Das Spiel im Ham­burger Volks­park­sta­dion ist fast vorbei. Zwei Minuten noch bis zur Ver­län­ge­rung. Jan Wou­ters passt den Ball flach in den Straf­raum. Marco van Basten ist, halb sprin­gend, halb rut­schend, eine Sekunde eher am Ball als sein deut­scher Bewa­cher Jürgen Kohler. Mit der rechten Fuß­spitze gibt van Basten dem Ball die ent­schei­dende Rich­tungs­än­de­rung. Tor­hüter Eike Immel kann den Ein­schlag im langen Eck nicht ver­hin­dern. Hol­land gewinnt 2:1 und steht im Finale, Deutsch­land ist draußen.

Kohler klebte so eng an seinem Gegen­spieler, dass der gemeine Fan im Sta­dion die optisch inein­ander ver­schmol­zenen Körper nur durch die unter­schied­li­chen Tri­kot­farben als Kon­tra­henten iden­ti­fi­zieren konnte. Und doch hatte er das Nach­sehen. 88 schweiß­trei­bende Minuten fuß­bal­le­ri­scher Schwerst­ar­beit lagen zu diesem Zeit­punkt schon hinter dem deut­schen Abwehr­mann. Rennen, grät­schen, rem­peln. Der Kokser“ hatte bis zum Umfallen gekämpft, sich auf­ge­rieben im Duell mit der hol­län­di­schen Kalt­schnäu­zig­keit in Person. Bewun­derns­wert war das. Allein den Lohn seiner harten Arbeit durfte der Hand­werker an diesem Abend nicht in Emp­fang nehmen. Der blieb dem hol­län­di­schen Künstler in Form des EM-Finales über­lassen.

Zwei Mal kam der Kokser zu spät

Wer jemals in seinem Leben Fuß­ball gespielt hat, vor­zugs­weise als Ket­ten­hund für des Geg­ners Stürmer, kann halb­wegs nach­voll­ziehen, wie sich Kohler in diesem Moment gefühlt haben musste. Der Junge aus der berüch­tigten Waldhof-Schmiede in Mann­heim hatte seine Mög­lich­keiten aus­ge­schöpft, und seinem Wider­part in einer legen­dären Dau­er­fehde fast Paroli bieten können. Aber eben nur fast. Zwei Mal ent­wischte der schlitz­oh­rige Hol­länder, zwei Mal lan­dete der Ball im Netz. In der 74. Minute war Kohler zum ersten Mal zu spät gekommen und wusste sich im Straf­raum nur noch durch ein Foul zu helfen. Ronald Koeman ver­wan­delte den Straf­stoß sicher. Das zweite Mal ist oft genug beschrieben, kom­men­tiert und gesendet worden.

Doch Kohler wäre nicht Kohler, wenn der damals 23-Jäh­rige nicht seine Lehren aus dieser Begeg­nung gezogen hätte. Ich habe Marco van Basten meine Kar­riere zu ver­danken“, sagte er einst. Damals habe ich gelernt, dass ich noch mehr an mir arbeiten muss.“ Kohler arbei­tete intensiv an seinen Fähig­keiten. Das Duell fand später in der ita­lie­ni­schen Liga und im Trikot der Natio­nal­mann­schaft noch einige packende Fort­set­zungen. Und siehe da, der Kokser“ ging fortan nicht immer als Ver­lierer vom Platz.


Auf­stel­lung

Deutsch­land: Eike Immel, Mat­thias Herget (45. Hans Pflügler), Andreas Brehme, Jürgen Kohler, Ulrich Borowka, Lothar Mat­thäus, Olaf Thon, Wolf­gang Rolff, Frank Mill (79. Pierre Litt­barski), Jürgen Klins­mann, Rudi Völler. Trainer: Franz Becken­bauer

Nie­der­lande: Hans van Breu­kelen, Berry van Aerle, Ronald Koeman, Frank Rij­kaard, Adrie van Tig­gelen, Gerald Vanen­burg, Jan Wou­ters, Erwin Koeman (89. Wil­bert Suvrijn), Arnold Muhren (59. Willem Kieft), Ruud Gullit, Marco van Basten. Trainer: Rinus Michels


Sta­tistik

1:0 Mat­thäus (55., Foul­elf­meter), 1:1 Koeman (74., Foul­elf­meter), 1:2 van Basten (89.)

Gelbe Karten: van Breu­kelen
Schieds­richter: Igna (Rumä­nien)
Zuschauer: 61 300
Sta­dion: Volks­park­sta­dion Ham­burg
Datum: 21. Juni 1988
Wett­be­werb: Euro­pa­meis­ter­schaft


Stimmen

Neunmal hätte ich diesen Ball von Marco van Basten gehalten – dieser Schuss war leider der zehnte.“ (Eike Immel zum ent­schei­denden 1:2)

Es wäre schön, wenn wir heute ein Heim­spiel gehabt hätten.“ (Frank Mill zur Tat­sache, dass drei Viertel der Zuschauer Nie­der­lande-Fans waren)


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