Eine Klausel raubte Horst Heldt den Schlaf. Der Manager des FC Schalke hatte sich beim Ver­trag mit dem Hoff­nungs­träger Julian Draxler ver­schätzt. Die Ver­ein­ba­rung sah vor, dass Draxler bei einer Ablö­se­summe in Höhe von 45 Mil­lionen Euro gehen könne. Eine statt­liche Summe, doch in Zeiten glo­baler Trans­fer­markt­wirt­schaft kennt der Fuß­ball keine Limits mehr. Kaum war Drax­lers Ver­trags­de­tail publik, klin­gelten eng­li­sche Ver­eine beim Schalker durch. Bei­nahe wäre Drax­lers mit medialem Trom­mel­wirbel ver­kün­deter Ver­trag auf Schalke schon vor Sai­son­be­ginn reif fürs Alt­pa­pier gewesen.

14 Seiten umfasst der Mus­ter­ver­trag bei Trans­fers, auf Seite 15 ist meist Raum für Son­der­ver­ein­ba­rungen. Von der Klei­dung bis zur Haus­häl­terin – die Liste der beid­sei­tigen Bedin­gungen ist manchmal lang. Die Aus­stiegs­klausel, die einen Wechsel zu bestimmten Kon­di­tionen ermög­licht, ist nicht neu. Jürgen Klins­mann ließ sich bei­spiels­weise in den Neun­zi­gern in den Ver­trag mit Tot­tenham schreiben, dass er gehen kann, sollten die Spurs“ nicht inter­na­tional spielen. In Spa­nien gehört die Klausel fast schon so obli­ga­to­risch zum Ver­trag wie das Datum, Spit­zen­spieler wie Mesut Özil sollen 250 Mil­lionen kosten. Neu ist, dass erst die Summen öffent­lich und dann die Mond­preise Rea­lität werden.

Ver­hand­lung nur mit der Spieler-Seite

Ich habe nicht gedacht, dass tat­säch­lich Ver­eine so schnell so viel Geld für einen 19-Jäh­rigen bezahlen wollen“, meinte Heldt. Jetzt ärgere ich mich, dass ich die Summe nicht höher ange­setzt habe.“ Zu der beson­deren Ironie dieser Geschichte gehört, dass gerade Heldt in diesem Sommer in der Fuß­ball-Branche den Titel als Klau­seln-König“ ein­heimste. Bei Trans­fers wie von Felipe San­tana, Leon Goretzka oder Adam Szalai machte sich Heldt zunutze, dass die Spieler für eine fest­ge­schrie­bene Ablö­se­summe zu haben waren.

Heldt wurde mit den Worten zitiert: Der große Vor­teil: Ich muss nicht mit zwei Par­teien ver­han­deln, son­dern nur mit der Spieler-Seite.“ Beim Transfer von Leon Goretzka nach Schalke zog dies aller­dings Unmut nach sich. Auch der Wechsel von Mario Götze zum FC Bayern sorgte im Dort­munder Lager für reich­lich Ver­stim­mung. Das hätte man von Bayern-Seite stil­voller machen können, wenn sich etwa Karl-Heinz Rum­me­nigge bei uns vorher gemeldet hätte“, monierte BVB-Geschäfts­führer Hans-Joa­chim Watzke.

Kein Auf­schrei trotz klarer Fifa-Regeln

Trägt die Aus­stiegs­klausel also dazu bei, dass Ver­eine fortan vor voll­endete Tat­sa­chen gestellt werden? Dort­munds Trainer Jürgen Klopp bei­spiels­weise erklärte in einem Inter­view mit der Zeit“, vom Transfer seines Spie­lers Götze voll­kommen über­rascht worden zu sein. Dabei hat die Fifa klare Regeln auf­ge­stellt: Beab­sich­tigt ein Verein, einen Berufs­spieler zu ver­pflichten, so muss dieser Verein vor der Auf­nahme von Ver­hand­lungen mit dem Spieler dessen aktu­ellen Verein schrift­lich von seiner Absicht in Kenntnis setzen“, heißt es im Trans­ferre­gle­ment.

Auch dürfte dem­nach kein Spieler mehr als sechs Monate vor Ver­trags­ende bei einem anderen Klub unter­schreiben. Der große Auf­schrei der Klubs blieb aber aus, es wirkt wie ein Still­hal­te­ab­kommen.

Zwar hieß es in Dort­mund und Mün­chen, dass man dort (zukünftig) auf Aus­stiegs­klau­seln ver­zichte. Gene­rell sieht die deut­sche Branche das Thema aber weniger auf­ge­regt. Die geheime Kon­takt­auf­nahme mit den Spie­lern oder Bera­tern ist Usus. In Eng­land endeten diese Treffen mit emp­find­li­chen Geld­strafen. 2005 wurde eine Begeg­nung des dama­ligen Arsenal-Spie­lers Ashley Cole mit Chelsea-Trainer Jose Mour­inho zum teu­ersten Kaf­fee­trinken der Geschichte“. Cole musste 75 000 Pfund, Mour­inho 200 000 Pfund Strafe bezahlen. In Deutsch­land gab es Bußen in dieser Grö­ßen­ord­nung bis­lang nicht, auch wenn bei­spiels­weise die Ver­hand­lungen zwi­schen Miroslav Klose und Bayern Mün­chen am Flug­hafen Lan­gen­hagen für Furore sorgten.

Selbst Borussia Dort­mund pro­fi­tierte von Aus­stiegs­klau­seln, als sich der Klub vor andert­halb Jahren die Dienste des Glad­ba­chers Marco Reus sicherte. Sei­ner­zeit musste die Borussia vom Nie­der­rhein kräftig schlu­cken. Max Eberl, Glad­bachs Manager, erwähnte leicht scherz­haft auf der 11FREUNDE-Meis­ter­feier in seiner Lau­datio auf Michael Zorc, wie schmerz­voll der Anruf seines Dort­munder Kol­legen gewesen sei. Das war das erste Mal, dass ich ein Pro­blem mit dir hatte.“

DFL will nicht ein­greifen

Die Deut­sche Fuß­ball-Liga (DFL) wird den Klubs bei den Aus­stiegs­klau­seln keine Vor­schriften machen. Geschäfts­führer Andreas Rettig sagt auf Nach­frage: Die Ver­träge werden zwi­schen Spie­lern und Klubs geschlossen. Des­halb bestehen kei­nerlei Not­wen­dig­keiten für Regle­men­tie­rungen sei­tens der DFL.“ Rettig weist auf die posi­tiven Aspekte hin: Für wirt­schaft­lich schwä­chere Klubs stellen Aus­stiegs­klau­seln oft­mals einen Kapi­ta­ler­satz dar. Da sind Aus­stiegs­klau­seln kein böser Fluch, son­dern können eine Chance sein.“

Mainz 05 bei­spiels­weise gab den Stürmer Adam Szalai für eine fest­ge­schrie­bene Ablöse von acht Mil­lionen Euro an Schalke 04 ab. Der Mainzer Manager Chris­tian Heidel erklärt: Adam hat bei uns vor einem Jahr ver­län­gert, als ihn die halbe Bun­des­liga jagte. Wir haben dafür im Gegenzug ver­si­chert, ihm bei einem ent­spre­chenden Angebot keine Steine in den Weg zu legen.“ Die Aus­wüchse der Trans­fer­summen kommen dabei auch Ver­einen wie Mainz 05 zupass. Heute werden Summen gezahlt, von denen wir vor einigen Jahren geträumt haben. Wir kleinen Ver­eine pro­fi­tieren aber indi­rekt davon. Ich bin sicher, dass wir für Adam Szalai bei glei­cher Qua­lität vor vier Jahren keine acht Mil­lionen Euro bekommen hätten.“

Neue Details: keine Raten­zah­lung

So ganz rei­bungslos ver­lief nicht jeder Transfer. Beim Wechsel des Bochumer Talents Leon Goretzka zum FC Schalke ent­wi­ckelte sich ein Streit um die Aus­le­gung seiner Klausel, der fast vor dem Arbeits­ge­richt geendet hätte. Die DFL um Andreas Rettig sprang dabei als Ver­mittler ein – und dies nicht zum ersten Mal. Wir sind bereits des Öfteren als Partner der Klubs hinter den Kulissen auf­ge­treten, um in schwie­rigen Situa­tionen zu ver­mit­teln“, sagt Rettig und fügt an: Dies jedoch nur auf aus­drück­li­chen Wunsch der Klubs.“

Um den Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum mög­lichst gering zu halten, werden Klau­seln der Spieler nun­mehr so detail­reich wie mög­lich aus­for­mu­liert. So wird genau gere­gelt, bis zu wel­chem Zeit­punkt ein Angebot hin­ter­legt sein muss. Außerdem legen manche Ver­eine fest, dass die Ablöse in einer Summe und nicht in Raten­zah­lungen über­wiesen werden muss. Ein bei den momentan ver­han­delten Mil­lio­nen­be­trägen nicht uner­heb­li­ches Detail.

E‑Mail mit Andeu­tungen

Trotz aller Vor­keh­rungen sind die Klubs vor einem bestimmten Risiko nicht gefeit. Der ein­zige Nach­teil bei Aus­stiegs­klau­seln ist, dass sie immer schnell an andere Ver­eine her­an­ge­tragen werden“, sagt Mainz-Manager Heidel. Doch wenn sie nun einmal ver­ein­bart sind, dann darf sich der Verein im Nach­hinein nicht dar­über beschweren.“

Die Berater ver­markten die Spieler, da kommt es nicht selten vor, dass Bun­des­liga-Manager andeu­tungs­schwan­gere Mails in ihrem Post­fach finden. Dass Berater mit Ver­einen über ihre Kli­enten spre­chen, ist heut­zu­tage ein nor­maler Vor­gang“, sagt Heidel. Die Manager der Ver­eine müssen es wohl oder übel akzep­tieren – und schlaf­lose Nächte in Kauf nehmen.