Seite 3: „Die Entwicklung der Ablösesummen finde ich krass“

Auf Ihrem Nacht­tisch liegen Zettel und Blei­stift, damit Sie jeder­zeit Dinge notieren können, die Ihnen nachts zum Job ein­fallen. Was steht da aktuell denn so drauf?
Ver­schie­denes.

Geht das auch kon­kreter?
Bei­spiels­weise Trai­nings­formen, die wir drin­gend umsetzen müssen. Oder Beob­ach­tungen, die ich im Spiel gemacht habe, die mir aber nicht im ersten Moment bewusst wurden. Wenn der Schiri abpfeift, pras­seln so viele Dinge auf einen Trainer ein, dass ich auf die Schnelle auch mal etwas ver­gesse. Wenn mir dann nachts dazu ein Gedanke kommt, schreibe ich ihn mir auf.

Und manchmal wun­dern Sie sich mor­gens, was Sie da für einen Quatsch notiert haben? 
Ein Trainer muss in der Lage sein, sich selbst zu reflek­tieren. Manchmal gehe ich mit einem sehr schlechten Gefühl aus einem Spiel und teile der Mann­schaft mit, was mir miss­fallen hat. Dann aber erkenne ich im Video­stu­dium, dass vieles gar nicht so schlecht war, wie ich es anfäng­lich gesehen habe. Da muss ich auch in der Lage sein, es beim Team richtig zu stellen.

Am Ende Ihrer aktiven Lauf­bahn wech­selten Sie aus Bremen zum FC Toronto, wo Sie sich nahezu uner­kannt in der Öffent­lich­keit bewegen konnten. Sie sagten damals: In Kanada habe ich gelernt, wieder Mensch zu sein.“
Als Natio­nal­spieler wird dein Arsch ziem­lich gepu­dert. Als ich auch bei Welt- und Euro­pa­meis­ter­schaften gespielt hatte, war der Hype riesig. Wenn ich ins Restau­rant ging, bekam ich immer einen Tisch, selbst wenn das Lokal aus­ge­bucht war. Vor der Disco mar­schierte ich an der Schlange vorbei und winkte nur kurz dem Tür­steher zu. Fuß­ball­profis werden hier­zu­lande wie auf einer Sänfte getragen. In Toronto haben sich alle im Verein und die Fans gefreut, dass ein großer Name aus Europa kommt, aber dort pas­sierte es eben auch, dass ich nicht in die Disco kam, weil ich Sneaker trug oder ein Restau­rant keinen Platz mehr für mich hatte. Da musste ich erkennen, was wir Fuß­baller für kleine Lichter sind. In Kanada stehen Eis­ho­ckey­spieler viel höher im Kurs. Das hat mir gut getan.

Fiel es Ihnen des­halb leichter, sich auf die eher pro­vi­so­ri­schen Bedin­gungen in Darm­stadt umzu­stellen? Darm­stadt 98 ist zwei­fellos ein krasses Bei­spiel. Fast alle Pro­fi­ver­eine haben zwei, drei Jahr­zehnte Vor­sprung vor uns, was die Struk­turen anbe­trifft, weil wir so lange nicht im bezahlten Fuß­ball gespielt haben. Aber wir nähern uns langsam wieder an dieses Niveau an: Wir bekommen ein neues Sta­dion, neue Kabinen, alles Darm­stadt-like und den Umständen ange­messen.

Wie stehen Sie ange­sichts dieser Lage zum frei­dre­henden Kapi­ta­lismus im Pro­fi­fuß­ball?
Die Ent­wick­lung der Ablö­se­summen finde ich krass. Das Ver­rückte daran ist, dass der Markt solche Summen offenbar her­gibt. Den Scheich in Paris juckt es doch gar nicht, was er aus­gibt.