Ein dun­kel­häu­tiger Fuß­baller wird von geg­ne­ri­schen Fans mit ras­sis­ti­schen Rufen belei­digt. Auch im deut­schen Fuß­ball ist das noch immer keine Sel­ten­heit. Am Wochen­ende bekam der Ingol­städter Danny da Costa den Hass aus der Kurve zu spüren. Wäh­rend der Zweit­liga-Partie bei 1860 Mün­chen wurde der Sohn eines Ango­la­ners und einer Kon­go­lesin mehr­fach beschimpft. Der oder die Täter hatten sich da Costa nicht per­sön­lich gegen­über gestellt, son­dern sich in der ver­meint­lich gesichts­losen Masse der Tri­büne ver­schanzt. Frem­den­hass und Ras­sismus paaren sich meis­tens mit Feig- und Dumm­heit.

Dieser Vor­fall macht betroffen. Aber auch Mut, wie es Marco Fenske, stell­ver­tre­tender Sport­chef der Mün­chener AZ“ in einem Kom­mentar tref­fend for­mu­lierte: Warum? Weil alle richtig gehan­delt haben.“

Da Costa hätte es auch wie Boateng oder Poté machen können

Den Anfang machte da Costa selbst. Er hätte sich mit abwer­tenden Gesten bei den betref­fenden Zuschauern revan­chieren können. So wie Ade­bowale Ade“ Ogun­bure von Sachsen Leipzig, der sich 2006 gegen ras­sis­ti­sche Belei­di­gungen aus dem Fan­block vom Hal­le­schen FC nicht anders zu wehren wusste, als der Kurve den Hit­ler­gruß zu zeigen. Er hätte es wie der Dres­dener Mickaël Poté machen können, der den Affen­rufen“ von Chem­nitzer Fans im August 2012 damit begeg­nete, dass er pan­to­mi­misch einen Affen imi­tierte. Und nie­mand hätte es Danny da Costa ver­übelt, wenn er dem Bei­spiel von Mai­lands Kevin-Prince Boateng gefolgt wäre und unter Pro­test den Platz ver­lassen hätte.

Statt­dessen mel­dete der in Neuss gebo­rene Ingol­städter die Rufe bei Schieds­richter Flo­rian Meyer. Der unter­brach das Spiel und gab seinem vierten Offi­zi­ellen sowie 1860-Kapitän Gabor Kiraly Bescheid. Auf Anwei­sung von unten ermahnte Sta­di­on­spre­cher Stefan Schneider den eigenen Anhang. Der übliche Ablauf in sol­chen Fällen. Das Spiel ging weiter, die Belei­di­gungen hörten nicht auf. Laut Löwen“-Mitarbeiter Fenske griffen Sta­di­on­ordner den ver­ant­wort­li­chen Pöbler, nahmen die Per­so­na­lien auf und schmissen den Mann vom Gelände.

Wirk­lich bewun­derns­wert war der nach­fol­gende Ein­satz von da Costas Mit­spieler Ralph Gunesch. Der spielte einst für den FC St. Pauli und wurde in Ham­burg für solche Themen sen­si­bi­li­siert“, wie er Spiegel Online“ in einem Inter­view mit­teilte. Sein geknickter Kol­lege habe hinter ihm im Mann­schaftsbus gesessen, wäh­rend er einen Ein­trag auf seiner Face­book-Seite vor­be­rei­tete, so Gunesch. Liebe Zuschauer der Gegen­tri­büne heute – und ich meine ganz bestimmte, hof­fent­lich nur ganz wenige, deren drei Trommel-spie­lende Gehirn­zellen im Kopf heute über 90 Minuten wahr­schein­lich Pause gemacht haben“, heißt es da unter anderem, Einen dun­kel­häu­tigen Gegen­spieler per­ma­nent als ›Scheiß N***r‹ , ›Zurück in den Busch‹ zu beschimpfen und mit Affen­lauten zu begleiten zeigt nur, dass Euer IQ knapp über dem eines ver­brannten Toast­brotes liegt !!“ Nach Absprache mit da Costa ver­öf­fent­lichte Gunesch den Ein­trag.

Ein Kom­mentar mit Nach­hall. User und Jour­na­listen griffen das Thema auf, Spieler und Ver­ant­wort­liche mel­deten sich zu Wort. 1860 Mün­chen will den Täter nach eigener Aus­sage mit einem Sta­di­on­verbot bestrafen und Anzeige erstatten. Geschäfts­führer Robert Schäfer hat sich bereits per­sön­lich bei Danny da Costa ent­schul­digt.

Klug kana­li­siert

Respekt, deut­scher Fuß­ball. Respekt für den deut­schen U21-Natio­nal­spieler Danny da Costa, dass er trotz der Beschimp­fungen so besonnen reagierte. Respekt für Flo­rian Meyer, dass er die Mel­dung des Spie­lers nicht als unzu­rei­chend abtat, son­dern mit der kurzen Spiel­un­ter­bre­chung ein Zei­chen setzte. Respekt für die Ver­ant­wort­li­chen von 1860 Mün­chen, die als Gast­geber die Schuld an diesem Vor­fall auf sich nahmen und offenbar schon im Sta­dion reagierten. Respekt für Ralph Gunesch, dass er seine Popu­la­rität als Spieler nutzte und seinen Ärger über die Aktion klug kana­li­sierte. Respekt für die deut­sche Fuß­ball-Öffent­lich­keit, die seit Sonntag über diesen Vor­fall dis­ku­tiert und Mei­nung bildet.

Natür­lich gibt es bereits Stimmen, die sich kri­tisch über die Aus­wüchse dieser Pöbe­leien geäu­ßert haben. Tenor: Fuß­ball­sta­dien sind Son­der­fälle, was hier im Rausch der Gefühle, des Alko­hols und der Masse pas­siert, darf man nicht über­be­werten. Und: Die schwach­sin­nigen Kom­men­tare einer Ein­zel­person auf eine ganze Fan­szene abzu­wälzen, ist nicht nur falsch, son­dern auch eine Frech­heit. Diese Argu­mente sind so alt wie der Ras­sismus beim Fuß­ball selbst. Aber sie sind nicht ange­bracht. Das soziale Mit­ein­ander mag im Sta­dion auf anderen Ebenen funk­tio­nieren, als auf der Straße, im Büro oder in der U‑Bahn, doch rechts­freie Räume waren die Arenen noch nie. Dürfen sie auch nicht sein. Ras­sismus ist in keinem Zusam­men­hang zu tole­rieren“, gab auch Ralph Gunesch dies­be­züg­lich in seinem Inter­view zu Pro­to­koll.

Nie­mand nimmt die Kurve in Sip­pen­haft

Und der Vor­wurf, die Schuld eines Ein­zelnen auf die gesamte Szene zu über­tragen? Der ist in den ver­gan­genen Jahren nach jedem ras­sis­ti­schen Aus­bruch zu hören gewesen. Von Fans, die sich eine Wagen­burg­men­ta­lität ange­eignet haben, die sich nicht trauen, die schwarzen Schafe in den eigenen Reihen aus­zu­sor­tieren, die blind sind für die Pro­bleme und Folgen der ras­sis­ti­schen Dreck­schleu­dern. In diesem Fall hat der Vor­wurf sogar noch nicht einmal eine Grund­lage: Weder Danny da Costa, noch Ralph Gunesch, noch die Ver­ant­wort­li­chen aus Ingol­stadt und Mün­chen haben die Löwen“-Fans in Sip­pen­haft genommen. Bestraft wurde eine Ein­zel­person – auch wenn mög­li­cher­weise noch mehr Täter zu belangen wären. Damit haben sämt­liche Betei­ligte ein klares Zei­chen gesetzt: Ras­sismus wird im Fuß­ball nicht tole­riert oder tot­ge­schwiegen. Und dem gebührt Aner­ken­nung.