Toll sind Texte, wenn sie mit streit­baren Thesen starten, Scheiß auf Expected Goals“ zum Bei­spiel. Oder mit ver­wir­rendem Gefasel à la Law­rence Aidoo war der wen­di­gere Paul Agostino.“ Oder, so wie in diesem Fall, auf einem fal­schen Her­bert-Grö­ne­meyer-Zitat basieren. Also: Wann ist ein alter Mann ein alter Mann?

Mit 80? Wenn die Schläfen grauer schim­mern als ein durch­schnitt­li­cher Wohn­block in Chi­sinau? Oder aber, wenn der Mann die beste Ver­sion seiner selbst erreicht hat? Geht man von der letzten Defi­ni­tion aus, dann sind Salomon Kalou und Vedad Ibi­sevic (bei dem sich zuge­ge­be­ner­maßen auch die zweite Frage mit Ja beant­worten ließe) spä­tes­tens seit dieser Saison alte Männer. Und genau des­halb die ent­schei­denden Spieler für den bis­he­rigen Erfolg von Hertha.

Man könnte jetzt erzürnt auf­schreien, meckern und motzen, sich fürch­ter­lich echauf­fieren über diese Behaup­tung. Aber dann sollte man sich mal Gedanken machen über das eigene Anger Manage­ment. Besser wäre es, ein­fach nüch­tern und sach­lich zu ent­gegnen, dass beide Fuß­baller – Kalou ist 33 Jahre alt, Ibi­sevic genau 364 Tage älter – in sport­li­cher Hin­sicht doch unmög­lich erst jetzt, im Herbst 2018 und also im Herbst ihrer Kar­riere, ihre beste Ver­sion erreicht haben können. Kalou spielte schließ­lich jah­re­lang inmitten von Welt­stars für Chelsea, wurde Cham­pions-League-Sieger, rasierte sich Spin­nen­netze ins Haar. Und Ibi­sevic schoss vor zehn Jahren immerhin mal 18 Tore für Hof­fen­heim – allein in der Hin­runde. Und natür­lich ließe sich mit Recht fest­stellen, dass beide an Schnel­lig­keit und Dynamik ein­ge­büßt und an Kraft ver­loren haben und des­wegen kör­per­lich gegen ihre Ver­gan­gen­heits-Ichs nie und nimmer anstinken könnten.

Wenn du jung bist, ver­gisst du, wie ein­fach Fuß­ball ist“

Aber: Fuß­ball ist trotz aus­trai­nierter Fan­tasie-Ath­leten noch immer ein facet­ten­rei­ches Spiel. Ein Spiel, was es als Mann­schaft zu gewinnen gilt und bei dem es auf mehr ankommt als allein auf die kör­per­liche Ver­fas­sung eines ein­zelnen Spie­lers. Wes­wegen die zur Wort­hülse ver­kom­mene Erfah­rung“ tat­säch­lich von Bedeu­tung sein kann. Wenn man sie denn nutzt. Und genau das, so ist nach zwei Monaten in dieser Saison klar, tun beide Angreifer.

Mit der nötigen Erfah­rung habe ich ver­standen, auf welche Aspekte meines Spiels ich mich kon­zen­trieren muss – und welche ich wie Bal­last abwerfen sollte“, ver­riet uns Kalou vor der Saison. Und weiter: Als 19-Jäh­riger war ich schnell wie der Blitz. Ich konnte den Ball am Fuß haben – und ab ging die Post! Jetzt spiele ich sehr simplen Fuß­ball. Wenn du jung bist und vor Kraft strotzt, ver­gisst du, wie ein­fach Fuß­ball ist.“

Schaut man sich ein Spiel von Kalou mit dem Wissen um dessen Vor­sätze an, stellt man ver­blüfft fest: Alles, was er sagt, setzt er auf dem Platz genau so um. Kalou sprintet nicht mehr, höchs­tens läuft er mal zügig. Und trotzdem steht er ständig frei. Seine Pässe ergeben immer Sinn, meist sorgen sie sogar unmit­telbar für Gefahr. Obwohl er Geg­nern wie David Alaba oder Jerome Boateng phy­sisch unter­legen ist, stellt er sie vor unlös­bare Pro­bleme. Und holt mit­unter, wie gegen die Bayern, einen spiel­ent­schei­denden Elf­meter raus. Weil er im Kopf klarer ist. Weil er weiß, wann sich ein Weg lohnt. Weil er schlüs­siger denkt als die anderen auf dem Platz.