Herr Cas­illas, im Sommer haben Sie mit der spa­ni­schen Natio­nalelf die EM gewonnen. Es war der erste inter­na­tio­nale Titel für Spa­nien nach 34 Jahren der Frus­tra­tion. Ist es nicht seltsam, plötz­lich mit einem Erfolg der Natio­nalelf im Rücken in eine Saison zu starten?

Es ist unge­mein bele­bend! Was ich bisher ver­spürt habe, nicht zuletzt bei unseren ersten Spielen mit der Natio­nalelf, das sind die enormen Hoff­nungen, die wir bei den Men­schen im Land geweckt haben. Dieser EM-Titel war ja umso wich­tiger, als die sel­ección in Spa­nien regel­mäßig große Illu­sionen geweckt hat, auf die dann ebenso regel­mäßig die Des­il­lu­sion folgte. Nur so erklärt sich auch die Art, wie der Titel gefeiert wurde – ein­malig, das geht mir immer noch unter die Haut.



Haben Sie sich in den Jahren der Des­il­lu­sion je gefragt, warum spa­ni­sche Klubs inter­na­tional Tri­umphe erzielten, die Natio­nalelf aber stets schei­terte?

Oh ja. Sehr oft sogar. Da spielte alles Mög­liche mit hinein. Zum Bei­spiel, dass die Klub­teams uni­ver­sale Aus­wahl­mann­schaften waren. Nehmen Sie unsere Mann­schaft bei Real Madrid von vor ein paar Jahren, da waren die besten Spieler der Welt ver­sam­melt. Zidane aus Frank­reich, Beckham aus Eng­land… Für die anderen Natio­nal­mann­schaften hat sich das dagegen durchaus aus­ge­zahlt, dass ihre Spieler in harten, wett­be­werbs­starken Ligen beschäf­tigt waren. Von uns sind aber jetzt auch wich­tige Spieler im Aus­land. Torres, Reina und Xabi Alonso in Liver­pool, Fabregas bei Arsenal, sie alle haben einen Schritt nach vorn gemacht und Erfah­rungen gesam­melt, von denen wir nun pro­fi­tieren.

Und doch kann man den Ein­druck gewinnen, als seien die Kom­plexe noch nicht ganz besei­tigt. Einer der bren­nendsten Zweifel vor der nun begin­nenden Cham­pions-League-Saison ist, ob das Fuß­ball-Land Spa­nien nicht doch Eng­land hin­ter­her­hinkt. Wie kommt das?

Die Cham­pions League ist in den ver­gan­genen Jahren nun mal von eng­li­schen Mann­schaften regiert worden. Da ist gut nach­voll­ziehbar, dass der Ein­druck ent­stehen kann, Eng­land sei Spa­nien etwas voraus.

Trifft das denn zu?

Die Cham­pions League ist ein Grad­messer für die Stärke der Ligen. Aber sie sagt nicht auto­ma­tisch etwas über die Hier­ar­chie von Fuß­bal­lern aus.


Auf der nächsten Seite: Wer sind diesmal Ihre Cham­pions-League-Favo­riten, Herr Cas­illas?
In diesem Sommer hat sich eine Neue­rung ergeben, die den Vor­sprung der Pre­mier League womög­lich aus­baut. Man­chester City wurde von ara­bi­schen Scheichs gekauft, die heftig inves­tieren wollen. Müssen da die anderen Klubs resi­gnieren?

Wer das Geld hat, hat die Macht. Ich habe das Gefühl, dass der Fuß­ball immer mehr der ame­ri­ka­ni­schen Bas­ket­ball-Liga NBA ähnelt. Vielen Leuten, die auch viel Geld hin­ein­pumpen können, gefällt der Fuß­ball. Die Sta­dien werden, noch mehr als jetzt, Multis gehören. Wohin das führt? Keine Ahnung.

Zur Ver­zer­rung des Wett­be­werbs?

Muss das so sein? Viel­leicht pen­delt es sich ein, wie es sich auch in der NBA ein­pen­delt. Da gibt es ja auch Trans­fer­be­we­gungen, und am Ende haben alle Mann­schaften mehr Geld als zuvor.

In Deutsch­land ist der Ein­druck ent­standen, dass der Cham­pions-League-Titel für Bun­des­li­gisten uner­reichbar geworden ist. Felix Magath klagte, die Liga sei nicht kon­kur­renz­fähig mit den anderen großen Ligen und werde es in abseh­barer Zeit auch nicht sein.

Natür­lich ist es mit Geld ein­fa­cher, ein Team zu bauen. Aber Bayern Mün­chens letzter Tri­umph ist nicht so lange her (2001/​d. Red.), und Dort­mund hat sie 1997 auch gewonnen…

Wer sind diesmal Ihre Favo­riten?

Wir, Real Madrid. Und Man­chester United wird als Titel­ver­tei­diger eine große Rolle spielen.

Sehen Sie: deut­sche Mann­schaften nennen Sie nicht.

Uff… Ich würde gerne eine nennen. Und ich will auch gerne hoffen, dass ich mich täu­sche… Ach, was sag ich da! Natür­lich würde ich mich nicht täu­schen wollen, gewinnen will das Ding immer noch ich! Aber von mir aus kann gern eine deut­sche Elf im Finale stehen.


Auf der nächsten Seite: Welche Rolle spielt Real-Trainer Bernd Schuster?
Für Real Madrid ist die Cham­pions League…?

…der Refe­renz-Wett­be­werb, ganz klar. Wie für den AC Milan. Wir, Real Madrid, haben die Hege­monie in Spa­nien zurück­ge­wonnen. Der FC Bar­ce­lona hatte hier zwei Meis­ter­schaften hin­ter­ein­ander gewonnen, das haben wir jetzt auch geschafft. Aber wahr ist: Es wird Zeit, dass wir den Respekt zurück­er­obern, der uns außer­halb Spa­niens jah­re­lang ent­ge­gen­ge­bracht wurde.

Von außen wirkt es, als lecke sich Real die Wunden. Die Ver­suche, die Mann­schaft zu ver­stärken – Cris­tiano Ronaldo, Villa, Cazorla -, schlugen alle fehl.

Kann sein, dass das so wirkt. Aber: Abwarten. Bis Weih­nachten ist noch Zeit, um Fehler oder Tugenden des Kaders zu ana­ly­sieren. Der Kader ist auf jeden Fall aus­ge­gli­chen. Wir dürfen auch nicht ver­gessen, dass voriges Jahr viele Spieler neu waren und dass wir den­noch die Meis­ter­schaft gewonnen haben.

Sie hatten einen Sommer voller Lärm. Die Gerüchte um die Ver­pflich­tung von Man­ches­ters Cris­tiano Ronaldo, der tumul­töse Abschied von Robinho. Hat das die Vor­be­rei­tung gestört?

Stören ist das fal­sche Wort. Ermüden trifft es eher. Denn wenn die ganze Zeit aus­schließ­lich über ein und das­selbe Thema geredet wird, als gäbe es nichts Wich­ti­geres, macht das schon mürbe. Ich kenne Ronaldo nicht, aber in meinen Augen hätte er sich viel früher erklären können. Er hat geschwiegen, alles ein­fach laufen lassen, und am Ende hat er alle in Schwie­rig­keiten gebracht: sich selbst, Real Madrid, Man­chester ebenso.

Trauern Sie Robinho nach?

Er hat gesagt, dass er nicht mehr bei Real spielen will. Und wenn einer nicht bei Real spielen will, macht man die Tür auf, damit er gehen kann.

Ver­gan­gene Saison haben Sie die Ricardo-Zamora-Tro­phäe gewonnen. Sie wird dem Tor­wart über­reicht, der die wenigsten Gegen­tore in einer Saison kas­siert – das haben Sie zuvor noch nie geschafft. Wie konnte das pas­sieren?

Wir haben uns defensiv sehr gut ver­stärkt. Wir hatten eine gute Abwehr, mit Spie­lern wie Can­na­varo und Sergio Ramos, dazu kamen dann Leute wie Pepe, Met­zelder, Heinze, Spieler für die Außen­po­si­tionen… Ganz zu schweigen von der Defen­siv­ar­beit Diarras und Gagos, Mit­tel­feld-Leuten also, die sich ver­pflichtet fühlen, zu ver­tei­digen.

Welche Rolle spielt in dieser Hin­sicht der Trainer Bernd Schuster?

Der Míster achtet schon sehr auf die Defen­sive. Ins­be­son­dere, was die Ver­tei­di­gung bei Stan­dard­si­tua­tionen anbe­langt. Aber er spielt vor­dring­lich auf Angriff. Ich bin im übrigen einer der­je­nigen, die meinen, dass wir letzte Saison richtig guten Fuß­ball gespielt haben.

Mit Schuster fühlen Sie sich wohl?

Der Míster? Phä­no­menal. Er wirkt viel­leicht manchmal etwas ernst und lacht nicht so viel. Aber er ist eine groß­ar­tige Person.

Wer war Ihr Vor­bild als Tor­wart?

Peter Schmei­chel. Seit ich denken kann, habe ich zu ihm auf­ge­schaut. Vor allem wegen der EM, die er 1992 mit Däne­mark gewonnen hat.

Vor einigen Jahren sagten Sie, kaum ein Tor­wart habe Ihnen mehr bei­gebracht als: Bodo Ill­gner.

Ja. Für ihn ist es damals bestimmt nicht ein­fach gewesen, dass ein 18-Jäh­riger wie ich daher­kommt und ihn bei Real aus dem Tor ver­drängt. Ich kam damals in die erste Elf, weil er mit vielen Ver­let­zungen zu kämpfen hatte. Aber er war immer sehr kor­rekt, sehr normal zu mir. Sehr pro­fes­sio­nell.


Auf der nächsten Seite: Was dem Fuß­ball durch Oliver Kahns Abschied ver­loren geht.
Was defi­niert den Tor­wart einer großen Mann­schaft?

Die Per­sön­lich­keit.

Und die kann man sich aneignen?

Ich glaube, die hat man. Mit Per­sön­lich­keit meine ich nicht, her­um­zu­schreien und her­um­zu­fuch­teln. Kalt und ruhig zu sein, kann bei einem Tor­wart genau so wichtig sein. Ruhe und Per­sön­lich­keit müssen bei einem Tor­wart Hand in Hand gehen.

Was geht dem Fuß­ball durch Oliver Kahns Abschied ver­loren?

Das Exempel eines Füh­rungs­spie­lers. Mich inter­es­siert nicht, wie er außer­halb des Platzes gewesen ist. Ein gebo­rener Leader und ein Rie­sen­tor­wart.

Spa­nien gilt als Tor­wart­land, Deutsch­land ebenso. Inwie­fern unter­scheiden sie sich?

In den Gesten. Jeder hat seine Wesensart. Die argen­ti­ni­schen Tor­hüter haben eine sehr beson­dere Art, den Ball abzu­schlagen. Was mir bei den deut­schen Tor­hü­tern immer auf­fällt, ist diese klas­si­sche Volte, dieses Sich-Abrollen, wenn sie den Ball fangen…

…sowie einst der Bremer Tim Wiese im Spiel gegen Juventus, als ihm der Ball wieder raus­rutschte?

Exakt. Das machen wir weniger. Wir legen mehr Wert auf das Stel­lungs­spiel, sind dadurch viel­leicht weniger spek­ta­kulär als andere.

Ihr Hei­matort Mós­toles vor den Toren Madrids hat eine Initia­tive ins Leben gerufen, damit Sie end­lich zu Europas Fuß­baller des Jahres aus­ge­rufen werden. Sie scheinen nicht daran zu glauben. Warum eigent­lich nicht?

Ich habe die Hoff­nung auf diesen Titel noch nicht auf­ge­geben. Vamos, nichts würde mir lieber gefallen!

Sie haben sich jüngst aber sehr pes­si­mis­tisch geäu­ßert.

Es ist ein­fach so, dass bei diesen Wahlen oft nicht der Gerech­tig­keit Genüge getan wird. Manchmal zählen das Mar­ke­ting und das Spek­takel mehr als die Leis­tungen eines Spie­lers über den Zeit­raum einer ganzen Saison.

Fakt ist: Der ein­zige Tor­wart, der diesen Titel jemals gewonnen hat, war die sowje­ti­sche Tor­wart­le­gende Lew Yashin. Und das liegt nun auch schon wieder über 40 Jahre zurück.

Wenn ein Tor­wart den Titel wirk­lich ver­dient, dann wird er ihn auch kriegen. Aber tra­di­tio­nell stehen bei diesen Wahlen eben die im Fokus, die Tore schießen. Die Bedeu­tung der­je­nigen, die hinter den Stür­mern agieren, wird leider weniger wahr­ge­nommen. Ande­rer­seits wird dem Tor­wart im Spiel eine immer grö­ßere Bedeu­tung zuteil. Seit zehn Jahren wird ihm eher die Rolle des Haupt­dar­steller zuer­kannt, weil er an der Spiel­eröff­nung teil­nimmt, weil er durch Rück­gaben ins Geschehen ein­ge­bunden wird.

Von Ihnen stammt der legen­däre Satz: »Ich bin kein Galác­tico. Ich bin aus Mós­toles.«

Ich bereue diesen Satz nicht. Damals nannte man uns Galác­ticos, das hat uns geschadet. Das wurde gegen uns ver­wendet. Da gab es plötz­lich einen Mangel an Nähe, es war eine Bar­riere zwi­schen den Fans und uns. Es war, als wären wir Götter.