Seite 2: „... und das war´s dann!“

In der Europa League gab es in dieser Saison das Expe­ri­ment mit zwei soge­nannten »Addi­tional Assi­stant Refe­rees«, die vor allem das Tor und den Tor­raum beob­achten sollten. Hat sich das aus Ihrer Sicht bewährt?
Ich habe mit meh­reren Schieds­rich­tern gespro­chen, die bei dem Expe­ri­ment mit­ge­macht haben. Deren Ein­druck war, dass man eine bes­sere Kon­trolle über den Straf­raum hat, und das ist nun mal der wich­tigste Teil des Spiel­felds. Vor allem bei Ecken und Frei­stößen befinden sich manchmal sechs oder sieben Spie­ler­paare im Straf­raum, auf die sich kein Schieds­richter gleich­zeitig kon­zen­trieren kann. Ein wei­terer Assis­tent im Straf­raum mit einem anderen Blick­winkel auf das Geschehen hilft also, aller­dings muss sich der Schieds­richter umstellen.

Inwie­fern?
Nor­ma­ler­weise ist der Laufweg eines Schieds­rich­ters dia­gonal ange­legt. Mit den beiden neuen Schieds­rich­tern dreht man aber etwa 25 Meter vor dem Tor ab und bildet so ein Dreieck mit dem Lini­en­richter an der rechten Seite und dem neuen Schieds­rich­ter­as­sis­tenten zur Linken im Straf­raum (siehe Zeich­nung, d. Red.). Es ist aber gar nicht so ein­fach, einen Laufweg zu ändern, an den man sich über Jahre gewöhnt hat. Des­halb hatten wir für die ent­schei­denden Spiele in der Europa League nur Schieds­richter aus­ge­wählt, die damit bereits Erfah­rung gemacht haben.

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Neue Lauf­wege”, gezeichnet von Pier­luigi Col­lina (Kuli auf Papier): Der Schieds­richter dreht etwa 25 Meter vor dem Tor ab und bildet ein Dreieck mit dem Lini­en­richter und dem neuen Kol­legen im Straf­raum.

Von Schieds­rich­tern wird immer eine klare Linie ver­langt. Im WM-Finale von 2002 haben Sie zwei Gelbe Karten gezeigt, eine in der 6. und eine in der 9. Minute …
… und das war´s dann!

Waren diese Ver­war­nungen Folgen eines Plans, am Anfang direkt hart durch­zu­greifen?
Nein, so funk­tio­niert das nicht. Man kann nicht will­kür­lich eine Grenze setzen, ohne zu wissen, was pas­sieren wird. Aber eine der Gelben Karten habe ich gezeigt, weil der Spieler mit aus­ge­fah­renem Ellen­bogen in den Zwei­kampf gegangen war. Das wie­derum war eine Cha­rak­te­ristik dieses Spie­lers (gemeint ist der Bra­si­lianer Roque Junior, d. Red). Wenn man das als Schieds­richter weiß, kann man sich auf dem Spiel­feld so in Posi­tion bringen, dass man besser mit­be­kommt, wenn er seinen Ellen­bogen unfair ein­setzt.

Im Film »Refe­rees at Work«, einer Doku­men­ta­tion über die Schieds­richter bei der letzten Euro­pa­meis­ter­schaft, gibt es eine Szene, in der der Schieds­rich­ter­as­sis­tent auf dem Weg in die Halb­zeit­pause auf der Sta­di­on­lein­wand sieht, dass seine Abseits­ent­schei­dung falsch und damit der Treffer regel­widrig war. Wie geht man als Unpar­tei­ischer mit einer sol­chen Situa­tion um?
Manchmal rea­li­siert man in der Halb­zeit auch ohne Fern­seh­bild, dass man einen Fehler gemacht hat, weil jemand darauf auf­merksam macht oder die Spieler ent­spre­chend reagieren. Es ist dann wirk­lich sehr schwierig, den Fehler aus­zu­blenden. Ich würde eine Par­al­lele zu den Fuß­ball­spie­lern ziehen: Wenn ein Stürmer zu Beginn eines Spiels eine klare Tor­mög­lich­keit ver­gibt und ihr in Gedanken hin­ter­her­hängt, ist das Spiel für ihn gelaufen.

Der Schieds­richter könnte aber, anders als der Stürmer, seinen Fehler durch einen wei­teren zugunsten des benach­tei­ligten Teams aus­glei­chen. Mathe­ma­tisch gesehen bedeutet Minus mal Minus gleich Plus.
Aber die Arbeit eines Schieds­rich­ters hat nichts mit Mathe­matik zu tun, oder wenn über­haupt als Addi­tion: 1 + 1 = zwei Fehler. Als mensch­li­ches Wesen ver­sucht man immer, ein Gleich­ge­wicht her­zu­stellen. Wenn man etwas falsch macht, ver­sucht man, das zu kom­pen­sieren. Aber der Schieds­richter hat nur eine ein­zige Option: Ver­gessen, was man falsch gemacht hat und nach vorne schauen.

Wird es bei der Welt­meis­ter­schaft wäh­rend der Halb­zeit­pause in sol­chen Situa­tionen ein Feed­back für die Schieds­richter durch ihre Betreuer geben?
Nein, aber wenn ich Trainer oder Aus­bilder eines Schieds­rich­ters bin, warum sollte ich in der Halb­zeit nicht etwas sagen dürfen? Es gibt Mann­schaften, die eine arm­se­lige erste Halb­zeit spielen und ihre Leis­tung im zweiten Durch­gang dann her­um­reißen, weil der Trainer in der Halb­zeit­pause neue Anwei­sungen gibt, Ver­än­de­rungen vor­nimmt und viel­leicht die Spieler neu moti­viert. Ich bin inzwi­schen Mit­glied des UEFA-Schieds­richter-Komi­tees und schaue mir Spiele an. Wenn ich denke, dass die Leis­tung des Schieds­rich­ters besser sein könnte, wenn er etwas ver­än­dert, warum sollte ich dann bis zum Ende des Spiels warten, um diese Infor­ma­tionen wei­ter­zu­geben? Als Pro­vo­ka­tion würde ich sagen: Ich sehe nichts Fal­sches daran. Ich weiß aber nicht, ob so ein Vor­schlag bei den Ver­bänden akzep­tiert würde.