In der Saison 1991/92 spielten wir den ›Fuß­ball 2000‹: aggres­sives Pres­sing, extreme Ball­si­cher­heit und tolle Kom­bi­na­tionen. Dieses Kon­zept brachte Dra­goslav Ste­pa­novic mit, als er das Amt des Chef­trai­ners von Jörg Berger über­nahm. Er gab uns durch seine Art, mit uns zu reden und uns spielen zu lassen, ein unheim­lich gutes Gefühl.



Leider kamen wir am vor­letzten Spieltag etwas aus dem Tritt und schafften zu Hause gegen die Bremer nur ein 2:2 – und das, obwohl die gerade den Euro­pa­pokal der Pokal­sieger gewonnen hatten und immer noch besoffen waren. So gingen wir punkt­gleich mit Dort­mund und Stutt­gart ins letzte Spiel. Wir mussten in Ros­tock ran und waren absolut sie­ges­ge­wiss, obwohl die Hansa stark abstiegs­ge­fährdet war und eben­falls gewinnen musste. Stepi hat uns in der Kabine auf seine typi­sche Zam­pano-Art noch mal so richtig heiß gemacht. Da war es auch egal, als wir hörten, dass Dort­mund schon nach acht Minuten in Duis­burg führte.

Wir stürmten und stürmten – aber das Tor war wie ver­na­gelt. Trotzdem war es für mich nur eine Frage der Zeit, bis wir treffen würden. Doch in der zweiten Hälfte ging Ros­tock in Füh­rung. Das war ein Stich ins Herz. Gerade als Defen­siv­mann hält man das schwer aus, weil man wenige Gele­gen­heiten hat, das Ergebnis zu kor­ri­gieren. Axel Kruse war es, der den Aus­gleich schaffte. Da war die Meis­ter­schaft wieder zum Greifen nah. Nur ein ein­ziges Tor fehlte uns.

In der 76 Minute kam es dann zu der Szene, die ich nie ver­gessen werde und die die Geschichte der Ein­tracht maß­geb­lich beein­flusst hat: Tony Yeboah spielte Ralf Weber frei, der lief allein auf das Tor zu. Er konnte sich die Ecke aus­su­chen, doch dann zog ihm Stefan Böger von hinten die Beine weg. Der klarste Elf­meter, den ich je gesehen habe! Doch Schieds­richter Alfons Berg aus Konz ent­schied auf Abstoß! Was für eine Fehl­ent­schei­dung!

Ralf Weber packte die blanke Wut, er wollte den Schiri ver­prü­geln. Nur mit großem Kraft­auf­wand konnte ich ihn daran hin­dern. Es waren ja noch 15 Minuten zu spielen. Wir rannten an wie die Ver­rückten, trafen mehr­mals den Pfosten, ein Tor von Lothar Sippel wurde sogar noch aberkannt, aller­dings zu Recht. Je näher der Schluss­pfiff rückte, desto näher waren wir dem Ner­ven­zu­sam­men­bruch.

Und in der 92. Minute liefen wir auch noch in einen Konter und kas­sierten das 1:2. Mit einem Mal war alles vorbei, die Meis­ter­schaft, das schöne Spiel, der ›Fuß­ball 2000‹. Es war, als wären wir gestorben. Ralf Weber lief sofort wieder Amok und zer­trüm­merte noch eine Fern­seh­ka­mera. Im Ost­see­sta­dion herrschte End­zeit­stim­mung, Ros­tock war trotz des Sieges abge­stiegen. Ich war leer. An die Ansprache unseres Kapi­täns Uli Stein hin­terher in der Kabine kann ich mich nur noch dunkel erin­nern.

Er hat uns Mut gemacht, dass wir im nächsten Jahr tri­um­phieren würden. Im Bus nach Hause legte er ›The Show Must Go On‹ von Queen auf. Das hat ein biss­chen geholfen, so wie auch die halbe Fla­sche Wodka, die ich sofort trank, als wir beim Ban­kett in Frank­furt ankamen. Die meisten waren besoffen, und wir konnten sogar auch schon wieder lachen.
Und als uns am nächsten Morgen 5000 Fans auf dem Römer fei­erten, waren wir alle sehr gerührt. Den­noch war diese Nie­der­lage in Ros­tock die bit­terste Stunde meiner Kar­riere. Sie hat für die ganze Ein­tracht eine gol­dene Ära ver­hin­dert. Der Verein wäre später nie­mals abge­stiegen, wenn wir damals gewonnen hätten.“