Am 14. und 15. Januar findet in Berlin der Fan­kon­gress 2012 statt. Der Grund­ge­danke lautet: Wie schaut der Fuß­ball in der Zukunft aus und welche Rolle spielen die Fans dabei?“ Am Samstag und Sonntag wird es Podi­ums­dis­kus­sionen und Work­shops zu Themen wie 50+1, Pyro­technik, Anstoß­zeiten, Selbst­be­stim­mung in der Kurve, soziale Ver­ant­wor­tung, Ein­tritts­preise etc. geben. Dis­kus­si­ons­teil­nehmer sind u.a. Martin Kind (Prä­si­dent von Han­nover 96), Jonas Gabler (Autor von Die Ultras“), Dirk Grosse (Sky Deutsch­land AG), Holger Hie­ro­nymus (Geschäfts­führer DFL), Hen­drik Große Lefert (Sicher­heits­be­auf­tragter DFB) oder Kevin Miles (Foot­ball Sup­por­ters Fede­ra­tion). Wei­tere Infos findet ihr auf www​.fan​kon​gress​-2012​.de.

Im Laufe dieser Woche lest hier auf der 11FREUNDE-Home­page Inter­views und Berichte zum Thema Fan­kultur. Ihr findet alle Berichte gesam­melt unter www​.11freunde​.de/fans. Der fol­gende Text wurde erst­mals im Sep­tember 2011 ver­öf­fent­licht.


Inner­halb von wenigen Sekunden wan­delt sich die bunt gemischte Nürn­berger Nord­kurve in ein Gesamt­kunst­werk aus Rot und Schwarz. Tau­sende recken gleich­zeitig ihre far­bigen Zettel in die Luft, dazu werden zwei über­di­men­sio­nale Schrift­banner ent­rollt, in der Mitte unter­bro­chen von einer Block­fahne, die min­des­tens zwei Blöcke über­deckt. Zu lesen ist: Ganz Nürn­berg for­dert: Max-Mor­lock-Sta­dion jetzt“ (Video). Wäh­rend die Mann­schaften ein­laufen und der 1. FC Nürn­berg in wenigen Minuten das erste Heim­spiel der Saison bestreitet, prä­sen­tieren die Fans ihre neue Initia­tive. Sie wollen die Benen­nung des Sta­dions nach dem größten Nürn­berger Fuß­ball­idol, dem Welt­meister von 1954.

Ist der Hype vorbei?

Nicht, dass der Ver­kauf der Namens­rechte des Nürn­berger Fran­ken­sta­dions vor fünf Jahren an die Team!Bank („easy­credit“) all­ge­meine Begeis­te­rung aus­ge­löst hätte, doch Gegen­stimmen waren, bis von den Nürn­berger Ultras, kaum zu ver­nehmen. Es war eine Zeit, als Gold­grä­ber­stim­mung bei Ver­eins­ver­ant­wort­li­chen wie Unter­nehmen herrschte. Den Spon­soren war eine über­re­gio­nale Bedeu­tung sicher, die Ver­eine erlösten statt­liche Erträge und der Groß­teil der Fans ver­stand, dass erfolg­rei­cher Fuß­ball anders nicht mehr zu finan­zieren ist. Bis heute hat sich die Situa­tion nicht grund­le­gend ver­än­dert, doch einige Über­zeu­gungen von damals sind ins Wanken geraten.

Die neuen Sta­di­on­namen haben sich im Sprach­ge­brauch vieler Fans nicht durch­ge­setzt. Beim HSV kommen die Fans, selbst wenn sie wollten, kaum hin­terher, sich die ständig wech­selnden Namen ein­zu­prägen und in Nürn­berg ist der Name easy­credit“ vom Groß­teil der Fans nie akzep­tiert worden, schon weil er nicht zur frän­ki­schen Mundart“ passt, wie Simon Par­gent von der Initia­tive Max-Mor­lock-Sta­dion jetzt“ betont. Die Kam­pagne, vor der Saison von den Ultras initi­iert, ver­ei­nigt inzwi­schen viele Fans und Grup­pie­rungen. Sie wird aktuell von annä­hernd 90 Fan­clubs sowie Insti­tu­tionen unter­stützt, eine Peti­tion auf einer eigenen Web­site wurde von über 3.000 Per­sonen unter­zeichnet.
Wäh­rend sich die Kam­pa­gnen-Macher über den großen Zuspruch freuen, scheint die Begeis­te­rung der Unter­nehmen für Namens­wer­bung nach­zu­lassen. So wird in Mön­chen­glad­bach schon seit Jahren ver­geb­lich nach einem Namens­sponsor gesucht. Und in Ham­burg soll der aktu­elle Sponsor deut­lich weniger Geld über­weisen als Erst­sponsor AOL.

Die Nürn­berger Fans ziehen aus diesen Fak­toren ihre Hoff­nung, eine rea­lis­ti­sche Chance mit ihrer Umbe­nen­nungs-Initia­tive zu haben. Par­gent und seine Mit­streiter wollen die gedämpften Erwar­tungen an den Mar­ke­ting­ef­fekt nutzen, um bei poten­ti­ellen Spon­soren wei­tere Zweifel an einem Spon­so­ring zu erzeugen. Dabei setzen sie zunächst nicht auf direkte Ver­hand­lungen mit Verein oder Unter­nehmen, son­dern auf Öffent­lich­keits­ar­beit. Die Reso­nanz in den lokalen Medien ist über­ra­schend positiv, von allen Seiten gab es viel Ver­ständnis für unser Anliegen“, äußert sich Par­gent zufrieden.

Mit Flashmobs gegen die Not­wen­dig­keit

Die Initia­tive wirbt mit Flashmobs, Trans­pa­renten und Info­ständen um die Unter­stüt­zung der Fans beson­ders außer­halb der Nord­kurve, die nicht geschlossen die Idee eines Max-Mor­lock-Sta­dions unter­stützen. Manch Club­berer, der zwar gegen einen Werbe-Namen ist, bevor­zugt indes die Rück­be­nen­nung in Fran­ken­sta­dion. Doch die Macher der Kam­pagne sehen in ihrem Vor­schlag einen ent­schei­denden Vor­teil. Der Fan­ver­treter ist über­zeugt: Es war leicht für die Unter­nehmen den Namen Fran­ken­sta­dion zu über­nehmen, aber der Kampf gegen die Nürn­berger Fuß­ball­le­gende Max Mor­lock wird gerade für lokale Unter­nehmen nicht leicht.“

Hartmut Zastrow, Spon­so­ring-Experte vom For­schungs- und Bera­tungs­un­ter­nehmen Sport+Markt“ unter­streicht zwar, dass es für eine regio­nale Marke wie den 1. FC Nürn­berg vor allem darum geht, einen lokalen Sponsor zu finden, wider­spricht aber in der Ana­lyse: Der Name Max Mor­lock ist nicht mehr so prä­sent, dass er stärker wäre als eine Nürn­berger Marke.“ Er ver­weist auf zahl­reiche Unter­su­chungen, die belegen, dass zwei Drittel der Fans den Ver­kauf des Namens­rechte für bes­seren Fuß­ball und grö­ßeren sport­li­chen Erfolg bil­li­gend in Kauf nehmen. Die Ver­treter der Sta­dion-Initia­tive halten mit einem eigenen Vor­schlag dagegen: Auf ihrer Web­site können Fans dar­über abstimmen, ob sie bereit sind 1,50 Euro pro Karte mehr zu zahlen, um bei der Umbe­nen­nung in Max-Mor­lock-Sta­dion die feh­lenden Spon­so­ren­gelder aus­zu­glei­chen. Das Zwi­schen­er­gebnis sieht die Zustim­mung zu dieser Idee bei 87 Pro­zent.

Trotz dieser Ein­drücke kann Zastrow bei der Attrak­ti­vität von Namens­spon­so­ring keine Trend­wende ins Nega­tive erkennen. Zwar ist die Wahr­neh­mung von Spon­soren nicht mehr so spek­ta­kulär“, den­noch bleiben Namens­rechte eine der wir­kungs­stärksten Wer­be­formen im Spon­so­ring“. Den Rückzug von easy­credit“ sieht er im Zusam­men­hang mit der abneh­menden Begeis­te­rung für Finanz­pro­dukte“.

Ob es der Nürn­berger Sta­di­on­ge­sell­schaft gelingt, einen Sponsor für die neue Saison zu finden, steht in den Sternen. Ein frei­wil­liger Ver­zicht auf einen neuen Namens­geber und die damit zu gene­rie­renden Ein­nahmen ist nicht rea­lis­tisch. Ande­rer­seits ist die Liste poten­ti­eller Spon­soren, also lokaler Firmen, die in Zeiten von Wirt­schafts- und Finanz­krise Geld für eine der­ar­tige Wer­bung haben, nicht unbe­grenzt lang. Im Falle, dass kein neuer Sponsor gewonnen werden kann, sind die Folgen unge­wiss. Denkbar wäre ein vor­läu­figes Zurück zum Fran­ken­sta­dion. Oder doch die Umbe­nen­nung in Max-Mor­lock-Sta­dion? Die Fans werden jeden­falls dafür kämpfen. Simon Par­gent kün­digt an: Wir haben einige krea­tive Aktionen für die nächsten Wochen geplant“.