Gestrie­gelt sah die deut­sche Natio­nal­mann­schaft aus, als sie am gest­rigen Dienstag aus der Luft­hansa-Maschine am Dan­ziger Flug­hafen aus­stieg. Jogi Löw wie immer in einem tail­lierten Hemd, dass Sakko lässig in der Hand, die Spieler dagegen in modi­schen, grauen Strick­ja­cken. Der Dame von Drei-Wetter-Taft, die Ende der acht­ziger Jahre mor­gens in Ham­burg star­tete, einen Zwi­schen­halt in Mün­chen ein­legte und abends mit per­fekter Frisur in Rom lan­dete, hätte die DFB-Rei­se­gruppe ges­tern pro­blemlos Kon­kur­renz machen können. Ganz zu Freude der pol­ni­schen Presse, die mit unzäh­ligen Foto­grafen und Kame­ra­teams die WM-Dritten in der Ost­see­me­tro­pole begrüßte und fast den ganzen Tag nicht mehr aus den Augen ließ.

Das Inter­esse der pol­ni­schen Medien zeigt, welche Bedeu­tung die Spiele gegen Deutsch­land haben. Nur noch die Duelle mit Eng­land wecken bei den pol­ni­schen Fans solche Emo­tionen“, schreibt die Gazeta Wyborcza“, eine der wich­tigsten Tages­zei­tungen des Landes, in ihrer heu­tigen Aus­gabe. Und dies liegt unter anderem an der für Polen unrühm­li­chen Bilanz. Keine der bisher 16 Begeg­nungen konnten die Weiß-Roten“ für sich ent­scheiden. Ledig­lich vier Unent­schieden ver­zeichnen die Sta­tis­tiken, dafür aber zwölf Siege der Deut­schen.

Viel­leicht gewinnen wir am Dienstag“, erklärte im Vor­feld der heu­tigen Partie der ehe­ma­lige Natio­nal­trainer Jacek Gmoch, der 1978 bei der WM in Argen­ti­nien in der Vor­runde nur ein 0:0 gegen eine damals unter­le­gene DFB-Elf her­aus­holte und 1974 zum Trai­ner­stab von Kazi­mierz Gorski gehörte. Bei diesem Tur­nier erlitten die Polen jene Nie­der­lage, die sie bis heute am meisten schmerzt und öst­lich der Oder den deutsch-pol­ni­schen Duellen den beson­deren Mythos ver­lieh. Selbst junge pol­ni­sche Fuß­ball­fans sind davon über­zeugt, dass ihre damals tech­nisch über­le­gene Mann­schaft nie­mals 0:1 ver­loren hätte, wenn es zu einem Spiel bei regu­lären Bedin­gungen gekommen wäre und nicht zu der mitt­ler­weile legen­dären Was­ser­schlacht von Frank­furt“. Auch des­halb wird seitdem genera­tio­nen­über­grei­fend bei jeder Begeg­nung auf eine Revanche gehofft.

Auf diesen Tag habe ich mein ganzes Leben gewartet“

Doch nicht nur die sieg­losen Spiele machen die heu­tige Partie beson­ders, son­dern zwei Spieler, die gemeinsam 202 Spiele im DFB-Trikot hinter sich haben, das Licht der Welt jedoch öst­lich der Oder erblickt haben: Lukas Podolski und Miroslav Klose. Ich kann nicht nur dieses Spiel kaum noch erwarten, son­dern die ganze Euro, die in meinem Hei­mat­land statt­finden wird. Dies ist für mich ein sehr emo­tio­nales Ereignis“, sagte ges­tern Miroslav Klose der pol­ni­schen Presse und dürfte damit einige Polen über­rascht haben. Denn im Gegen­satz zu Podolski, der sich in einem heute erschienen Inter­view in der Sport­zei­tung Prze­glad Spor­towy“ als Pole bezeichnet, ver­wies Klose selten auf seine pol­ni­sche Her­kunft. Ein Umstand, der den Stürmer öst­lich der Oder nicht gerade beliebt machte, wäh­rend Podolski zu einem Lieb­ling der pol­ni­schen Medien und Fans avan­cierte.

Doch nicht nur im deut­schen Team gibt es Per­sonen, die einen Bezug zu ihrem heu­tigen Gegner haben. Auf diesen Tag habe ich mein ganzes Leben gewartet.“ So kün­digte der pol­ni­sche Natio­nal­trainer Fran­ciszek Smuda vor einigen Tagen das heu­tige Län­der­spiel an. Dies sagte Smuda aber nicht nur, weil Spiele gegen Polen schon aus sport­li­cher Sicht eine beson­dere Bedeu­tung haben, son­dern weil Smuda selber mit Deutsch­land und dem hie­sigen Fuß­ball eng ver­bunden ist.

Seine aktive Lauf­bahn ließ er Anfang der acht­ziger Jahre bei der SpVgg Fürth und dem VfB Coburg aus­klingen. Später machte er seinen Trai­ner­schein in Deutsch­land und sam­melte hier auch die ersten Erfah­rungen als Fuß­ball­lehrer. Selbst mit dem Beginn seiner Trai­ner­tä­tig­keit in Polen, die über den Umweg Türkei begann, endete die Bezie­hung zwi­schen Smuda und Deutsch­land nicht. Bis heute besitzt Franz“, wie Smuda in Polen gerufen wird, ein Haus in der Nähe von Nürn­berg, in das er mal als Bun­des­li­ga­trainer zurück­kehren möchte. Das erklärte er in der Ver­gan­gen­heit.

Wie sehr Smuda den deut­schen Fuß­ball schätzt, sieht man auch an dem sich immer mehr her­aus­kris­tal­li­sie­renden Kader der pol­ni­schen Natio­nal­mann­schaft für die anste­hende EM. Mit dem Kölner Adam Matu­s­chyk, dem Bremer Sebas­tian Boe­nisch und neu­er­dings auch dem Mainzer Eugen Polanski, setzt er auf drei pol­nisch­stäm­mige Spieler, die den Fuß­ball in Deutsch­land erlernt haben. Doch die Gründe, wes­halb sich die drei Spieler für eine Kar­riere in der pol­ni­schen Natio­nal­mann­schaft ent­schieden haben, sind unter­schied­lich.

Für den defen­siven Mit­tel­feld­spieler Matu­s­chyk, der so wie sein Team­kol­lege Lukas Podolski im ober­schle­si­schen Glei­witz (Gli­wice) geboren wurde und im Kin­des­alter nach Deutsch­land kam, war von Anfang an klar, dass er nur für Polen spielen möchte. Seit dem 15. Lebens­jahr durch­lief er alle PZPN-Jugend­mann­schaften, bis er im Mai 2010 im Spiel gegen Finn­land in der A‑Nationalmannschaft debü­tierte. Zuletzt spielte er am Freitag gegen Mexiko in Trikot mit dem weißen Adler. Ob er aber auch zum EM-Kader gehören wird, ist unklar. Einer­seits hängt das von seiner Posi­tion im Verein ab, die seit dem Amts­an­tritt von Stale Sol­bakken immer schwä­cher wird, ander­seits von der Kon­kur­renz in der pol­ni­schen Natio­nal­mann­schaft ab.

Polanski fühlt sich als Deut­scher, spielt aber für Polen

Und diese kommt seit dem 10. August aus­ge­rechnet eben­falls aus der Bun­des­liga. An dem Tag debü­tierte Eugen Polanski im Län­der­spiel gegen Geor­gien im pol­ni­schen Natio­nal­trikot. Und wahr­schein­lich auch im heu­tigen Spiel gegen Deutsch­land wäre Polanski auf­ge­laufen, wenn er sich am ver­gan­genen Bun­des­li­ga­spieltag nicht ver­letzt hätte. Doch wäh­rend er von Fran­ciszek Smuda ver­misst wird, hält sich der Schmerz der pol­ni­schen Fuß­ball­fans in Grenzen. Und dafür ist Polanski selbst ver­ant­wort­lich.

Noch vor gar nicht so langer Zeit erklärte er gegen­über der pol­ni­schen Presse, dass er sich als Deut­scher fühle und für Deutsch­land spielen möchte.“ Polanski, der in den Jugend­mann­schaften des DFB spielte, bekam jedoch nie die Gele­gen­heit, ein A‑Länderspiel zu absol­vieren und ent­schied sich für die pol­ni­sche Natio­nal­mann­schaft. Wäh­rend Smuda ihn mit Kuss­hand auf­nahm, reagierte die pol­ni­sche Öffent­lich­keit distan­zierter, ja sogar unter­kühlt – und dies wegen seiner frü­heren Aus­sagen. Wir haben bes­sere Spieler als Polanski auf der Posi­tion“, erklärte Fuß­ball­le­gende Zbi­gniew Boniek und bekam dafür von der Öffent­lich­keit viel Zustim­mung.

Ganz anders dagegen ist die Posi­tion von Sebas­tian Boe­nisch. Der Bremer, der mit der deut­schen U‑21 vor zwei Jahren die EM gewann, wurde von Fran­ciszek Smuda seit seinem Amts­an­tritt umgarnt. Boe­nisch machte aus seiner Unent­schlos­sen­heit nie ein Geheimnis, was ihm in Polen bis heute keiner übel nimmt, obwohl den meisten pol­ni­schen Fuß­ball­fans klar ist, dass er sich nur des­halb für die Weiß-Roten“ ent­schieden hat, weil die Kon­kur­renz in Deutsch­land zu stark ist. Im Gegen­satz zu Polanski bekannte sich Boe­nisch jedoch nie klar für Deutsch­land, was sich an seinem Ansehen in Polen bemerkbar macht.

Ein gutes Ergebnis ist auch für uns mög­lich“

Obwohl er wegen seiner Ver­let­zung bisher nur zwei Spiele in der pol­ni­schen Natio­nal­mann­schaft absol­vierte, wird er in Polen geachtet und sport­lich ver­misst. Auch des­halb weil er sich bemüht, in der pol­ni­schen Natio­nal­mann­schaft zu inte­grieren. Trotz seiner Ver­let­zung weilt er im pol­ni­schen Trai­nings­lager und glaubt an ein heu­tiges gutes Spiel. Auf­grund des Kon­kur­renz­kampfes inner­halb des deut­schen Mann­schaft, werden die Deut­schen alles geben. Aber ein gutes Ergebnis ist auch für uns mög­lich“, sagte er heute.

Wie sich seine alten Kol­legen aus dem DFB-Jugend­mann­schaften und die neuen aus der pol­ni­schen Natio­nal­mann­schaft machen werden, wird sich Boe­nisch heute im neu­erbauten Dan­ziger Sta­dion anschauen.