­beit mit der saar­län­di­schen Brauerei Karls­berg pro­du­ziert worden war. Spek­ta­ku­lärer aber war natür­lich die Pyro­technik, die dank der Verona-Con­nec­tion ori­ginal ita­lie­nisch war und bei beson­deren Spielen zum Ein­satz kam. In jener Zeit eska­lierte zum Bei­spiel die Riva­lität zwi­schen Kai­sers­lau­tern und Mann­heim, weil Waldhof ins Süd­west­sta­dion nach Lud­wigs­hafen aus­ge­wi­chen war, also aus­ge­rechnet im Vor­der­pfälzer FCK-Land spielte. Das alte Sta­dion hatte hinten eine abfal­lende begrünte Böschung“, sagt Leo­pold. Da wurden die Sachen Tage vor dem Spiel in was­ser­dichten Plas­tik­be­häl­tern ver­graben. Die Lau­terer sind durch die Ein­lass­kon­trollen spa­ziert, haben dann die Dinger aus dem Grün geholt und standen voll auf­ge­rüstet im Block.“

Die Barcelona-Nacht

Die bunten Rauch­pa­tronen müssen relativ schnell Ver­brei­tung gefunden haben. Beim DFB-Pokal­fi­nale 1987 zwi­schen dem Ham­burger SV und den Stutt­garter Kickers kamen kurz vor dem Anpfiff gleich meh­rere Nebel­töpfe aus dem HSV-Block geflogen, welche die Ränge links vom Ber­liner Mara­thontor in oran­genen Qualm hüllten. ARD-Kom­men­tator Jochen Sprentzel sprach von Szenen, wie wir sie nicht erleben wollen“, es waren aber im Grunde Szenen, wie sie in den Acht­zi­gern an der Tages­ord­nung waren. Mit dem feinen Unter­schied, dass nun nicht mehr nur die pro­fanen Rauch­gra­naten aus Bun­des­wehr­be­ständen benutzt wurden, die bloß weißen oder grauen Qualm pro­du­zierten.

Bei ben­ga­li­schen Fackeln hin­gegen besaßen die Lau­terer offenbar einen logis­ti­schen Vor­teil gegen­über den anderen Ver­einen, denn erst in der Saison 1990/91 wan­derten sie den Rhein hinauf und tauchten ver­mehrt in Städten wie Düs­sel­dorf oder Duis­burg auf, wo die Auf­stiegs­saison des MSV untrennbar mit rotem Feu­er­schein auf den Rängen ver­bunden ist. Füh­rend war aller­dings wei­terhin der FCK, wie ganz Deutsch­land spä­tes­tens am 6. November 1991 sehen konnte. Das war jener legen­däre Abend, als die Lau­terer um ein Haar den FC Bar­ce­lona aus dem Meis­ter­pokal geworfen hätten. Für Freunde des gepflegten Feu­er­werks ist die Partie aber in die Geschichte ein­ge­gangen wegen der Pyro­show vor dem Anpfiff, als die kom­plette West­tri­büne in Flammen zu stehen schien.