Wenn mein Opa über Fuß­ball spricht, werden die Dinge simpel. Spieler, die einen Elf­meter ver­schießen, sind für ihn Luschen“, ein Trainer, der beim Tor­jubel zu wild durchs Fern­seh­bild ham­pelt, ist ein Clown“, ein schlechter noch dazu. Den Neuer findet er ein­fach klasse, der sei ja nun mal der Beste, da haben die Luschen doch gar keine Chance gegen, keine Dis­kus­sion. Und der Bay­ern­trainer, dieser alte Kerl, der es jetzt noch mal richten muss – wie heißt er gleich? – der gefällt ihm auch. Gut oder schlecht, Gewinner oder Ver­lierer, Lusche oder Star (gespro­chen Schtar): für ihn alles glas­klare Sachen.

Früher hat er mich mit diesen Kom­men­taren zur Weiß­glut gebracht. Auch, weil er mit den Luschen oft zufällig meine Lieb­lings­spieler meinte und nicht ein­sehen wollte oder konnte, dass nicht immer alles so ein­fach ist im Fuß­ball. Dass bei Hertha nicht aus­schließ­lich Ver­sager spielen, nur weil die Mann­schaft knapp in Mün­chen ver­liert. Damals bin ich inner­lich aus­ge­rastet, habe ihn im Kopf zusam­men­ge­staucht, die Scheiß-Bayern könne er sich sonst wohin ste­cken, er habe ja ohnehin keine Ahnung. Nur aus Respekt vor seinem Alter und weil ich wollte, dass er mir die wich­tigen Spiele auch wei­terhin auf Video auf­zeichnet, kam es nie zum Eklat. Am Sams­tag­abend haben wir zum ersten Mal seit Jahren gemeinsam Fuß­ball geschaut, die Sport­schau im Ersten. Es war toll.

Oran­ge­saft statt Leber­wurst­stulle

Als ich um kurz nach 18:00 Uhr in seiner Woh­nung ankomme, höre ich schon im Flur den Fern­seher, der ja eigent­lich im Wohn­zimmer steht, sehr, sehr gut. Weil mein Opa, seitdem er nicht mehr so gut hört, den Fern­seher immer auf sehr, sehr laut stellt. Ich ziehe die Jacke aus, hänge sie an die Gar­de­robe neben seinen Mantel und unter seine Hüte, dann drückt mir mein Opa ein Glas mit Saft in Hand. Ich hatte mit einer Leber­wurst­stulle gerechnet, viel­leicht mit einem hart­ge­kochten Ei und einem Pott Kaffee. Mit Alte-Leute-Sachen eben (zu seinem Geburtstag im Dezember habe ich ihm eine Leber­wurst aus dem KaDeWe geschenkt, er hat sich gefreut), aber eher nicht mit frisch-gepresstem Oran­gen­saft und Wein­trauben. Doch mein Opa – seit 1990 pen­sio­niert, kna­ckige 92 Jahre alt – ist nach wie vor unbe­re­chenbar.

Den ganzen Tag über hatte ich penibel darauf geachtet, die Ergeb­nisse vor der Sen­dung nicht zu kennen. Was im März 2018 gar nicht so leicht ist mit all den Push-Mel­dungen und Face­book-Time­lines und Whatsapp-Nach­richten. Erst als ich die Woh­nung meines Opas erreicht habe, bin ich mir sicher, es geschafft zu haben. Ein inter­net­freier Schutz­raum, ein Ort, an dem ich Infor­ma­tionen gezielt würde ansteuern müssen, statt sie aus Ver­sehen ein­fach abzu­be­kommen. Nur ein Radio könnte es jetzt noch ver­sauen. Doch das Radio in der Küche ist aus. Kein Deutsch­land­funk, keine Nach­richten. Durch­pusten.

Dem armen Schwein ist sicher arsch­kalt“

Vor den Fern­seher hat er neben seinen braunen Leder­sessel, der dort immer steht, einen zweiten braunen Leder­sessel geschoben. Das Wohn­zimmer, in dem er seit dem Tod meiner Oma vor bald 13 Jahren alleine wohnt, ist auf­ge­heizt, ver­mut­lich Stufe fünf, den ganzen Tag. Auf dem Tisch liegt die aktu­elle Hörzu“ und eine Lupe, zwei Dinge, von denen ich nicht wusste, dass es sie noch gibt. Er setzt sich neben mich, noch läuft Ski­springen, Mat­thias Obden­hövel ein­ge­packt in Win­ter­jacke und Woll­mütze. Dem armen Schwein ist sicher arsch­kalt“, sagt mein Opa.

Er ist kein ein­fa­cher Mann, mein Opa, ganz im Gegen­teil. Als Chef-Ton­meister beim SFB hat er eng mit den größten Diri­genten der Welt zusam­men­ge­ar­beitet, er kann stun­den­lang über Abbado reden und über Karajan, über Furt­wängler oder Masur. Er hat neben Ex-Bür­ger­meister Momper in der Phil­har­monie gesessen und mit pick­feinen Leuten gespeist, er ver­kehrte stets in guten Kreisen“. Gleich­zeitig kennt er tolle Kraft­aus­drücke und scheut sich nicht, sie auch zu benutzen. Als ihm beim Ita­liener einmal die Lasagne nicht schmeckte, fragte er den Kellner, warum genau er, also mein Opa, diese Pampe eigent­lich essen solle.