Seite 2: Lippis Schützlinge: Zidane, Conte und Deschamps

Wie gut Juve und Lippi zu ein­ander passten, merkte man, als der Trainer im Jahr 1999 zum Rivalen Inter ging. Kaum ein Jahr hielt Lippi es dort aus, bis er am 1. Spieltag seiner zweiten Saison mit Inter wieder ging und im Anschluss nochmal zur alten Dame“ zurück­kehrte. Dort machte er weiter, wo er auf­ge­hört hatte: Zweimal in Folge holte Juve den Scu­detto und war 2003 zum vierten Mal inner­halb von acht Jahren im Cham­pions-League-Finale.

Es war der letzte große Erfolg mit den Turi­nern. Ein Jahr später, nach einer ent­täu­schenden Saison 2003/04, ver­ab­schie­dete sich Mar­cello Lippi und wurde Natio­nal­trainer in einer nicht so ein­fa­chen Zeit für Ita­lien. Wahr­schein­lich war es auch Lippis prag­ma­ti­sche Art, die 2006 den Aus­schlag dafür gab, dass die ita­lie­ni­sche Natio­nal­mann­schaft so unbe­irrt durch das WM-Tur­nier schritt. Trotz der Tat­sache, dass die stolze Fuß­ball­na­tion nur kurz vor Tur­nier­be­ginn von einem Mani­pu­la­ti­ons­skandal durch­ein­ander gerüt­telt worden war, an dem fast alle Ver­eine der Aus­wahl­spieler betei­ligt waren.

In den 2010er Jahren wurde es still um Lippi – zumin­dest hier in Europa. Der Ita­liener heu­erte in China bei Guang­zhou Ever­grande an und wurde dort mit einem über­lie­ferten Jah­res­ge­halt von zehn Mil­lionen Euro zu einem der best­be­zahl­testen Trainer der Welt. Was ihn nicht dazu bewog, die letzten Jahre im Trai­ner­ge­schäft ruhiger angehen zu lassen. Drei Meis­ter­schaften, ein wei­terer Sieg in der asia­ti­schen Cham­pions League – der Tro­phä­en­schrank musste auch gegen Ende seiner Trai­ner­kar­riere regel­mäßig erwei­tert werden.

Eine Tür bleibt offen

Wie erfolg­reich Lippis Trai­ner­stil war, zeigt sich auch an seinen Nach­fol­gern. In Juves Mit­tel­feld zogen Zine­dine Zidane, Antonio Conte oder Didier Deschamps die Fäden. Sie alle sind heute selbst Trainer und haben ihren ehe­ma­ligen Übungs­leiter in Sachen Erfolge teil­weise sogar über­troffen. Didier Deschamps, von 1994 bis 1999 Spieler bei Juve, gewann mit der fran­zö­si­schen Natio­nal­mann­schaft 2018 die Welt­meis­ter­schaft, Zine­dine Zidane schaffte es als erster Trainer nach Mar­cello Lippi, drei Mal in Folge das Finale der Cham­pions League zu errei­chen (und gewann im Gegen­satz zu seinem Mentor alle drei Par­tien). Antonio Conte wurde nicht nur ita­lie­ni­scher und eng­li­scher Meister, son­dern trai­nierte – wie Mar­cello Lippi – die ita­lie­ni­sche Natio­nal­mann­schaft. Und mit Andrea Pirlo bei Juve, Gen­naro Gat­tuso bei Neapel und Filipo Inz­aghi, der in dieser Saison mit Benevento Calcio in die Serie A auf­stieg, hat die ita­lie­ni­sche Liga noch wei­tere Trainer, die zuvor unter Lippi gespielt und gelernt haben.

Mar­cello Lippi wird die Arbeit seiner Schütz­linge weiter genau beob­achten – am Mitt­woch­abend kom­men­tierte er etwa die Cham­pions-League-Partie von Contes Inter gegen Borussia Mön­chen­glad­bach. Ein voll­kom­mener Abschied ist es also nicht. Viel­leicht werde ich noch in anderen Rollen nütz­lich sein, wir werden sehen“, ließ er bei der Ver­kün­dung seines Rück­tritts am Don­nerstag eine Tür offen, dass er dem Fuß­ball noch in anderer Funk­tion erhalten bleibt. Auf der Tri­büne ist seine Brille beim Jubeln dann bestimmt geschützter als am Spiel­feld­rand.