Andreas Reinke, wo ste­cken Sie gerade?

In Güs­trow, meiner Hei­mat­stadt, zusammen mit meiner Frau Kirsten und meinem Sohn Pepe.

Was ist mit Ihrem Job als Tor­wart­trainer der U21?


Den mache ich nicht mehr.

Warum?

Kann ich Ihnen auch nicht so genau sagen. Die Mann­schaft hat einen neuen Trainer bekommen, der sein neues Trai­ner­team gleich mit­ge­nommen hat. Andreas Köpke hat mir drei Tage vor dem Freund­schafts­spiel gegen Irland Bescheid gegeben, dass ich nicht mehr zu kommen brauche.

Und jetzt?

Ich trai­niere Kinder in Fuß­ball-Schulen. Vor allem in den Ferien, ist ja bald wieder so weit. Ich habe genug zu tun, Lan­ge­weile kommt nicht auf.

Sollten Sie nicht eigent­lich Tor­wart­trainer bei Werder Bremen sein?

So war das damals mit Klaus Allofs abge­macht. Wenn Budde auf­hört (Dieter Bur­denski, d. Red.), sollte ich seinen Posten über­nehmen. Hat aber leider nicht so geklappt. Nachdem ich meine Kar­riere beendet hatte, war das plötz­lich nicht mehr aktuell.

Ihr bru­taler Zusam­men­stoß mit dem Stutt­garter Martin Stranzl im Früh­jahr 2006 ist allen Beob­ach­tern von damals noch in Erin­ne­rung. Haben Sie eigent­lich Fol­ge­schäden davon getragen?

Rein äußer­lich sieht man davon nichts mehr. Da ist alles ver­heilt. Die Inne­reien haben Schaden davon getragen. Ich habe andau­ernd Kopf­schmerzen, Geruchs- und Geschmacks­ver­lust und noch einige andere Dinge.

Hat man Ihnen Hoff­nung gemacht, dass Sie wieder voll­ständig gesund werden?


Die Chancen sind nicht wirk­lich groß. Der Unfall ist jetzt drei Jahre her, und die zer­fetzten Nerven wachsen nicht mehr richtig zusammen.

Welche Ver­let­zungen haben Sie damals kon­kret davon getragen?

Meine Nase war kom­plett weg, acht oder neun Brüche im vor­deren Gesichts­be­reich. Stirn­höhle, Augen­höhle, alles war gebro­chen. Ich wollte eigent­lich wei­ter­spielen, ich war ja nicht bewusstlos. Bis ein Betreuer zu mir sagte: Andy, leg dich lieber hin, du hast schon zu viel Blut ver­loren. Da habe ich gemerkt, dass viel­leicht ein biss­chen mehr kaputt ist.

Ver­ur­sacht durch einen unglück­li­chen Zusam­men­stoß…

So was pas­siert ja sehr selten, aber wenn es pas­siert, dann knallt es richtig. Bei der Aktion kam alles Pech zusammen. Ich habe einen Quer­pass vor dem Tor abge­fangen und lag schon auf dem Boden, als Martin Stranzl in mich rein­ge­ge­jagt ist. Der war irgendwie aus­ge­rutscht. Sein Knie wurde mir direkt in die Augen­höhle gerammt. Hätte er mich ein Stück weiter oben getroffen, wäre ich wohl mit einer Beule oder einer Schramme davon gekommen. Stranzl und ich sind keine Leicht­ge­wichte, bei einem Zusam­men­prall kommt einiges an Masse und Kraft zusammen. Die Ärzte haben mir später gesagt, dass sie solche Ver­let­zungen sonst nur bei Unfall­op­fern sehen würden, die mit ihrem Auto frontal gegen einen Baum gefahren sind. Letzt­lich haben Mil­li­meter dar­über ent­schieden, dass ich noch am Leben bin.

Sie sollen vor der Ope­ra­tion so etwas wie ein Tes­ta­ment geschrieben haben.

Man hat mir einen Zettel in die Hand gedrückt und ich habe irgend­etwas da drauf gekrit­zelt. Das, was mir ein­fiel in meinem Schmerz­wahn. Man war sich nicht ganz sicher, ob ich nach der OP jemals wieder würde schreiben können.

Statt­dessen standen Sie nach nicht einmal drei Monaten wieder auf dem Platz.

In meinem dama­ligen Wahn dachte ich, dass ich so schnell wie mög­lich wieder spielen muss. Das war ein Fehler. Ich hatte Schmerzen und spürte die Nach­wir­kungen. Die Form, die ich vor der Ver­let­zung hatte, habe ich nie mehr errei­chen können. Ich war nicht mehr der Alte.

Was meinen Sie mit Wahn?

Ich habe in meiner gesamten Kar­riere nie lange gefehlt. Egal ob es Bän­der­risse, Kno­chen­brüche oder Zer­rungen waren, ich wollte immer wieder so schnell wie mög­lich auf den Platz zurück. Der Mann­schaft helfen.

Wirk­lich Fuß gefasst haben Sie später in Bremen nicht mehr. Nach dem Ende bei Werder gab es einige Ange­bote, warum hat das nicht geklappt?

Stimmt, es gab Anfragen. Ich hatte auch ernst­haft über­legt weiter Fuß­ball zu spielen, aber das Risiko wollte ich nicht noch einmal ein­gehen. Ich bin mit einem Augen­zwin­kern bei diesem Unfall davon gekommen, danach sieht man einige Dinge anders. Ich bin froh, dass ich noch lebe. Dazu kamen die Schmerzen und meine Form. Fast 15 Jahre war ich Pro­fi­fuß­baller, bin dau­ernd durch die Gegend gereist. Irgend­wann musste mal Schluss sein mit dem Zigeu­ner­leben.

Wie schwer fiel es Ihnen, die aktive Kar­riere ein­fach so zu beenden?

Gar nicht. Ich habe unter die Sache einen Schluss­strich gezogen und aus.

Kein Fernweh?

(ener­gisch) Ne! Sicher­lich fiel es mir des­wegen leichter, weil ich ohnehin auf das Ende meiner Kar­riere zusteu­erte. Selbst wenn ich mich nicht ver­letzt hätte – so konnte ich selbst ent­scheiden.

Welche Aus­wir­kungen hatte Ihr Fall auf die Bun­des­liga?


2006 pas­sierte ja auch das Ding mit Petr Cech und die Dis­kus­sion kam auf, ob man Tor­hüter mehr schützen müsse.

Sollte man das?

Auf jeden Fall! Nur hat sich seitdem über­haupt nichts getan. Stürmer gehen im Luft­duell mit den Ellen­bogen gegen den Tor­hüter oder grät­schen frontal rein. Bei mir war es ein Unfall, aber die Ver­let­zungs­ge­fahr besteht für Tor­hüter jeden Tag. Es geht mir ja nicht um harte Zwei­kämpfe. Körper an Körper, das gehört dazu. Aber diese ganzen unfairen Aktionen, sei es Nach­treten, auf die Füße steigen, mit den Ellen­bogen arbeiten. Da müssen erst wieder Kno­chen bre­chen, bis viel­leicht mal wieder eine Dis­kus­sion über die Sicher­heit von Tor­hü­tern auf­kommt.

Sie haben Petr Cech erwähnt. Der trägt seit seiner Schä­del­ver­let­zung einen Rubgy-Helm. Hätten Sie den auch getragen?

Ich glaube nicht. Ich habe ja nach meiner Rück­kehr zunächst eine Gesichts­maske getragen, die aber nach zwei Wochen wieder abge­legt, weil es mich gestört hat. Der Helm von Cech ist wohl eher eine Maß­nahme für die Psyche, damit fühlt er sich sicherer. Ich brauche das nicht. Wenn alle ein biss­chen auf­passen, dass so schwere Ver­let­zungen nicht mehr pas­sieren, reicht das voll­kommen.

Ihr alter Verein, Werder Bremen, düm­pelt momentan im Mit­tel­feld der Tabelle. 2004 sind Sie mit Werder Meister geworden, nach einem 3:1‑Auswärtssieg gegen Bayern Mün­chen…

Wahr­schein­lich unser bestes Spiel. Wie die Bayern so sind, gab es vor dem Spiel das große Laber­laber, was weiß ich, was die alles mit uns machen wollten. Wir hatten damals ein super Team, da musste keiner groß was sagen, die Ant­wort haben wir auf dem Platz gegeben. 3:0 stand es zur Halb­zeit, das waren womög­lich die besten 45 Minuten, die es in den ver­gan­genen zehn Jahren Bun­des­liga gegeben hat.

Ihr Gegen­über damals: Oliver Kahn. Der ist nun Ver­gan­gen­heit, in der Gegen­wart steht Michael Ren­sing zwi­schen den Pfosten und muss sich einige Kritik gefallen lassen. Was halten Sie von Ren­sing?

Grund­sätz­lich ver­meide ich es, irgend­welche Kol­legen zu bewerten, obwohl ich sie nur aus der Ferne beur­teilen kann. Es gibt schon genü­gend Dumm­schwätzer. Michael habe ich vor einiger Zeit mal kennen gelernt, der hat was drauf und muss sich jetzt ein­fach durch­beißen.

Sie hatten eben­falls Hürden zu über­winden, vor allem wäh­rend Ihrer Zeit in der ehe­ma­ligen DDR.


Damals wurde man ja dele­giert, nicht trans­fe­riert. Meinen Wechsel in die Ober­liga haben die Ver­ant­wort­li­chen ver­hin­dert. Die sagten zu meinem Vater: Wenn dein Junge nicht in die Partei ein­tritt, spielt er auch nicht in der Ober­liga.“ Das kam für mich und meinen Vater aber nicht in Frage. Ihn hatte die Stasi ohnehin auf dem Kieker, er war LKW-Fahrer. Hinzu kam sicher­lich auch, dass wir über meine Mutter West­ver­wandt­schaft in Roten­burg hatten.

Später sind Sie zum HSV gewech­selt – und mussten nebenbei als Piz­za­fahrer arbeiten. Stimmt das?


Ja, sicher. Ich wohnte damals noch in einer WG, unter anderem zusammen mit Stefan Schnoor, und habe Pizza aus­ge­fahren. Als Ver­trags­ama­teur hast du damals nicht so gut ver­dient. Später habe ich noch Eis aus­ge­fahren, für Lang­nese. Hat Spaß gemacht.

Bis 1990 haben Sie für Ihren Hei­mat­verein Dynamo Schwerin gespielt, besteht der Kon­takt heute noch?

Sicher, ich habe einen guten Draht zum Verein. Ich habe oft mit Spie­lern oder Ver­ant­wort­li­chen zu tun.

Steht Ihr Angebot noch, für den Klub als Stürmer auf­zu­laufen?

Ach, inzwi­schen bin viel­leicht zu alt dafür. Da würde man nicht groß was mit mir anfangen können. Aber ich spiele ja noch.

Für wen?

In unserer Frei­zeit­fuß­ball-Mann­schaft. K&K Suckow heißen wir. Im November 2007 gegründet. Jetzt machen wir Fir­men­cups unsi­cher.

Und Sie stehen im Tor?

Nein, ich höre so auf, wie ich meine Fuß­ball-Kar­riere begonnen habe. Als Stürmer.