Seite 2: „Je älter ich werde, desto mehr kehre ich zu den Ursprüngen zurück“

So auch gegen Glad­bach beim furiosen 4:2‑Heimsieg. Kurz nach der Pause, es steht 2:1, Glad­bach kommt mit Dampf aus der Kabine, schickt Rechts­ver­tei­diger Valen­tino Lazaro den Ivorer auf die Reise. Der schleicht eher zum Ball als dass er ihn mit vollem Tempo jagt, spit­zelt ihn dann aber, nach kurzer Beschleu­ni­gung, im genau rich­tigen Moment am Ver­tei­diger vorbei – und bleibt danach, statt das Foul seines Geg­ners anzu­nehmen, auf den Beinen. Sehr viele andere Spieler in der Bun­des­liga wären umge­fallen, hätten lamen­tiert und sich über die tickende Uhr gefreut. Kalou aber hatte einen Plan. Lief weiter, ver­zö­gerte sein Abspiel so hunds­ge­mein, dass die ver­blie­benden Ver­tei­diger darauf her­ein­fallen mussten, schob den Ball dann quer zum voll­kommen freien Ibi­sevic, der diesen wie­derum locker ein­schob. 3:1, Messe gelesen, nächster Heim­sieg.

Warum Ibi­sevic in der Szene so frei stand und nicht selber der kleinen Finte von Kalou auf den Leim ging, auch dafür hat der Ivorer eine Erklä­rung. Ibi­sevic und ich haben für diese Momente die nötige Erfah­rung, wir wissen, wie wir uns bei Flanken ver­halten müssen. Ein Mann wie Selke ist dagegen noch jung und steckt voller Energie, er täuscht viel mehr Lauf­wege an. Aber das braucht er gar nicht zu machen. Ein über­zeugter Sprint zur rich­tigen Zeit reicht. Wenn die Flanke gut kommt, hast du alle Trümpfe in der Hand.“

Wenn er nicht mehr kann, geht er vom Platz

Ibi­sevic hat in diesen Anfangs­wo­chen sehr oft alle Trümpfe in der Hand. In Zahlen heißt das: sieben Spiele, fünf Tore, eine Vor­lage. Dar­unter die Sieg­treffer im Pokal gegen Braun­schweig und am ersten Spieltag gegen Nürn­berg. Zwar war der Bos­nier schon immer ein Stürmer, der in Serien traf, mal acht Spiele am Stück, mal drei Monate gar nicht, doch wirkt er in diesen Wochen so klar in seinen Aktionen wie noch nie in Berlin.

Außer­halb des Straf­raums spielt er fast aus­schließ­lich mit dem Rücken zum Tor, Bälle ver­sucht er nicht mehr anzu­nehmen, dazu fehlt ihm mitt­ler­weile schlicht der erste Schritt, er leitet sie lieber direkt weiter. Er arbeitet, so lange er kann, er ver­schafft der Offen­sive mit seinen spitzen Ellen­bogen Respekt, er steht im Straf­raum richtig, und wenn er nicht mehr kann, geht er vom Platz. Nicht, wie früher, weil ihn der Schieds­richter mit Roter Karte dazu nötigt, son­dern weil Pal Dardai ihn, wie gegen die Bayern, nach einer knappen Stunde aus­ge­pumpt aus­wech­selt.

Je älter ich werde, desto mehr kehre ich zu den Ursprüngen zurück“ 

Warum genau diese Ver­sion besser sein soll als die des 24-jäh­rigen Ibi­sevic, der mit Hof­fen­heim die kom­plette Liga aus­ein­an­der­nahm, erschließt sich trotz dieser her­vor­ra­genden Abhand­lung noch nicht ganz. Wes­halb man zum Abschluss auf die mensch­liche Bedeu­tung von Ibi­sevic und seinem Kom­pa­gnon Kalou ein­gehen muss. Denn – auch das ist zwar aus­ge­lutscht, aber nunmal wahr – ihre Rolle neben ist min­des­tens genauso ent­schei­dend wie die auf dem Platz. Was sich am ehesten an der Sen­sa­ti­ons­per­so­nalie Ondrej Duda erklären lässt.

Der war in Berlin eigent­lich schon geschei­tert. Ein Jahr ver­letzt, ein Jahr außer Form, alles Mist. Dann kam die Som­mer­vor­be­rei­tung, die erste, in der der Slo­wake voll mit­ziehen konnte. Und schon in diesen Wochen fingen sowohl Ibi­sevic als auch Kalou an, den Spiel­ma­cher stark zu reden. Jeweils auf ihre Art. Kapitän Ibi­sevic seriös, in Inter­views oder in Anspra­chen auf dem Trai­nings­platz, Kalou kurz­weilig via Insta­gram. Täg­lich bezog er Duda in seinen Posts mit ein, zeigte einen schüch­ternen jungen Mann, der mit jedem Tag ein biss­chen breiter lächelte. Nun hat noch keine Insta­gram-Story aus einem Tölpel einen Top­spieler gemacht. Aber jeder, der mal auf Klas­sen­fahrt war, kann unge­fähr nach­voll­ziehen, was es fürs eigene Selbst­ver­trauen bedeutet, wenn man dazu­ge­hört. Acht Wochen später hat Duda fünf Bun­des­li­ga­tore erzielt. Nach jedem ein­zelnen wurde er danach in einer Jubel­traube seiner Kol­legen fast erdrückt.

Schwer zu sagen, wie lange über Berlin noch die Sonne scheinen wird. Viel­leicht fliegt Ibi­sevic gleich heute in Mainz doch wieder vom Platz, viel­leicht trifft Kalou irgend­wann im Winter auch mal wieder eine fal­sche Ent­schei­dung. Ande­rer­seits hält sich Kalou in dieser Saison bisher strikt an seine eignen Vor­gaben. Und diese spre­chen eher dafür, dass Kalou in Zukunft noch besser wird: Die Basis sind eine sau­bere Annahme, ein sau­beres Abspiel und das Frei­laufen. Je älter ich werde, desto mehr kehre ich zu diesen Ursprüngen zurück.“