Pen­del­ver­kehr
Echte Experten sehen in der Spiel­an­lage von Juventus Turin bereits zukunfts­wei­sende Ten­denzen, immerhin ist die Mann­schaft von Antonio Conte eine der wenigen, die kon­se­quent mit einer Drei­er­kette auf­läuft. Und die gilt schon länger als min­des­tens so heißer Scheiß wie die fal­sche Neun oder ein Bal­lon­spieler. Neben den eher kan­tigen Ver­tei­di­gern Andrea Bar­zagli und Giorgio Chiel­lini agiert vor allem der zen­trale Leo­nardo Bonucci als erster Mann im Spiel­aufbau. Aller­dings ist das Fabu­lieren über Drei­er­ketten nur die halbe Wahr­heit, denn im Defen­siv­ver­bund ver­schanzt sich Juve gerne auch als Fün­fer­reihe. Baut der Gegner über die Zen­trale auf, ziehen sich die beiden offen­siven Außen­spieler (meist Asa­moah und Licht­steiner) ent­spre­chend zurück auf Höhe der Drei­er­kette. So ent­steht ein kom­pakter Fünfer-Riegel. Wenn man so will, ist Juve also eine alte Dame im knappen Mini­rock – und so fle­xibel wie ein Yoga-Kurs.

Außen­bahn zu
Spielt der Gegner über die Außen­bahn ver­schiebt die gesamte Mann­schaft mit dem Ball. Der ball­nahe Außen­ver­tei­diger in der Fün­fer­reihe schiebt sich vor, alle anderen bilden eine Vie­rer­kette, die dichter ist als Johan Wolf­gang Goethe. Unsere Freunde von spiel​ver​la​ge​rung​.de haben für diese Art des Defen­siv­spiels auch schon einen richtig feinen Namen gefunden: die pen­delnde Abwehr­kette. Wir kaufen uns dann schon mal ein Ticket.

Ver­ti­kale Hori­zon­tal­spiele
Ihr wollt es noch kom­pli­zierter? Kein Pro­blem! In der Hori­zon­tale über­gibt Juve die Stürmer im Raum, in der Ver­ti­kale rücken sie ihrem Gegen­spieler gerne hin­terher. Das erin­nert zum Bei­spiel an das Ver­tei­di­gungs­system des BVB. Und damit hat der FC Bayern zumin­dest in den letzten Jahren ja nicht die besten Erfah­rungen gemacht.

Der Opa-Papa
Im Tor von Juventus Turin steht seit nun­mehr 200 Jahren Gian­luigi Buffon (Spitz­namen: Gigi). Der ist nicht nur seit Jahr­zehnten auf Welt­klas­se­ni­veau, son­dern mitt­ler­weile auch sehr alt (35). Damit ist er der Opa-Papa der Mann­schaft. Er kämpft aller­dings auch immer wieder gegen seinen eigenen Ruf. Neben einem Hang zum Glücks­spiel wird Buffon auch einen Nähe zum rechten, poli­ti­schen Rand nach­ge­sagt. In seiner Zeit beim AC Parma trug er die Rücken­nummer 88 und begrün­dete diese Wahl wie folgt: Die 88 habe ich genommen, weil sie vier Eier hat. Und beim Fuß­ball braucht man Eier“. Zudem prä­sen­tierte er auch ein Shirt mit dem faschis­ti­schen Spruch Boia chi molla“ („Gehängt sei, wer auf­gibt“). Kurio­ser­weise über­nahm Buffon 2010 zusammen mit Cris­tiano Luca­relli und anderen Eig­nern den größten Fuß­ball­klub seiner Hei­mat­stadt, Car­ra­rese Calcio. Luca­relli gilt in Ita­lien als Anhänger des Kom­mu­nismus. Das ist Politik im Kleinen.

Pressen wie die Kes­sel­fli­cker
Lobend erwähnen Tak­tik­füchse auch immer wieder das geschickte Pres­sing der Juve-Mann­schaft. Dabei locken sie die geg­ne­ri­schen Ver­tei­diger gerne in einen Kor­ridor im offen­siven Zen­trum. Jeweils zwei Drei­er­ketten sichern dabei die Defen­sive ab, im vor­deren Teil schaffen jeweils zwei Duos in Angriff und offen­siven Mit­tel­feld einen Kessel. Macht der geg­ne­ri­sche Ver­tei­diger den Fehler, den Ball in diesen Bereich zu treiben, wird es haarig, denn dann greifen die Offen­siv­spieler von allen Seiten an. Ein Ball­ver­lust kann dabei äußerst schmerz­haft werden, da Juves Offen­sive schnell umschaltet und mit wenigen Kon­takten frei vor dem Tor auf­tau­chen kann. Hilft sich der Innen­ver­tei­diger in dieser Bedrängnis mit langen Bällen aus, freuen sich vor allem Juves Ver­tei­diger über simple Ball­ge­winne.

Schlitzohr auf der Bank
Juve-Coach Antonio Conto war bereits als Spieler Cham­pions-League-Sieger mit Juventus Turin. Doch der Ruhm des ehe­ma­ligen Kapi­täns und Publi­kums­lieb­lings ist enorm ange­knackst. So wurden im Mai 2012 Ermitt­lungen gegen Conto wegen des Ver­dachts auf Mit­wis­ser­schaft an Spiel­be­trug wäh­rend seiner Zeit als Trainer beim AC Siena ein­ge­leitet. Im August 2012 wurde er schließ­lich für zehn Monate, also bis zum Ende der Spiel­zeit 2012/13, gesperrt. Er hatte als Trainer von Siena Bestechungs­ver­suche von zwei Serie-B-Spielen nicht an den Ver­band wei­ter­ge­leitet. Doch Juventus kün­digte an, dieses Urteil anzu­fechten – und bekam Recht. Im Oktober 2012 ver­fügte das Schieds­ge­richt des Natio­nalen Olym­pi­schen Komi­tees Ita­liens in Rom eine Redu­zie­rung der Sperre für Conte von zehn auf vier Monate. Diese endete am 8. Dezember 2012. Das geht so wohl nur in Ita­lien.

Im Zen­trum der Macht
Das zen­trale Mit­tel­feld von Juve ist beein­dru­ckend besetzt. Als Spiel­ge­stalter steht natür­lich Andrea Pirlo im Blick­punkt. Toni Kroos, Bas­tian Schwein­s­teiger, Thomas Müller und Philipp Lahm dürften sich da vor allem an das EM-Halb­fi­nale 2012 erin­nern. Ältere Herren auch noch dann das WM-Halb­fi­nale 2006. Doch der alternde Voll­bart­träger hat zudem noch zwei echte Wiesel an seiner Seite, denn sowohl Claudio Mar­chisio als auch Arturo Vidal haben Luft für Drei und den Eifer eines Wind­hundes. Gerade Arturo Vidal dürfte nach den öffent­li­chen Atta­cken des FC Bayern nach dem geplatzten Wechsel im Sommer 2011 an die Isar reich­lich Schaum vor dem Mund haben.

Volle Kon­trolle
Ach­tung, jetzt kommt ein Satz für die Klo­spü­lung: Juventus Turin ist nicht der FC Bar­ce­lona. Zumin­dest was die Ball­be­sitz­werte angeht, nähern sich beide Klubs beängs­ti­gend an. In der Serie A liegt die Quote von Juve selten unter 60 Pro­zent. Anders als Barca ver­sucht Juve aller­dings nicht nur mit end­losen Pass­sta­fetten den Gegner mürbe zu spielen, son­dern wech­selt immer wieder zwi­schen blitz­schnellem Umschalten und Spiel­kon­trolle.

Offen­sives Fra­ge­zei­chen
In Juves Angriffs­zen­trum tum­melt sich ein Quer­schnitt der aktu­ellen Stür­mer­trends. Neben den eher wuch­tigen Mirko Vucinic, Fabio Quaglia­rella und Ales­sandro Matri tum­melt sich noch der Mini-Mensch Sebas­tian Gio­vinco (1,64 Meter), mit Nicolas Anelka hat Juve zudem im Winter noch einen Mann aus der Kate­gorie Alter Hase“ in den Kader gespült. Außerdem steht noch der Däne Niklas Bendtner im Kader, ist der­zeit aller­dings ver­letzt. Den­noch gilt der Angriff als Juves Pro­blem­kind. Ihre durch­schla­gende, inter­na­tio­nale Klasse müssen alle Angreifer erst noch dau­er­haft unter Beweis stellen.

Der fran­zö­si­sche Balo­telli
Der junge Fran­zose Paul Pogba (20) hat einen Schuss wie ein Pferd, mehr Tempo als ein Papier­ta­schen­tuch und das Tem­pe­ra­ment eines ange­schos­senen Wild­pferdes. All das macht ihn zum nächsten großen Ding im Welt­fuß­ball. Und nicht nur bei Man­chester United fragt man sich mitt­ler­weile, warum man den Roh­dia­manten mit der Scheiß­frisur im Sommer hat gehen lassen.