Jubel­ver­let­zungen
Stefan Knobi“ Kno­bloch war beim Fan­zine Über­steiger“ (Pseud­onym Käpt’n Braunbär“) und arbeitet heute für die Sport­schau“

Die Gegen­ge­rade war unend­li­cher Spaß! Nir­gendwo auf der Welt waren Bier­du­schen schöner, nir­gendwo habe ich mich trotz Knö­chel­tief-im-Schlamm-stehen wohler gefühlt als dort. Auch wenn es wieder wie aus Kübeln schüt­tete, schneite oder eis­kalter Wind wehte. Schließ­lich war man ja im Kreise von Gleich­ge­sinnten unter­wegs, mit denen man sich auch auf Demos traf, in Kneipen abhing oder Partys fei­erte. Gleich­ge­sinnte, von denen viele Freunde fürs Leben wurden. Mit Schre­cken erin­nere ich mich aber auch an einen Jubel auf dem Zaun, der fast zum Ver­lust meines linken Ring­fin­gers führte (Scheiß Toten­kopf­ring!), oder an einen dop­pelten Bän­der­riss im Sprung­ge­lenk beim Tor­jubel. Die gefähr­dungs­freie Nut­zung der bau­fäl­ligen Stufen war nicht immer mög­lich, diese beschis­senen Schlag­lö­cher auf den Rängen des maroden Sta­dions waren häufig gefähr­li­cher als jeder Pyro­tech­niker, der neben dir ein Freu­den­feuer mit Ben­galos ent­facht. Inzwi­schen bin ich auf den Sitz­plätzen der neuen Gegen­ge­rade. Man wird ja nicht jünger, und zwei Minuten vor Spiel­be­ginn seinen Platz ein­zu­nehmen und die per­fekte Sicht aufs Spiel­feld zu genießen, ist zwar etwas deka­denter, aber leider auch ganz schön geil.“

Chaos ohne Wie­der­ho­lung 
Michael Moses“ Arndt war Her­aus­geber des Punk­rock-Fan­zines ZAP“ und ist heute Arzt und Dreh­buch­autor

Der für mich größte Moment war das Spiel gegen den FC Hom­burg, meinen Hei­mat­klub, denn ich stamme aus dem Saar­land. Es war das letzte Zweit­li­ga­spiel in der Saison 1994/95. St. Pauli konnte in die Bun­des­liga auf­steigen, und wir führten auch bereits ganz klar 5:0, als nach einem Elf­me­ter­pfiff in der 87. Spiel­mi­nute das Spiel­feld gestürmt wurde. Es war eine Situa­tion wie beim Rele­ga­ti­ons­spiel For­tuna Düs­sel­dorf gegen Hertha BSC im letzten Jahr. Eine Tür ging auf, und 90 Pro­zent der Fans dachten, das wäre der Schluss­pfiff gewesen. Der Schieds­richter hat das Beste aus der chao­ti­schen Situa­tion gemacht. Er hat ein­fach behauptet, es sei der Schluss­pfiff gewesen, und ist vom Platz gegangen. Zehn Jahre später hat er im Aktu­ellen Sport­studio zuge­geben, dass der Elf­meter eigent­lich noch hätte aus­ge­führt werden müssen. St. Pauli ist auf­ge­stiegen, und es gab kein Wie­der­ho­lungs­spiel. Übri­gens habe ich noch einen Geheim­plan für die Zukunft: Wenn ich meine ersten Mil­lionen zusammen habe, möchte ich eine VIP-Loge auf St. Pauli haben. Dort werde ich die alte Gegen­ge­rade ori­gi­nal­ge­treu nach­bauen – mit schiefen Beton­platten, Sprink­ler­an­lage und dau­er­haften 11 Grad Cel­sius, Ham­burger Wetter halt. Dort kann man dann her­um­stehen und wird sich wie in einer Zeit­ma­schine fühlen. Drinnen die alte Fuß­ball­welt, draußen die neue.“

Der Sound für Mama und Papa
Jan Müller-Wiefel hat sich zwi­schen 1992 und 1998 im PiPa Millerntor“-Fanzine Gegen Ironie im Sta­dion“ ein­ge­setzt

Wenn die Fans um uns herum gegen das Well­blech­dach schlugen, ergab das einen super Sound. Meine Eltern waren davon derart fas­zi­niert, dass sie regel­mäßig Spiele außer­halb des Sta­dions ver­folgt haben. Sie hatten immer das Gefühl, alles mit­zu­kriegen, was drinnen pas­sierte. Einmal, vor einem Spiel gegen die Bayern, hat ihnen kurz vor Spiel­be­ginn ein älterer Herr zwei Sitz­platz­ti­ckets geschenkt – auf Höhe der Mit­tel­linie. Es stellte sich heraus, dass er seinen Geburtstag fei­erte und nicht die ganze Gesell­schaft erschienen war. Er hatte sogar drei Kästen Astra für seinen Freun­des­kreis orga­ni­siert. Meine Eltern haben einen Wahn­sinns-Fuß­ball­nach­mittag ver­bracht, aber nie her­aus­ge­funden, wie der edle Spender die Kisten ins Sta­dion bekommen hatte.“

Selbst in Braun-Weiss
Chris­tian Fiedler, Dau­er­kar­ten­be­sitzer, spielte von 1991 bis 2005 bei den 5. Herren“ des Kiez-Klubs

Die Gegen­ge­rade war nicht nur krea­tives Sam­mel­be­cken zur Unter­stüt­zung der 1. Mann­schaft. Sie inspi­rierte viele Fans, selbst dem Ball hin­terher zulaufen – natür­lich in Braun-Weiß. Ich schloss mich den ›5. Herren‹ des FC St. Pauli an. Die Profis waren zwar sport­lich gesehen Licht­jahre von uns ent­fernt, aber wir benutzten immerhin die­selben Umklei­de­ka­binen und trugen ihre abge­legten Tri­kot­sätze und Trai­nings­klei­dung. Unsere Spiel­tage fanden übli­cher­weise sonn­tags mor­gens statt, wenn die Geburts­stätte des ›Mythos Mill­erntor‹ ein men­schen­leerer Ort war. Massen von leeren Plas­tik­be­chern, übrig geblieben vom Bun­des­li­ga­spiel am Vortag, trieben im Wind. Der Geruch von schalem Bier mischte sich mit dem des scheinbar all­ge­gen­wär­tigen Urins. Aber auch ohne diese Würze strahlte das Sta­dion etwas Berüh­rendes für jeden aus, der hier sonst inmitten der Toi­let­ten­schlangen vor den Con­tai­ner­klos auf den Beginn des Liga­spiels hin­fie­berte. Begleitet von deinen Mit- und Gegen­spie­lern, dem Geräusch der kla­ckenden Stollen und der prel­lenden Bälle auf buck­ligem Asphalt, schritt man die 150 Meter ab, spürte das fri­sche Trikot auf der Haut, das trotz par­fü­mierten Wasch­mit­tels den muf­figen Schweiß­ge­ruch der Tri­kott­asche nicht völlig abge­legt hatte. Man dachte an das Heim­spiel der Profis, hörte wie aus der Ferne den berühmten ›Mill­erntor Roar‹ – erin­nerte sich an dieses ein­zig­ar­tige Geräusch: den Tor­schrei aus tau­senden Kehlen, eruptiv und doch nur scheinbar zugleich aus­ge­stoßen. Man hörte ihn wie in Zeit­lupe an- und wieder abschwellen. Wer diesen Weg damals Woche für Woche gegangen ist, wird dieses beson­dere Gefühl nie mehr im Leben ver­gessen: Mehr Fuß­ball geht nicht!“

Weg vom Anti-Trainer
Hen­drik Lüttmer war früher im Fan­laden, danach Fan­be­auf­tragter, heute küm­mert er sich ums Mer­chan­di­sing des Klubs

Wir waren 1995 zu den Ama­teuren abge­wan­dert, weil uns bei den Profis einiges störte, vor allem Prä­si­dent Heinz Wei­sener und Trainer Uli Maslo. Wei­sener küm­merte sich nicht um den Nach­wuchs, und Maslo war der größt­mög­liche Anti-Trainer, den es auf St. Pauli geben konnte. Als er ins Aktu­elle Sport­studio ein­ge­laden war, sagte er sogar, er sei stolz, ein Deut­scher zu sein, und wurde dadurch zur Per­sona non grata. In dem neuen Umfeld bei den Ama­teuren ent­standen viele skur­rile, selbst gedich­tete Songs. Berühmt war der ›Ama­teur Inst­ructor Song‹. Ich habe damals selbst auf dem Zaun gesessen und vor­ge­sungen: ›Wer spielt in Braun und Weiß?‹ Die Gegen­ge­rade ant­wor­tete: ›Ohne Uli‹. Im Gegen­satz zu den heu­tigen Ultras lief das aber wenig geordnet ab, eher anar­chisch. Und nach dem Spiel ging es immer in die nahe Fan­kneipe ›Zum letzten Pfennig‹ – zum Fan­talk. Da stellten sich Spieler der 2. Mann­schaft auf Bier­kisten und wurden von den Fans befragt.“

Kom­mando Eisen­säge 
Dagmar Gri­go­leit wurde nach 15 Jahren auf der Gegen­ge­rade zur Sta­di­on­füh­rerin und Sta­di­on­spre­cherin

Als wir 2001 wieder mal in die Bun­des­liga auf­ge­stiegen sind, haben wir von unseren Plätzen plötz­lich das linke Tor nicht mehr sehen können. Schuld war eine neue Block-Beschil­de­rung, die der Fuß­ball­ver­band ein­ge­for­dert hatte. Wir fragten auf der Geschäfts­stelle nach und irgendein Prak­ti­kant sagte sinn­gemäß: ›Wenn euch das stört, dann macht das doch ab.‹ Gesagt, getan: Wir sind in der Nacht vor dem nächsten Spiel über den Zaun geklet­tert. Zwei haben das Schild mit einer Eisen­säge abge­sägt, zwei haben Schmiere gestanden. Das Sägen konnte man bestimmt bis zu den Lan­dungs­brü­cken hören, es hat uns aber nie­mand erwischt. Das abge­sägte Schild haben wir durch ein klei­neres ersetzt, und einen Spieltag später ersetzte der Klub die Schilder überall. Wir haben unser Geheimnis bis heute nicht ver­raten. Inzwi­schen sollte das aber ver­jährt sein, oder?“

Freude Schöner Göt­ter­funken 
Bas­tian Pöhls, 32, ist heute Regio­nal­re­porter von Sat.1

Ich bin als 14-Jäh­riger immer aus Bad Bramstedt andert­halb Stunden mit der S‑Bahn ans Mill­erntor gefahren. In unserem Fan­klub mit dem klang­vollen Namen ›Cha­os­frak­tion‹ war übri­gens auch der heu­tige Mann­schafts­ka­pitän Fabian Boll. Zunächst gingen wir in die Nord­kurve und wech­selten 1997/98 in die neu ein­ge­rich­tete ›Sin­ging Area‹ auf der Gegen­ge­rade. Dort wurde genau dar­über nach­ge­dacht, was man abson­derte. Gegner wurden nicht mit Hass emp­fangen, son­dern mit Ironie. Wenn Mann­schaften aus dem Osten kamen, hieß es etwa: ›Wir haben euch was mit­ge­bracht: Geld, Geld, Geld.‹ Die beschei­denen Fähig­keiten des eigenen Teams wür­digten wir zur Melodie von ›Freude schöner Göt­ter­funken‹. Im Text hieß es: ›Freude schöner Fuß­ball­zauber / Das ist unser St. Pauli / Zucker­pässe, Zau­ber­tore / Fuß­ball­götter alle­samt‹. Wir spielten nicht in der Cham­pions League, aber man konnte ja so tun. Und immer, wenn es reg­nete, und der Platz dem­entspre­chend weich wurde, was dem rus­ti­kalen Spiel des FC St. Pauli oft ent­ge­genkam, hieß es zur Melodie von ›Guan­tan­amera‹: ›Ham­burger Wetter! Wir haben Ham­burger Wetter!‹“

Koks für Otze
Stefan Müller, 48, bereitet sich gerade auf sein 25. Jahr Gegen­ge­rade vor

In unserer ersten Bun­des­li­ga­saison spielten wir gegen Werder, und vorher hatte es Koks-Gerüchte um Frank Orde­ne­witz gegeben. Also haben 50 Gegen­ge­rade-Gänger kleine, sorg­fältig mit Mehl befüllte Beutel mit­ge­bracht. Wir ver­suchten, die angeb­li­chen Koks­tüt­chen auf den Bremer Stürmer zu werfen, aller­dings rissen sie schon auf den ersten Metern auf, und das Mehl reg­nete im Block her­unter. Solche komi­schen Sachen pas­sierten ständig. Einmal machte der Sta­di­on­spre­cher – kurz vor einer Ecke unserer Jungs – die Durch­sage, es sei ein her­ren­loser Schlüs­sel­bund gefunden worden, der nach dem Spiel abge­holt werden könne. Sofort kon­trol­lierten wir alle aus Spaß, ob wir unseren ver­loren hatten und klim­perten zum Gegen­be­weis in der Luft damit. Das hat sich dann ganz schnell ein­ge­bür­gert. Wann immer wir eine Ecke zuge­spro­chen bekamen, ras­selten auf der Gegen­ge­rade die Schlüssel – und nach kurzer Zeit im ganzen Sta­dion. Übri­gens bin ich immer noch auch für den Ham­burger Sport-Verein, da bin ich früher hin­ge­gangen. Einmal wurde durch­ge­sagt, dass der HSV mit 1:0 in Füh­rung gegangen war. Da habe ich los­ge­ju­belt und ›Drecks­verein‹ war das Harm­lo­seste, was ich zu hören bekam. Dabei gibt es auf der Gegen­ge­rade viele mit HSV-Ver­gan­gen­heit, was aber gerne geleugnet wird.“

Daum auf dem Zaun 
Wolf Schmidt kom­men­tiert im Fan­radio AFM die Heim­spiele für Blinde und Seh­ge­schä­digte

Ich war im Sommer 1998 Pro­duk­ti­ons­fahrer bei ›Abso­lute Giganten‹, als zeit­gleich zu den Dreh­ar­beiten die 2. Mann­schaft im DFB-Pokal gegen Bayer Lever­kusen spielte. Ich erhielt die Erlaubnis, mir die erste Halb­zeit im Sta­dion anzu­schauen, musste aber hoch und heilig ver­si­chern, recht­zeitig wieder bei der Arbeit zu sein. Aber an diesem Nach­mittag bin ich dem Gegen­ge­ra­de­rausch erlegen. Obwohl gerade mal 3000 Zuschauer zusam­men­standen, war es genauso laut wie bei einem nor­malen Heim­spiel. Unver­gessen ist mir, dass Lever­ku­sens Trainer Chris­toph Daum nach dem Spiel auf den Zaun stieg und sich ein Megafon rei­chen ließ. Es sei ihm ein inneres Bedürfnis, weil es unglaub­lich gewesen sei, was er wäh­rend der 90 Minuten erleben durfte, und dass er genau wegen dieser Lei­den­schaft im Fuß­ball arbeite. ›Wegen euch‹, waren seine Worte. Die Dreh­ar­beiten waren übri­gens vorbei, als ich zurückkam und der Auf­nah­me­leiter ›not amused‹, aber mir war das nach dem Erlebnis ziem­lich egal.