Seite 3: Kutten, Hools, Normalos

Vor dem Hin­ter­grund der aktu­ellen Debatte sollte man an dieser Stelle darauf hin­weisen, dass die Leute, die sei­ner­zeit Ben­galos in die Höhe reckten, keine Ultras waren, denn die gab es in Deutsch­land noch nicht. Das waren Kut­ten­fans, Hools und auch ganz nor­male Zuschauer“, sagt Volker Goll, der heute bei der Koor­di­nie­rungs­stelle Fan­pro­jekte arbeitet und damals das Kickers-Offen­bach-Fan­zine Erwin“ her­ausgab. Bei uns am Bie­berer Berg war das ein Mas­sen­phä­nomen, da hat auch die Sitz­tri­büne mit­ge­macht. Es diente aber immer nur dem Sup­port. Zu jener Zeit hatte es nichts mit dem Reiz des Ver­bo­tenen zu tun, denn Pyro wurde ja geduldet.“ In der Tat waren Klubs und Kom­munen unschlüssig, wie sie auf das neue Phä­nomen reagieren sollten. Der DFB unter­sagte Pyro­technik in seiner Mus­ter­sta­di­on­ord­nung erst nach der Jahr­tau­send­wende, und nicht wenige Klubs standen der Sache zunächst sogar positiv gegen­über.

Die Kickers zum Bei­spiel druckten ein Foto vom ben­ga­li­schen Lich­ter­meer auf ihre Ein­tritts­karten und warben mit dem Slogan Der Berg brennt“ für eine Art Pyro­tourismus. Goll sagt: Ich weiß noch, Fans der Bayern Ama­teure kamen und sagten: Wir haben gehört, hier brennt’s immer so schön, das wollten wir uns mal anschauen. Dann machen wir das jetzt auch.‘“ Und in Nürn­berg, wo Pyro um 1989 von Groundhop­pern ein­ge­führt worden war, durften die Fans nach Absprache mit dem Verein wäh­rend der gesamten Rück­runde 1991/92 auf der Aschen­bahn vor der Nord­kurve zün­deln: Etwa zwanzig Leute standen dort und hielten Hand­fa­ckeln hoch. Die See­not­lichter der Firma Comet waren Gefah­ren­klasse 2 und somit ganz­jährig frei erhält­lich“, erin­nert sich Heino Hassler, der bei diesem kon­trol­lierten Abbrennen dabei war und jetzt Fan­be­auf­tragter beim Club ist.

Pyro­tou­risten im Ruhr­ge­biet

Einem heu­tigen jün­geren Fan ist nicht nur die unauf­ge­regte, gar latent befür­wor­tende Hal­tung der Ver­eine schwer begreif­lich zu machen, son­dern auch der schiere Umfang der Pyro­technik, zumin­dest in den Hoch­burgen Kai­sers­lau­tern, Offen­bach und Dort­mund. In der UEFA-Cup-Saison 1992/93 nahm die Zahl der BVB-Ben­galos mit jeder Runde zu, bis mehr als 80 Fackeln gleich­zeitig auf der Süd­tri­büne brannten. So berühmt war das West­fa­len­sta­dion für seine Ben­ga­lo­show, dass es auch hier Pyro­tou­risten gab. Wie zum Bei­spiel den Bayer-Lever­kusen-Fan Marco Bertram, der heute als Online­jour­na­list arbeitet und für das Web­ma­gazin turus​.net über Pyro­technik in den Neun­zi­gern geschrieben hat. Mein erstes Aus­wärts­spiel mit Bayer war in Dort­mund, und da haben wir uns gleich in die Süd­tri­büne ver­liebt“, sagt er. Wir sind dann zu guten Spielen nach Dort­mund gefahren und haben uns mitten in den berühmten Block 13 gestellt.“

Daheim in Lever­kusen nahm Bertram klei­nere Sachen mit, wenn er ins Sta­dion ging: Sil­ves­ter­knaller, Gold­regen, Wun­der­kerzen, Mini-Ben­galos – so etwas hat man sich ein­fach in die Jacken­ta­sche gesteckt. Bei den Kon­trollen inter­es­sierte es ja auch keinen, das waren kleine Kaliber.“ Doch in Dort­mund brannten rich­tige ben­ga­li­sche Fackeln, von denen viele Fans gar nicht wussten, wo man sie über­haupt erwerben konnte – es gab ja noch kein Internet. Bei man­chen Spielen war es unglaub­lich voll auf der Süd“, sagt Bertram, und da hat man gehofft, dass nicht unbe­dingt direkt neben einem solch ein Ben­galo gezündet wurde. Denn es war so eng, dass man nicht aus­wei­chen konnte.“

Brand­loch im Sakko

Ob und wie oft damals tat­säch­lich etwas pas­siert ist, lässt sich schwer fest­stellen. Ich denke schon, dass es gegen Ende hin öfter mal Brand­ver­let­zungen gegeben hat“, sagt FCK-Fan Leo­pold. Schon allein, weil auch der Alkohol noch ins Spiel kam. Aber gene­rell wird die Gefahr größer gemacht, als sie ist. Der Witz ist, dass ich 1994 vom Steh­platz auf die neue Nord­tri­büne gewech­selt bin. Und beim ersten Spiel, das ich dort gesehen habe, hat mir jemand mit einer Ziga­rette ein Brand­loch ins Sakko gesengt. In all den Jahren mit den Ben­galos auf der West­tri­büne war mir das nicht pas­siert!“

Unge­fähr zu dieser Zeit, Mitte bis Ende der Neun­ziger, wurde den Ver­einen die Sache im wahrsten Sinne des Wortes zu heiß. Nach und nach unter­sagten sie alle Formen von Pyro­technik. Viel­leicht hatte das auch mit einem Zwi­schen­fall im Sep­tember 1995 zu tun, der hohe Wellen schlug: Bei einem Spiel zwi­schen St. Pauli und Ros­tock ver­letzte ein aus dem Hansa-Block gewor­fener pyro­tech­ni­scher Gegen­stand den Lini­en­richter und den St. Pauli-Keeper Klaus Thom­forde.

Schließ­lich ver­schwanden die Ben­galos sogar aus dem Sta­dion, aus dem sie gekommen waren – Kai­sers­lau­tern. Aber offenbar ver­misste man den roten Schein auch beim Klub selbst. Denn als Fans im Sep­tember 2000 Unter­schriften sam­melten, um ein kon­trol­liertes Abbrennen von Pyro­technik zu errei­chen, reagierte der FCK schnell. Aber falsch. Der Verein ließ rote Strahler unters Dach mon­tieren und fuhr mobile Nebel­ma­schinen vor die West­tri­büne, um das alte Ben­galo-Feuer künst­lich zu simu­lieren. Das war dem Lau­terer Anhang unan­ge­nehm noch bevor Gäs­te­fans über Rheu­ma­lampen“ spot­teten, und so stellte der FCK auf Druck seiner Zuschauer die Dis­co­be­leuch­tung“ später wieder ein.

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Doch irgendwie schloss sich damit auch ein Kreis. Denn viele Jahre zuvor hatte sich der 1. FC Kai­sers­lau­tern schon einmal mit mäßigem Erfolg als Pyro­klub ver­sucht. Das war am 3. November 1982, einem trüben Mitt­woch. Der Bet­zen­berg, auf dem der SSC Neapel gas­tierte, war in dichten Nebel getaucht. Fünf Minuten vor der Pause griff der Verein zu dras­ti­schen Maß­nahmen. Einige Mit­ar­beiter des FCK stellten jeweils sieben bis acht Wachs­fa­ckeln hinter die Tore und zün­deten sie an, wäh­rend andere Holz­scheite in Feu­er­körbe aus Draht schau­felten und in Brand steckten. Die Flammen, so der Plan, würden den Nebel ver­treiben. Als die Zuschauer das mit­be­kamen, hielten sie Feu­er­zeuge an ihre Sta­di­on­hefte und reckten die bren­nenden Pro­gramme als Billig-Ben­galos in den Abend­himmel. Die Feuer-Show fand ein abruptes Ende, als die Nea­po­li­taner sich anfangs der zweiten Hälfte beim Schieds­richter über den Rauch beschwerten. So been­deten – welche Ironie! – aus­ge­rechnet Ita­liener den frü­hesten doku­men­tierten Fall von orga­ni­sierter Pyro­technik in einem deut­schen Sta­dion.