CONTRA
Über einen Philipp Lahm, soviel vorab, kann sich jede Mann­schaft der Welt glück­lich schätzen – und zwar los­ge­löst von der Frage nach seiner Posi­tion. Lahm hat es geschafft, in kür­zester Zeit von einem der besten Rechts­ver­tei­diger der Welt zu einem der besten Sechser der Welt zu werden. Ein Kunst­stück, das so nicht vielen gelingen würde.

Mit seiner Spiel­in­tel­li­genz und seinem tak­ti­schen Geschick ist Lahm wie geschaffen für die so wich­tige Posi­tion vor der Abwehr. Im Verein mag das stimmen, in der Natio­nalelf stellt sich die Situa­tion aber anders dar.
Denn bei im Ide­al­fall noch drei zu spie­lenden Par­tien kommt es darauf an, das vor­han­dene Spie­ler­ma­te­rial gewinn­brin­gend ein­zu­setzen“, wie Chris­toph Daum jüngst in einem Inter­view mit dem Tages­spiegel sagte.

Kramer könnte in die Bre­sche springen

Mit Khe­dira und Schwein­s­teiger ver­fügt Löw im zen­tralen Mit­tel­feld über zwei Spieler, die sich ähn­lich wie Lahm auf Welt­klasse-Niveau bewegen. Dahinter scharrt Chris­toph Kramer mit den Hufen, der in seinem Kurz-Ein­satz gegen Alge­rien durchaus Eig­nung für höhere Auf­gaben nach­wies und für einen der beiden kon­di­tio­nell noch nicht auf Top-Niveau spie­lenden Sechser in die Bre­sche springen könnte, sollten deren Kräfte gegen Ende der Partie schwinden.

Auf der Rechts­ver­tei­di­ger­po­si­tion hin­gegen ist die Situa­tion eine andere. Weder Jerome Boateng noch Shko­dran Mus­tafi kamen bisher ansatz­weise an Lahms Klasse heran. Ver­übeln kann man ihnen das nicht, schließ­lich sind beide gelernte Innen­ver­tei­diger. Von seiner Idee, die Außen­ver­tei­di­ger­posten mit Innen­ver­tei­di­gern zu besetzen, ver­sprach sich Löw mehr Sta­bi­lität in der Defen­sive. Dar­unter leidet aber nicht nur die Offen­siv­be­we­gung – Bene­dikt Höwedes etwa ist bei­leibe alles andere als ein Flan­ken­gott und Flü­gel­flitzer – vor allem scheint dieser tak­ti­sche Kniff auch defensiv ins Leere zu greifen.

Schwein­s­teiger und Khe­dira als Schlacht­rösser“

Der tak­ti­sche Trend bei dieser WM, vor allem gegen Ball­be­sitz-ori­en­tierte Teams wie das deut­sche, ist das schnelle Über­spielen der geg­ne­ri­schen Abwehr nach Ball­ge­winn, wie es etwa die Hol­länder gegen Spa­nien nahezu in Per­fek­tion spielten. In eben­diesen Situa­tionen wurde es im Ach­tel­fi­nale gegen Alge­rien knifflig, nicht nur einmal musste Manuel Neuer in höchster Not klären. Diese Angriffe werden aber zumeist in der Zen­trale initi­iert, in der eine Dop­pel­sechs mit den Schlacht­rös­sern“ Schwein­s­teiger und Khe­dira für mehr Sta­bi­lität und Robust­heit sorgen könnte.

Innen­ver­teidger, die die Defen­sive sta­biler machen, sind also oft gar nicht nötig. Und wer hat über­haupt gesagt, dass Außen­ver­tei­diger das nicht auch können?
Das Fehlen gelernter Außen­ver­tei­diger macht sich noch deut­li­cher in der Vor­wärts­be­we­gung bemerkbar. Gegen Alge­rien wurden die Offen­siv­be­mü­hungen erst dann frucht­barer, als Lahm über außen agierte und seinen Mit­spieler auf der Seite ein ums andere Mal über­lief, um an der Grund­linie in eine aus­sichts­reiche Posi­tion zu kommen.

Lahm als Spie­ler­ma­cher auf dem Flügel

Mit einer ähn­li­chen Dynamik könnte sich ein Jérome Boateng, der gegen Frank­reich wohl wieder auf den Flügel aus­weicht, um in der Zen­trale dem gene­senen Mats Hum­mels Platz zu machen, nie­mals ins Angriffs­spiel ein­schalten. Lahm tut das zudem jeweils mit Augenmaß und ohne seine Seite voll­ends zu ent­blößen, wie es Mus­tafi gegen Alge­rien bei seinen zag­haften Angriffs­be­mü­hungen geschah. In der Offen­siv­be­we­gung wird Lahm zu einem zusätz­li­chen Spiel­ma­cher auf dem Flügel.

Die Rech­nung ist also eine ein­fache: Die Zen­trale ist auch ohne Lahm auf Welt­klasse-Niveau, die Rechts­ver­tei­di­ger­po­si­tion ist es nicht. Aber viel­leicht kommt ja auch alles ganz anders: Lahm müsste links spielen, Boateng rechts, Mer­te­sa­cker und Hum­mels innen“ for­derte unlängst Michael Bal­lack und auch Felix Magath pflich­tete ihm bei: Im Zen­trum hätten wir ohne ihn keinen Leis­tungs­ver­lust. Auf der linken Seite hin­gegen schon. Dort sind wir flü­gel­lahm.“ Warum also nicht Kevin Groß­kreutz rechts hinten spielen lassen, der auf dieser Posi­tion in Dort­mund auch in der Cham­pions League zu über­zeugen wusste, und Lahm dafür auf links?

Das Zen­trum wäre ohnehin hoch­klassig besetzt und Groß­kreutz kommt am ehesten an Lahms Niveau heran. Und falls sich jemand fragen sollte, ob Lahm für die Links­ver­tei­di­ger­po­si­tion über­haupt geeignet ist, möge an seine naht­losen Posi­ti­ons­wechsel in der Ver­gan­gen­heit denken. Und falls jemand nun ein­wendet, eine WM-End­runde sei nicht der geeig­nete Zeit­punkt für Expe­ri­mente, der sage das doch bitte Jogi Löw.

PRO
Philipp Lahm ist für mich der intel­li­gen­teste Spieler, den ich je in meiner Kar­riere trai­niert habe.“ Nun gut, Pep Guar­diola hat in seiner Zeit beim FC Bayern Mün­chen schon so man­chen Spieler gelobt. Die Hul­di­gung seines Mann­schafts­ka­pi­täns war jedoch mehr als eine dahin­ge­sagte Moti­via­tions-Spritze.

Große Teile der Saison unter Guar­diola lief Lahm in der Schalt­zen­trale des deut­schen Rekord­meis­ters auf. Und bedankte sich mit über­zeu­genden Leis­tungen für den Ver­trau­ens­be­weis mit einer Kom­bi­na­tion aus seinem ohnehin fan­tas­ti­schen Zwei­kampf­ver­halten, reich­lich Über­sicht bei der Spiel­eröff­nung und beein­dru­ckenden Pass­quoten.

Das Gehirn des deut­schen Spiels

Von all dem ließ sich Joa­chim Löw zunächst über­haupt nicht beein­dru­cken, bekräf­tigte statt­dessen immer wieder Lahms Rolle als einer der besten Außen­ver­tei­diger der Welt. Dass dieser schließ­lich doch ins Zen­trum der Natio­nal­mann­schaft rückte, ist der Ver­letz­ten­mi­sere im DFB-Team und nicht Löws tak­ti­schem Umdenken zu ver­danken.

Lahm als Gehirn des deut­schen Spiels, diese Vor­stel­lung galt vor dem Tur­nier bei all den Sorgen um feh­lende Stoß­stürmer, form­schwache Regis­seure und eine wacke­lige Defen­sive als eine der wenigen Hoff­nungs­schimmer für den ange­strebten Titel.

Top-Quoten im defen­siven Mit­tel­feld

Mitt­ler­weile ist trotz des Ein­zugs ins Vier­tel­fi­nale Ernüch­te­rung ein­ge­kehrt und Philipp Lahm die ver­meint­liche Ursache für die bisher spie­le­risch wenig über­zeu­genden Auf­tritte der DFB-Elf. Nach der Rück­kehr von Bas­tian Schwein­s­teiger und Sami Khe­dira müsse der Kapitän nun wieder auf die Außen­bahn wei­chen.

Dabei scheint die ein­sei­tige Kritik an Lahms bis­he­rigen Tur­nier-Leis­tungen über­zogen. Bisher konnten weder Khe­dira noch Schwein­s­teiger seine Pass- und Zwei­kampf­werte toppen. 92 Pro­zent der Zuspiele fanden bei den vier Spielen im Schnitt ihr Ziel, er gewann 67 Pro­zent seiner Zwei­kämpfe. Gegen Ghana ging kein ein­ziges Duell ver­loren. Löw sollte jedoch nicht nur wegen Lahms indi­vi­du­eller Klasse eine erneute Rochade ver­meiden.

Sind alle Mann­schafts­teile so fle­xibel wie Lahm?

Bei allem Respekt vor dessen Fähig­keit, sich fle­xibel auf jede Posi­tion außer­halb des Tores ein­zu­stellen, sollte auch ihm kein erneuter Wechsel zuge­mutet werden. Mag eine Anpas­sung gegen schwä­chere Gegner in der Vor­runde noch annä­hernd spurlos funk­tio­nieren, so bedeutet sie in den K.o.-Spielen ein immenses Risiko. Zumal eine Rück-Ver­set­zung Aus­wir­kungen auf Mann­schafts­teile hätte, die ihre Fle­xi­bi­lität noch nicht unter Beweis stellen konnten.

Beson­ders gegen die fran­zö­si­sche Équipe Tri­co­lore“, deren Spiel in der zen­tralen Offen­sive von den bisher über­ra­genden Karim Ben­zema und Paul Pogba ange­kur­belt wird, bedarf es eines ein­ge­spielten Defen­siv­ver­bunds. Wenigs­tens zu Beginn des Spiels sollte Löw hier auf Nummer sicher gehen.

Keiner braucht einen nör­gelnden Kapitän

Noch weniger als tak­ti­sche Expe­ri­mente kann der Bun­des­trainer in der heißen Phase des Tur­niers einen nör­gelnden Kapitän gebrau­chen. Dass Lahm die Rolle des Platz­hal­ters für Khe­dira und Schwein­s­teiger ohne Murren akzep­tieren würde, ist in Anbe­tracht des Hah­nen­kampfs mit Michael Bal­lack nach der WM 2010 alles andere als gesi­chert.