Seite 3: „Die größte Underdog-Geschichte überhaupt"

AFC-Fan Phil Hendry sitzt wäh­rend des Eröff­nungs­spiels in einem Café unweit der Plough Lane, dessen Wände Bilder aus Hol­ly­wood­filmen und Cover bri­ti­scher Punk­rock-Alben schmü­cken. Er trägt ein Wim­bledon-Trikot von 1995, als Efan Ekoku für die Dons stürmte.

1975 nahm er als Kind an einer fei­er­li­chen Gala für die Mann­schaft teil, die Burnley in der dritten Runde des FA-Cups besiegt hatte. Damals trug er die kom­plett grüne Tor­hü­ter­montur von Dickie Guy, dem heu­tigen Prä­si­denten des AFC Wim­bledon. Hendry wandte sich vom Verein ab, nachdem er das erste Spiel in Milton Keynes gesehen und anschlie­ßend seine eigene Form des Pro­tests durch­ge­zogen hatte: In meiner Zeit als Stu­dent hatte ich einen großen schwarzen Bett­bezug, auf den ich mit weißer Farbe schrieb: Wim­bledon FC RIP 1889 – 2002‘. Als wir auf der M1 zurück Rich­tung Süden unter­wegs waren, hielt ich auf der Stand­spur, klet­terte die Böschung hinauf und hängte es von der Auto­bahn­brücke. Jeder Wim­bledon-Fan, der im Sta­dion war und wieder süd­wärts fuhr, muss es gesehen haben.“

Phil Hendry

AFC Wimbledon 031120 11 FREUNDE 139 1 WEB
Alex Ingram

Ist seit den Sieb­zi­gern Fan und hat die Erfolge der Crazy Gang mit­er­lebt. Sein Held war Tor­hüter Dickie Guy, der heu­tige Prä­si­dent des AFC.

Hendry hegt keine nost­al­gi­schen Gefühle für die alte Plough Lane, son­dern freut sich auf das neue Sta­dion. Es ist absolut unglaub­lich. Ich ver­suche den Leuten klar­zu­ma­chen, dass es die größte Underdog-Geschichte über­haupt ist, nicht nur im Fuß­ball, son­dern in jedem Sport.“ Durch diese Geschichte ist es dem AFC Wim­bledon auch gelungen, viele jün­gere Fans für sich zu gewinnen, selbst in den Jahren im Exil beim King­s­to­nian FC. Ethan van Ris­tell, 24, steht mit einem Back to Plough Lane“-Schild vor dem Corner Pin. Sein Vater arbei­tete als Fri­seur in Süd­wim­bledon und erzählte ihm immer, wenn sie an der alten Plough Lane vor­bei­fuhren, dass sich dort früher ein Sta­dion befunden habe. Als sie im King­s­me­adow spielten, stand Ethan van Ris­tell auf der Tri­büne Chem­flow End, wo die Fans zur Melodie von Show Me the Way to Go Home“ (bekannt aus Der Weiße Hai“) sangen:

Show me the way to Plough Lane
I’m tired and I want to go home
I had a foot­ball ground twenty years ago And I want one of my own.

Whenever ever I may roam
To Sel­hurst Park again (fucking dump!)
You will always hear me sin­ging this song Show me the way to Plough Lane.

Ethan van Ris­tell

Wurde Fan des AFC Wim­bledon, als sich der Klub noch mit dem King­s­to­nian FC ein Sta­dion teilen musste.

Will Glover-James und seine Frau Rowan sind mit ihrem Säug­ling Dylan zum Sta­dion gekommen, damit sie einen ersten Blick auf die neue Plough Lane werfen können. Auch Glover-James hat das alte Sta­dion nie ken­nen­ge­lernt, er geht erst seit 1992 zu den Spielen von Wim­bledon. Einmal klet­terte er über eine Mauer an der alten Plough Lane, um sich umzu­schauen. Er sah, dass das Sta­dion ver­fiel und auf dem Rasen Arbeits­pferde grasten. Ich weiß noch, wie ich als Teen­ager in der Woche erst zu den Spielen gegangen bin und anschlie­ßend zu Pro­testen gegen den Umzug nach Milton Keynes. Nie­mand hörte uns zu. Es war das Ein­zige, für das ich ein­trat, und letzt­end­lich ver­loren wir. Ich war am Boden zer­stört.“ 

Unter­dessen wurde das alte Grund­stück an die Super­markt­kette Safeway ver­kauft, später an eine Bau­firma, die 570 Apart­ments dorthin baute, wo früher Vinnie Jones und John Fas­hanu über den Rasen tobten. Die Fans setzten immerhin durch, dass die Sied­lung nach der Wim­bledon-Legende Eddie Rey­nolds benannt wurde: Rey­nolds Gate“.

Wenn es heißt, wir müssen ein Loch graben, rücken hun­dert Spinner an und fragen, wo du es haben willst“

Marc Jones

Das Eröff­nungs­spiel gegen Don­caster ist mitt­ler­weile vorbei. Es endet 2:2, das erste Tor im neuen Sta­dion hat Wim­ble­dons Joe Pigott in der 18. Minute geschossen. Der AFC steht auf Platz elf der League One, immerhin vier Punkte vor den MK Dons. Glover-James sagt, dieser Ort an der Plough Lane mache ihm Hoff­nung auf bes­sere Zeiten. Ich habe einen kleinen Sohn, und wenn er älter ist, wird er zu Spielen gehen und es wird für ihn selbst­ver­ständ­lich sein, ein eigenes Sta­dion zu haben. Mir ist es wichtig, ihm die Geschichten von früher zu erzählen.“

Auch AFC-Mit­gründer Marc Jones wird sich gleich auf den Heimweg machen. Aber eine Sache möchte er noch los­werden: Klar, wir haben das Glück, ein paar wohl­ha­bende Fans zu haben, aber diese Fans haben nur mit­ge­macht wegen der Art und Weise, wie der Klub auf­ge­stellt ist.“ Dann denkt er an Union Berlin, wo Fans die Alte Förs­terei zum Teil mit­ge­baut haben. Es sei wichtig, sagt er, sich nicht immer alles dik­tieren zu lassen. Mach es zu deinem eigenen beschis­senen Ding. So wie bei Union, so wie in Wim­bledon. Und wenn es irgend­wann heißt, wir müssen ein Loch graben, rücken halt hun­dert durch­ge­knallte Spinner mit Schau­feln an und fragen, wo du es haben willst.“