Flo­rian Wei­chert, zu Beginn unseres Gesprächs die Stan­dard­frage: Wo haben Sie den Mau­er­fall erlebt?

Ich war zu Hause in Ros­tock, hatte Besuch von Freunden. Als der Besuch weg war, habe ich den Fern­seher ange­schaltet, es war schon nach Mit­ter­nacht und sah die ersten Bilder. Von denen die auf der Mauer tanzten und den ersten Grenz­gän­gern, die rüber wollten. Für mich war das ein skur­riles Bild, mit dem ich schlafen gegangen bin. Am nächsten Morgen bin ich ganz normal zum Trai­ning gefahren, aber schon da fehlten ein paar Spieler. Die waren schon in Rich­tung Grenze oder Berlin unter­wegs. Wir hatten am Wochen­ende spiel­frei, unser Trainer Werner Voigt gab uns frei.

Und Sie sind dann auch in den Westen gefahren?

Ja, aber bei den nor­malen Grenz­über­gängen waren so lange Staus, dass man not­ge­drungen pro­vi­so­ri­sche Grenz­über­gänge eröffnen musste. Bei Rat­ze­burg zum Bei­spiel, da ging es halb über den Acker. Ich war mit dem Trabbi meiner Eltern und meiner Frau unter­wegs und hab unser Begrü­ßungs­geld abge­holt. Den Sohn hatten wir bei Schwie­ger­el­tern gelassen. In Lübeck haben wir ihm von unserem Geld ein Kuschel­tier gekauft. Ich glaube, das war ein Affe. 

Habt Sie in der Kabine eigent­lich über die Option Bun­des­liga oder die Zukunft der DDR-Ober­liga gespro­chen?

Dazu muss man sagen, dass die Wende auf poli­ti­scher Ebene zwar rasant voran ging, es im Fuß­ball aber deut­lich länger dau­erte. Der gewiefte Pischke holte im Sommer 1990 schon Uwe Rein­ders als Trainer. Da war ich positiv geschockt. Die erste Sit­zung mit Rein­ders als Trainer werde ich mein Leben lang nicht ver­gessen. 30 Grad im Sommer, wir saßen in unserer Kan­tine, er kam rein und hat eine Rede geschwungen, sein Hemd war nass geschwitzt. Und wir, die über Jahre um Platz sechs oder sieben gespielt hatte, die nie Ambi­tionen auf den Titel hatten, saßen da. Er guckt uns an uns sagt: Jungs, ich will zwei Sachen von euch. Ers­tens, wir werden Meister, zwei­tens, wir werden Pokal­sieger. Ich habe mich in dem Moment gefragt, ob der viel­leicht wahn­sinnig ist. 

Was hat Rein­ders gemacht, dass aus dem Mit­tel­feld-Anwärter Hansa Ros­tock eine Meis­ter­mann­schaft wurde?


Es war die grund­le­gende Über­zeu­gung des Trai­ners, dass wir jede Mann­schaft schlagen können. Das hat er uns von der ersten bis zur letzten Minute ein­ge­impft. Er hat uns anders auf die Spiele vor­be­reitet. Rein­ders hat uns keine Angst vor dem Gegner gemacht, son­dern nur die Auf­stel­lung ver­lesen und bestimmt, wer die Stan­dards aus­führt. All das hat uns eupho­ri­siert. Es war, als hätte man elf Wilde ein­fach mal los­ge­lassen. 

Ihre Mann­schaft hatte auch das Glück, dass Ihnen nicht wie in Dresden die Stars weg­ge­kauft wurden.

Für Ros­tock hat sich vorher kein Mensch inter­es­siert, das hat sch erst mit Uwe Rein­ders geän­dert. Dass Andreas Thom vier Wochen nach dem Mau­er­fall schon weg war, hat mich nicht über­rascht. Er war der Top­spieler. Ich habe eher erwartet, dass noch andere so schnell gehen. Die Wechsel von Mat­thias Sammer und Ulf Kirsten haben sich dann ja noch bis zum Sommer hin­ge­zogen.

Was hat sich ansonsten noch für Sie ver­än­dert?

Wir Fuß­baller waren ja inof­fi­zi­elle Profis, ich zum Bei­spiel war Ange­stellter im Kom­binat für See­ver­kehr und Hafen­wirt­schaft, ich war gelernter KFZ-Schlosser und habe nebenbei stu­diert. Die Sicher­heit, nach der aktiven Kar­riere in den Betrieb über­gehen zu können, war plötz­lich weg. Wir wurden zum 30. Juni 1990 aus dem Betrieb aus­ge­glie­dert und waren auf ein Mal Ver­trags­spieler des Ver­eins, bekamen mehr Geld und vor allem D‑Mark. Damit waren wir aber auch von jetzt auf gleich für unseren eigenen Lebens­stan­dard und die Zukunft zuständig. Ich gehörte bei Hansa zur jungen Garde, war noch nicht mal Stamm­spieler. Von daher hatte ich mir keine großen Hoff­nungen gemacht, als die Ver­trags­ge­spräche los­gingen. Ich hab nur gehofft, dass ich bleiben darf. 

Den Ver­trag haben Sie dann doch bekommen.


Ja, sie wollten mich behalten und mein Gehalt war letzt­end­lich ohne Prä­mien schon dop­pelt so hoch wie vorher. Dann hat er gesagt: Wenn du den Ver­trag jetzt sofort unter­schreibst, geb ich dir noch bar was auf die Hand.“ Das Geld hat der Prä­si­dent vor mir auf den Tisch gelegt. Das habe ich dann natür­lich auch gemacht. So hat Pischke uns eigent­lich alle bekommen. Nach dem Wochen­ende kamen wir mit neuen, meist gebrauchten, Autos zurück. Ich auch, mit einem Peu­geot 309 mit Flies­deck. An den Autos konn­test du ablesen, wer dem Verein wie viel wert war. 

Hatten Sie zu diesem Zeit­punkt eigent­lich einen Berater?

Nein, aber ich habe viel mit Uwe Rein­ders gespro­chen. Ich hatte noch kein Telefon, und weiß noch wie ich zur Tele­fon­zelle gegangen bin, um Rein­ders um Rat zu fragen. Durch meine Tore habe ich schnell an Markt­wert gewonnen und als ich dann ein Telefon hatte, klin­gelte es eines Tages, meine Frau nahm ab und Uli Hoeneß war dran. Der hat dann mit seiner char­manten Art ver­sucht, ihr klar zu machen, dass es besser wäre, wenn ich in der kom­menden Saison beim FC Bayern spielen würde. Selbst die Frau vom Hoeneß hat ihr dann ver­sucht, ein Leben in Mün­chen schmack­haft zu machen. Aber die Bayern habe ich mir nicht zuge­traut. 

Statt­dessen sind Sie nach Ham­burg gewech­selt?

Die wollten mich schon zur Win­ter­pause und ich wollte ein­fach raus. Mich hat die zuneh­mende Zer­brö­cke­lung unserer Mann­schaft unzu­frieden gemacht. Auch wie man Rein­ders vom Hof jagte, passte mir gar nicht. Den Über­gang vom Kol­lektiv zur Mann­schaft haben wir nicht geschafft. 

Gab es einen Momente, in denen Sie sich als klas­si­scher Ossi“ im Westen vor­kamen?


Oh ja. Ich hatte einen Mus­kel­fa­ser­riss und Rein­ders hat mich zu einem Arzt in Nord­deutsch­land geschickt, bei dem auch viele Bun­des­li­ga­spieler in Behand­lung waren. Abends machte einer den Vor­schlag etwas von McDo­nalds zu holen. Wir sind gemeinsam mit dem Auto zum McDrive gefahren, ich hatte noch nie davon gehört. Wir standen also plötz­lich vor einer Gegen­sprech­an­lage und sollten unsere Bestel­lung abgeben. Das haben wir getan und gewartet. Und gewartet. Hinter uns bil­dete sich schon eine Schlange und wir wussten nicht, was wir machen sollten. Bis wir end­lich den armen Kerl sahen, der, mit unseren Tüten wedelnd, fast aus seinem kleinen Fenster fiel, um uns auf sich auf­merksam zu machen. Wir kamen uns vor wie die größten Idioten.