Nein, ich bin kein Fan von Borussia Dort­mund. Manchmal gefällt mir der Fuß­ball, den sie spielen, ganz gut, aber Fan, das wäre wirk­lich zu viel gesagt. Ich bin auch kein beson­ders enga­gierter Sport­pa­triot. Wenn zum Bei­spiel die deut­sche Elf bei einer WM oder EM ins Gras beißt, weine ich keine Kro­ko­dils­tränen, son­dern schüttle mich einmal kurz, und das Leben geht weiter.

So begab es sich, dass ich am 9. April 2013 in recht milder und unauf­ge­regter Stim­mung in eine Bar in Madrid ging, um das Rück­spiel im Cham­pions-League-Vier­tel­fi­nale zwi­schen dem BVB und dem FC Malaga zu ver­folgen. Dort­mund hatte die Todes­gruppe mit Real Madrid, Man­chester City und Ajax Ams­terdam über­standen, im Ach­tel­fi­nale Schachtjor Donezk aus dem Wett­be­werb geke­gelt und war nun gegen Malaga nach einem 0:0 aus­wärts im Hin­spiel klarer Favorit.

Das Leben war ein langer, zäher Fluss

Das Inter­esse des Madrider Publi­kums an diesem Spiel hielt sich in Grenzen, wenn man von einigen im Raum ver­streuten Exil-Anda­lu­siern mal absah. Die sonst so spiel­starken Dort­munder taten sich an diesem Tag schwer. Zur Halb­zeit stand es 1:1, was bedeu­tete, dass der BVB auf jeden Fall noch ein Tor schießen musste, um nicht aus­zu­scheiden. In der zweiten Halb­zeit bela­gerten die Schwarz-Gelben per­ma­nent den geg­ne­ri­schen Straf­raum, doch ihr Angriff­spiel stockte und das Leben war ein langer, zäher Fluss. Den Anda­lu­siern neben uns gefiel das ganz gut, sie aßen, tranken und wurden mit jeder Minute eupho­ri­scher.

Viel­leicht lag es daran, dass das ver­meint­lich ent­schei­dende 2:1 für Malaga abseits war, viel­leicht auch daran, dass sich in die Hei­ter­keit des malag­a­freund­li­chen Tisches etwas zuneh­mend Über­heb­li­ches mischte: Jeden­falls gefiel es mir nicht, dass für Dort­mund an diesem Abend alles so schnöde zu Ende gehen sollte. Ich schimpfte, als ein Spa­nier mit dem Ball zur Eck­fahne ging. Ich trieb die Dort­munder Spieler an, als sie den Spa­nier an der Eck­fahne zu Klein­holz ver­ar­beitet hatten. Und als zu Beginn der Nach­spiel­zeit Marco Reus zumin­dest der Aus­gleich gelang (der zum Wei­ter­kommen frei­lich nicht gereicht hätte), da sprang ich auf, rief ver­nehm­lich Jawoll“ und stieß die Faust in die Luft.

Kir­schneck packte die Säge aus: TOR!!!“

Ein sehr schlichter Jubel in der Old-School-Vari­ante, der in der Bar aber nicht unbe­merkt blieb. Meh­rere neu­trale Spa­nier schauten inter­es­siert her­über, als hätten sie gerade ein ver­meint­lich aus­ge­stor­benes Tier ent­deckt. Die Männer und Frauen am Anda­lu­sien-Tisch wirkten pikiert. Die Angst des chan­cen­losen Außen­sei­ters kehrte in ihre Blicke zurück, einige begannen zu hyper­ven­ti­lieren. Und Kir­schneck, der kam jetzt erst richtig in Fahrt, er brüllte, schimpfte und fuch­telte, und als Felipe San­tana den Ball zum 3:2 über die Linie sto­cherte, da sprang er auf, nahm Anlauf, setzte vor der anda­lu­si­schen Abtei­lung einen sau­beren Tele­mark und packte die Säge aus: TOR!!!“

Den Süd­spa­niern, vom Leben (oder zumin­dest vom Ver­lauf des Abends) ent­täuscht und nun auch noch pro­vo­ziert, fielen die Tapas aus dem Gesicht. Sie waren jetzt ernst­haft böse, eine Schlä­gerei lag in der Luft. Zum Glück wurde ich an diesem Punkt von meiner Bezugs­gruppe ein­ge­fangen und auf meinen Stuhl gesetzt. Dort rief ich noch einmal laut Ist doch wahr!“ und ver­hielt mich im wei­teren Ver­lauf unauf­fällig. Aber hätte mir in diesem Moment jemand einen BVB-Mit­glieds­an­trag unter die Nase gehalten, hätte ich wohl unter­schrieben.

Am nächsten Morgen war der Spuk zum Glück wieder vorbei.