Mat­thias Ost­rzolek spielt den Ball halb­hoch per Flanke an den Elf­me­ter­punkt. In der Mitte steht Hen­drik Wey­d­andt und lauert. Vor ein paar Minuten hat der neue Han­nover-Stürmer schon einmal getroffen, das Spiel in der ersten Runde des DFB-Pokal zwi­schen Han­nover 96 und dem KSC ist längst ent­schieden, es steht 5:0. Und jetzt, jetzt trifft er schon wieder.

Haut die Flanke von Ost­rzolek kom­pro­misslos aus 11 Metern volley in den rechten Winkel. Tor­hüter Ben­jamin Uphoff ist chan­cenlos. Wey­d­andt nimmt es gelassen. Das 6:0 gegen einen Dritt­li­gisten zu schießen, muss nicht groß gefeiert werden. Eigent­lich. Doch Wey­d­andt ist nicht irgendein Bun­des­liga-Spieler. Für ihn war es sein erstes Profi-Spiel über­haupt. Er wurde erst in der 83. Minute ein­ge­wech­selt und erzielte trotzdem noch zwei Tore. Und das, obwohl der 23-Jäh­rige noch vor vier Jahren in der Kreis­liga spielte.

Ein Blick zurück

Damals, vor vier Jahren, stürmt Wey­d­andt für den TSV Groß Munzel. Sein Plan für die Zukunft: BWL stu­dieren und Wirt­schafts­prüfer werden. Im besten Fall die Kanzlei des eigenen Vaters über­nehmen. Doch es kommt etwas anders. Zur Saison 2015/16 wech­selt er in die Ober­liga zum 1.FC Ger­mania Egestorf/​Langreder und schießt gleich in seinem ersten Jahr 13 Tore. Nach zwei wei­teren Wey­d­andt-Buden in der Rele­ga­tion steigt der Klub in die Regio­nal­liga Nord auf.

Der Sprung von der Kreis­liga über die Ober­liga in die Regio­nal­liga fällt Wey­d­andt nicht schwer. Er knipst ein­fach weiter. Allein in den zwei fol­genden Jahren bei Ger­mania Eges­torf sind es in der Regio­nal­liga 26 Tore. Als in diesem Sommer sein Ver­trag aus­läuft, klopft Han­nover 96 an. Genauer gesagt: die zweite Mann­schaft von Han­nover 96.

Wey­d­andt muss nicht lange über­legen, er nutzt die Chance und schließt sich dem Verein ablö­se­frei an. Schon in der Vor­be­rei­tung darf er bei den Profis mit­mi­schen – und bril­liert auch da. Am lau­fenden Band. Ist zweit­ge­fähr­lichster Tor­schütze hinter Stammstürmer Niclas Füll­krug. Und wird mit einem Platz auf der Bank im ersten Pflicht­spiel der Saison belohnt. Um dann, nach seiner Ein­wechs­lung, inner­halb von sieben Minuten gegen den KSC zwei Tore zu schießen. Mit einer Ziel­stre­big­keit, die man einem Profi-Debü­tanten nicht zutrauen würde.

Der Miro-Klose Kar­rie­reweg

Es sind durchaus Par­al­lelen zu einem gewissen Miroslav Klose zu erkennen. Der spielte in der Jugend bei der SG Blau­bach-Diedel­kopf und schaffte es, jedem Scout durch die Lappen zu gehen. Nach Sta­tionen in der Bezirks­liga bei Hom­burg (Saar­land) und in der zweiten Mann­schaft des 1.FC Kai­sers­lau­tern (Regio­nal­liga) bestritt er sein erstes Bun­des­li­ga­spiel mit 21 Jahren.

Egal, in wel­cher Liga Klose zum Zug kam: Sein Tore schoss er immer. Genau wie Wey­d­andt. Und sollte der dieses Wochen­ende auch in der Bun­des­liga für Han­nover auf­laufen, wäre er bei seinem Debüt nur zwei Jahre älter als Klose. Aber was sind schon zwei Jahre für einen, der in vier Jahren knapp zehn Ligen über­sprungen hat?

Mit 23 Jahren hatte Julian Draxler übri­gens schon über 150 Profi-Spiele absol­viert. Eine Zahl, die einen wie Wey­d­andt wie den Gegen­ent­wurf zum modernen Aka­de­mie­fuß­baller wirken lässt. In einer Liga voll von Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trums-Absol­venten wird er ein beson­derer Bun­des­liga-Rookie sein. Sollte er es trotzdem schaffen, sich bei Han­nover 96 einen Stamm­platz zu erkämpfen, wäre das ein Fuß­ball­mär­chen. Eines von denen, die immer sel­tener werden.