Seite 3: „Die Weltmeisterschaft ist die Weltmeisterschaft“

Es gibt immer wieder die Dis­kus­sion, dass bei Welt­meis­ter­schaften zu viele Schieds­richter pfeifen, die aus ihrer hei­mi­schen Liga nicht genug Erfah­rung mit­bringen.
Die Welt­meis­ter­schaft ist die Welt­meis­ter­schaft. Das gilt für Schieds­richter genauso wie für die Teams.


Es ist also kein Pro­blem, wenn jemand nur gele­gent­lich mit Welt­stars zu tun hat und plötz­lich über deren Wei­ter­kommen ent­scheidet?
Ich erin­nere mich an einen sehr guten Schieds­richter aus Marokko, der bei der Welt­meis­ter­schaft 1998 gepfiffen hat. Er hat das Finale geleitet und war ein sehr guter Unpar­tei­ischer. Ich bin mir sicher, dass die Schieds­richter, die für eine WM aus­ge­sucht werden, auf jeden Fall genü­gend Erfah­rung mit­bringen. Daher mache ich mir für Süd­afrika über­haupt keine Sorgen. Die Kol­legen, die über mehr Erfah­rung ver­fügen, leiten dann die Top-Spiele.


Wenn man sich die letzten großen Tur­niere anschaut, war es doch so, dass viele Schieds­richter nach fal­schen Ent­schei­dungen nicht nur kri­ti­siert wurden, son­dern auch öffent­lich ange­klagt. Ganz Polen war 2008 gegen ihren eng­li­schen Kol­legen Howard Webb, Urs Meier hat 2004 ähn­liche Erfah­rungen mit den eng­li­schen Fans machen müssen. Gibt es von Ihrer Seite einen Rat, wie man mit der­ar­tigen Situa­tionen umgehen kann?
Das Beste wäre natür­lich, die Leute, die für diese unver­hält­nis­mä­ßige Kritik ver­ant­wort­lich sind, zu ermahnen. Man sollte sie anhalten, sich zu mäßigen. Das wäre besser, als die Schieds­richter anzu­weisen, wie sie mit sol­chen Situa­tionen umzu­gehen haben. Für mich ist es inak­zep­tabel, dass durch eine Ent­schei­dung in einem Fuß­ball­spiel solche öffent­li­chen Anklagen ent­stehen. Jeder Schieds­richter ver­sucht, auf dem Platz sein Bestes zu geben. Aber er kann natür­lich, wie jeder andere auch, einen Fehler machen. Das ist doch ganz normal. Genauso gibt es Spieler, die in einem WM-Finale einen Elf­meter ver­schießen.

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Katrin Binner

Sogar sehr berühmte Spieler aus Ihrem Land.
Aber sagen wir dann, dass das kein guter Spieler ist? Nur aus der Tat­sache heraus, dass er den einen Elf­meter ver­schossen hat? So etwas pas­siert leider. Und genauso ist es bei den Schieds­rich­tern.

Kennen Sie Schieds­richter, die an Fehl­ent­schei­dungen zugrunde gegangen sind?
Ich finde es lustig, dass es immer, wenn ich mit Jour­na­listen über Schieds­richter spreche, so viel um Fehl­ent­schei­dungen geht. Klar gibt es die, aber viel mehr kor­rekte Ent­schei­dungen. Denkt positiv!

Wel­cher posi­tive Moment ist Ihnen denn vom WM-Finale 2002 in beson­derer Erin­ne­rung geblieben?
Wir mussten damals zwei­ein­halb Stunden vor dem Anpfiff im Sta­dion sein, weil danach der ganze Ver­kehr gestoppt wurde, als sich der japa­ni­sche Kaiser auf den Weg machte. So früh im Sta­dion zu sein, war sehr unge­wöhn­lich, also haben wir die erste drei­viertel Stunde in einem langen Kor­ridor im Inneren des Sta­dions gestanden, wo unsere Kabinen lagen, und mit­ein­ander gequatscht. Es war sehr lustig zu sehen, wie freund­lich die Spieler mit­ein­ander umgingen. Viele Spieler kannten sich unter­ein­ander, es war fast so, als wenn man auf einen Muffin im Café wartet und nicht auf das Finale einer Welt­meis­ter­schaft.